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» Kultur | Donnerstag, 15. Juli 2010

Heidenheimer Opernfestspiele: Ein radikaler Neuanfang mit „Tosca“ unter der Leitung von Marcus Bosch

Ein Tag voller Superlative: extrem heiß — vor einem Jahr bitterkalt; vorgeplant als Finale der romantischen Trilogie Wagners „Holländer“ — nun durch die Zäsur der Leitung von Canonica zu Marcus Bosch auch ein radikaler Neuanfang: Puccinis „Tosca“. Von Peter Skobowsky

OPER. Stolperte der Leser kurz ob des Titels im Einführungsheft: „Kreativteam“, so wurde er rasch inne, dass es sich nicht um Modepolitur, sondern um ein programmatisches Nomen der Heidenheimer Opernfestspiele handelte: Hatte man in früheren Jahren öfter den Eindruck der Annäherungsdifferenz zwischen Dirigent, Regie und Bühne (z. B. ein mehrfach eigenartiger Bühnenbildner Hellenstein), so gingen heuer alle künstlerischen Ansätze in eins: kongenial mit gegenseitig potenzierender Wirkung. Die geringe Bühnentiefe des Rittersaales setzte markante Ideen frei: Beschränkung als Konzentration auf das Wesentliche - schnörkellos, aber voll symbolträchtiger Tiefe.
Detlev Beaujean platziert in die Mitte ein überdimensionales Kreuz, davor hintersinnig zwei brennende Grabeskerzen. Hinter dessen großmaschiger Vergitterung ein Affront!
Nichts von einem Altarbild und der noch zu vollendenden Maria Magdalena durch den Maler Mario Cavaradossi, sondern die unerbittliche Wucht von Hans Memlings angeeignetem „Das Jüngste Gericht“ — jener Teil des Danziger Renaissance-​Triptychons, der die Höllenfahrt der Verdammten im Detail überaus eindringlich darstellt. Dieses Menetekel weicht keine Sekunde aus dem Blick — Mahnung und Anklage zugleich. Die Kreuzvervielfachung in unzähligen Maschen diente im Positionswechsel der Akteure zudem ausdrucksverstärkend. Und im Schnittpunkt von vertikalem Grauen und horizontaler Handlungsgewalt öffnet sich jene Zelle der Engelsburg, des berüchtigten Gefängnisses von Rom, in welcher die Zukunft der Liebenden Tosca und Cavaradossi zu kulminieren scheint.
Daneben die Schaudern erregende Realität mittels Baugerüsten, bespannt mit rotem Tuch. Überhaupt prägt die Mehrdeutigkeit von Farben und Symbolen die Handlungs– und Gehaltstränge der Oper, die wegen ihres Abgründe offenbarenden Geschehens zugleich psychosoziale Attribute freilegt. Fast „archetypisch“ werden die Mechanismen von Diktatur, Folter und Gewalt realisiert, denen jede humane Regung fremd bleibt; geht es doch nur um den narzisstischen Rausch der Macht, dem sich alles und alle zu fügen haben. Das Libretto macht nicht zufällig Anleihen bei „Othello“ oder „Fidelio“ — zu sehr gleichen einander die Schicksale. Daneben innige Zweisamkeit, durch genährte Eifersucht auf die Probe gestellt, die den Verbrechern in die Hände spielt.
Regie, Bühne und Kostüme verstärken einleuchtend die musikalische Deutung.
Es ist keine unzulässige Verfremdung, wenn der ängstliche Messner irritierend lustig mit dem Besen in der Kirche tanzt; wenn die Schergen des Polizeichefs Scarpia einem Zug verängstigter Juden Koffer und Wertsachen entreißen, bevor diese zu ihrer letzten Fahrt gejagt werden; wenn inmitten des teuflischen Geschehens 21 junge Leute weiße Holzkreuze samt brennenden Grabeskerzen aufstellen … Oder: Bevor der zweite Akt im Palazzo Farnese beginnen kann — das Publikum strömt noch zu den Plätzen -, tafelt Scarpia demonstrativ. Wenn musikalische Bühne eine Botschaft übermitteln will, so muss man die Heidenheimer „Tosca“ als rundum gelungen bezeichnen: Alle Rollen sind vom Typ und der künstlerischen Potenz her glänzend besetzt: die umwerfende Melba Ramos als Tosca, allen Regungen gültigen Ausdruck verleihend, in sowohl technisch als ästhetisch makelloser Stimmführung. Ihr Vorbild Maria Callas erfährt eine authentische Reverenz selbstbewusster Persönlichkeit.
Ein zierlich schlanker Fulvio Oberto als Maler Mario Cavaradossi, der — lyrisch oder heldisch-​hochdramatisch — seiner Geliebten in nichts nachsteht, weshalb die Beiden je für sich als auch im Ensemble einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. (Anrührend, wie er während des
 

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