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» Schwäbisch Gmünd | Montag, 19. Juli 2010

Dem ausgewählten Ort 2010 im Wettbewerb „Deutschland — Land der Ideen“ gehen beim Europäischen Kirchenmusikfestival die Ideen nie aus

Beim Eröffnungstag des diesjährigen Festivals Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd ging es ohne Umschweife „zur Sache“. Von Peter Skobowsky

SCHWÄBISCH GMÜND. Da war zuerst das Musikforum der Akademie der Diözese Rottenburg-​Stuttgart in der bewährten Regie Detlef Dörners. Der Stuttgarter Kirchenmusiker und Komponist ist der EKM seit Jahren in verschiedenen Funktionen kompetent verbunden: Kompositionsauftrag, musikalische Leitung bei Eröffnungsgottesdiensten, Spiritus rector der Akademieveranstaltungen, 2010 sogar in der Doppelfunktion der Präsentation: in der Analyse der Preisträger-​Komposition und der musikalischen Realisation der Uraufführung im Gottesdienst.
Dörner ist ein überaus akribisch Dienender des Vorhabens: Beispielgebend sind seine Analysen, die das Werk auch dem weniger Erfahrenen erfolgreich erschließen. Zudem war das ausführende „Ensemble Aequinox“ anwesend, um in Teilen und Gänze das preisgekrönte Werk zu musizieren.
Aus 45 Einsendungen gab die Jury einstimmig dem erst 40-​jährigen Australier Terence Yap den Preis für seine Annäherung an das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 1132). In der Vorgabe durchbrach man das langjährige Kriterium: dass die zeitgenössische Komposition auch für ambitionierte Laien zu bewältigen sein muss, um nicht das Schicksal einer elitären „Eintagsfliege“ teilen zu müssen. Heuer war zu befolgen: ein Vokalist, bis zu höchstens vier Instrumente, maximal 12 Minuten lang, Textbezug: Lk 15 oder/​und die Kurzgeschichte „Heimkehr“ von Franz Kafka.
Yap schrieb sein Werk „View of The Son From The Father’s Eyes“ für Stimme, Flöte, Tenorsaxophon, Geige und Cello. In vier Teilen wird fragmentarisch die Beziehung Sohn-​Vater ausgelegt, nicht erzählend, sondern „atomisiert“ in Rufen: gesungen, geflüstert, gesprochen — alles sehr emotional betroffen und darum durchaus unmittelbar verständlich.
In der europäischen Tradition avantgardistischer Kompositionstechniken (Lachenmann u. a.) entwickelt der junge Komponist eine bemerkenswerte Offenheit. Die psychische Spannung bei Vater und Sohn wird förmlich thematisiert und mit allen Mitteln von Stimme (exzellent der Bariton Frank Wörner) und Instrumenten, die quasi multiphonal (mehrstimmig) obertonassoziierend und z. T. mit Viertelstönen) produzieren. Das spannende Projekt gerinnt zu eindrücklicher Entfaltung. Dörner erschloss die Einheit des Ganzen in vier Hauptteilen mit Unterteilungen nach Taktart, Tempo, Ausführungsanweisungen und Text. Die Wortwiederholungen (Reue, ängstlich, Gewissensbisse, fluchen, warum?, Vater, mein Sohn, Liebe) und Empfindungsrufe (ach, oh) bieten im instrumental ganz unterschiedlichen Kontext einen Blick in die Herzen des „verlorenen“ Sohnes und des barmherzigen Vaters. Das Ganze ist „narrativ“ gelungen. Im Gottesdienst stand das Werk zwischen der Lesung der Perikope und der Predigt.
Münsterpfarrer Robert Kloker führte kompetent in den Bibeltext ein, beseitigte Vorurteile (das Unrecht des jüngeren Sohnes ist nicht sein Weggang mit dem ihm zustehenden Erbe, sondern dessen Verprassen …), stellte den Kontext zur religiösen Moral der Zeitgenossen dar (man hängt sich nicht an Nichtjuden, hütet nicht unreine Tiere …) und fokussierte auf den himmlischen Vater, der entgegenkommt, vergibt, ein Fest feiert und den „braven“ Bruder des „verlorenen“ liebevoll umwirbt, mitzufeiern: Seelsorge an Gestrauchelten – das ist die Summe der Botschaft.
Didaktisch-​psychologisch wäre es sicher günstiger gewesen, die Komposition nach dem Gespräch mit seinem Tonschöpfer zuerst ganz vorzustellen und dann erst ins Detail zu gehen — erst den „Humus“ bereitend, dann analytisch „ackernd“. Dennoch war das Musikforum „Musik und Liturgie“ eine ergiebige Auseinandersetzung mit vielen Facetten und Details, gekrönt durch das Hören: hinein in das Werk selbst, die Seelenlage nicht nur der biblischen Akteure, sondern auch des Komponisten selbst, dessen Bescheidenheit anrührte. Weil oder trotz der Nichtbeherrschung des Deutschen (dem Simultandolmetscher gebührt ein großes Kompliment!) überzeugte die Umsetzung, besser: Einlösung der Vorgabe — zu Recht mündend in das einstimmige Votum der Juroren. Das zahlenmäßig kleine, aber feine Forum hatte den Gewinn eines bedeutsamen Nachmittags.
