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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 01. Juli 2010

Alltagsbegleiter machen das Leben der St.-Anna-Bewohner und einsamer alter Menschen in Gmünd einfacher

Schwester Marzella sucht keine Opfer. Sondern Menschen, die nicht nur anderen, sondern auch sich selbst Gutes tun wollen. Menschen wie Rosemarie Effenberger, die in Gertrud Thiem eine Freundin gefunden hat — und die der alten Dame ganz nebenbei ihren Herzenswunsch erfüllt.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Es hat mit Schmerzen begonnen. Mit richtig schlimmen Schmerzen. Aber als Gertrud Thiem der Rems-​Zeitung vor zwei Jahren half, Kontakt zu ihrem großen Bruder aufzunehmen, der im kanadischen Kloster St Peters’s lebt, war noch nicht abzusehen, dass die Durchblutungsstörungen sie ein Bein kosten würden. „Weinen und jammern nutzt nichts“, sagt die 75-​Jährige. Dass sie nicht klagt, heißt freilich nicht, dass der Abschied von dem Leben, das sie bislang gekannt hatte, leicht war. Sie lernte, den Rollstuhl zu benutzten; sie kommt zurecht. Nur beim Duschen braucht sie Hilfe, und wenn sie sich den Stützstrumpf anziehen will. Wenn ihre Hände nicht krampfen, malt sie. Das hat sie sich nach einer Operation des Grauen Stars vor vier Jahren beigebracht und es zu erstaunlichen Fertigkeiten gebracht. Sicher ihr Pinselstrich, gekonnt ihr Aquarell — ihre Serie „Gmünder Türen“ wurde im Spital ausgestellt; der Tür des alten Gmünder Mutterhauses hat Generaloberin Sr. Marieluise Metzger im Klosters Untermarchtal einen Ehrenplatz eingeräumt. Allein ist sie auch nicht: Die viel jüngere Freundin Stefanie Hinderer kümmert sich um sie, „wie es eine Tochter nicht besser könnte“, Bruder Wolfgang wird im September seine Tomatenfelder abgeben und sie besuchen. Was ihr fehlte war das Schwimmen. Seit ihre Tante Anna Weinhöppel – einst gestrenge Bademeisterin im alten Stadtbad — ihr’s beigebracht hat, schwimmt Gertrud Thiem.
Und hier kommt Rosemarie Effenberger ins Spiel, die vor vier Jahren begonnen hat, in St. Anna am Empfang zu arbeiten und sich mehr und mehr einbinden lässt in einen Dienst am Nächsten, der sich mit Geld nicht bezahlen lässt. Ihr Labrador Balu wird derzeit zum Besuchshund ausgebildet — gestern war’s ihm nur zu heiß -, und vor allem bemüht sie sich um die Bewohnerinnen Margot Munz und Gertrud Thiem. Letztere kann ihr Glück nicht fassen: Jeden zweiten Mittwoch nimmt Rosemarie Effenberger sie mit ins Hallenbad. Dort kommt die alte Dame prima zurecht, manchmal fehlt ihr ein bisschen das Gleichgewicht, und vor allem wenn sie ins Becken steigt, braucht sie Hilfe, aber ihr guter Geist winkt ab — kein Aufwand, keine Last, gar nicht. Und das Schieben des Rollstuhls? „Macht Muskeln“, sagt die Ehrenamtliche und lacht, „eigentlich müsste ich nicht mehr ins Training“. Im Ernst: Sie habe eine schöne Aufgabe übernommen, und einen sehr lieben Menschen kennen gelernt. Allein Gertrud Thiems Freude im Wasser zu sehen, lohne den Aufwand: „Da kommt so viel zurück“. Natürlich gäbe es anderes zu tun, aber das hier bedeute mehr.
Schwester Marzella hat das alles eingefädelt, will noch viel mehr Menschen zu „Alltagsbegleitern“ machen, bei weitem nicht nur für ihre Bewohner: Es gebe so viele Menschen mit einer Altersdepression in Gmünd, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen und völlig vereinsamen. Gegen Traurigkeit, die nicht aufhört, hilft ein Mensch, der sich kümmert. Ab September will die Oberin in St. Anna eine Art Ausbildung für Ehrenamtliche anbieten — wie jemand im Rollstuhl geschoben wird, was Demenz bewirkt und dergleichen; lauter Dinge, die ihre jetzigen Helferinnen so nebenbei lernen. Übrigens würde sie sich auch über männliche Helfer sehr freuen. Da gibt’s einen alten Herrn in der Gmünder Innenstadt, der ab zu mal in St. Anna zu Mittag isst. Er ist ebenfalls ein Kämpfer, auch er kommt im Rollstuhl gut zurecht. Aber er kommt eben nicht mehr in sein Gärtle, und genau das fehlt ihm. Sehr. Bäume fällen müsste der Begleiter nicht, wohl aber ihn das letzte Stückle Weg hochschieben. Gertrud Thiems Glück wäre da gut — oder einfach jemand wie Schwester Marzella, die sich seiner Sache angenommen hat.
 

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