Hitze und brennende Sonne vermochten nicht, die
Motivation zu bremsen
Der Beginn des Festivals für die Besucher hatte den Veranstaltern eine ausgezeichnete Idee abgenötigt: (nach dem Motto der EKM 2010) „Jung und Alt“ zu gemeinsamem Musizieren zusammenzubringen. Hitze und brennende Sonne vermochten nicht, die Motivation zu bremsen; die Kürzung des vorbereiteten Programms durch den fürsorglichen Oberbürgermeister erleichterte dem DRK das (unnötige) Geschäft.
Kulturbüroleiter Ralph Häcker moderierte nicht nur anmutig und anspornend, er dirigierte mit Bravour die Gesänge, optisch synchron mit Norbert Bausback, dessen Stadt-​Jugendkapelle bestens disponiert brillierte: in Instrumentalbeiträgen und Begleitung. Neben vielen Kindergarten– und Grundschulkindern gab es ein Zusammenwirken mit Senioren(gruppen) – eben Alt und Jung; und die vielen Besucher taten willig, begeistert und tonsicher mit. Neben den bekannten Volksliedern war der vokale Höhepunkt ein Quodlibet von acht der zehn möglichen Parallelkanons. Oberbürgermeister Richard Arnold intonierte selbstbewusst das tenoral anspruchsvoll hohe „Heißa, Kathreinerle“. Es bedurfte seiner als „Rattenfänger von Hameln“ nicht ob seiner natürlichen Fähigkeiten, positiv anzustecken. Alles in allem ein fulminanter Auftakt, gekrönt durch die originelle Festivaleröffnung und die Preisverleihung „Ausgewählter Ort 2010“ im Wettbewerb „Deutschland - Land der Ideen“ – und die gehen der EKM nie aus!
Geistlicher Brennpunkt der EKM–Eröffnung war der ökumenische Gottesdienst
Der geistliche Brennpunkt der EKM–Eröffnung war der traditionelle ökumenische Gottesdienst im Heilig-​Kreuz-​Münster. Bereits 50 Minuten vor Beginn füllte sich das Gotteshaus, bevor nach der Orientierungsprobe des Jungen Kammerchores Baden-​Württemberg unter den kritischen Ohren des durchs Mittelschiff wandelnden Chorleiters Jochen Woll dessen Introitus, J. S. Bachs erster Motettenteil des doppelchörigen „Singet dem Herrn ein neues Lied“ zum Einzug der Liturgen anhob.
Die Perfektion des jungen 22-​stimmigen Ensembles zwang zum Lauschen: In der bekannt heiklen Akustik des Münsters bereitete das Proben die Sorge, ob das kleine Häuflein sich wohl durchsetze und bei den überaus raschen Tempi die Konturen erkennbar blieben. Die erste Sorge schmolz zum Glück, die zweite offenbarte das inzwischen übliche Dilemma: Musizieren aus dem räumlichen Kontext zu abstrahieren ist eine sträfliche musikalische Sünde, wenngleich sie dem doppelten Mainstream pseudodogmatisch geschuldet wird: Tempo um jeden Preis, auch den des reinen Klangströmens, genauer: des zwanghaft folgenden Klangbreis verschwimmender Konturen und der willkürlichen Bemächtigung des Textes, den es doch nach der berechtigten Heinrich-​Schütz-​Forderung der „adæquatio textus“ auszulegen gilt. Und dann die sattsam praktizierte Manie des Zerreißens des Schlusswortes „Hallelu | ja“. Schade angesichts der differenzierenden Begabung der Choristen und ihres höchst sensiblen Dirigenten.
Ganz anders dagegen Münsterorganist Stephan Beck. Er kennt „seinen“ Wirkungsort nur zu genau! Mit der ihm eigenen Einfühlungsgabe trifft er in den Intonationen den „Ton“ der zu begleitenden Choräle: in der Registrierung, im Duktus und der verborgenen, aber deutlichen Motivation zum Liedsingen. Und Bachs dorische Toccata in d kommt in gebremstem Tempo zu fantastischer Wirkung: Thema, kontrapunktische „Spiegelung“, Manualwechsel und mit Zungen dominiertes Pedal schaffen jene Öffnung der Zuhörerherzen, der nur Begeisterung bleibt: „O dass ich tausend Zungen hätte!“. Völlig bemerkenswert geriet die Wettbewerbskomposition von Terence Yap. Unter der hellwachen Leitung Detlef Dörners bestachen Frank Wörner und das Ensemble Aequinox durch ihre engagierte Einlösung der Komponistenintention. Der völlig andere akustische Kontext (Predigerrefektorium-​Münsteraltarraum) ließ das Werk ganz anders erleben: noch eindrücklicher im Verschmelzen oder in den Reibungen der Details. Jedenfalls gewannen emotionale Tiefe und Betroffenheit enorm. Deshalb war die (im Forum diskutierte) Wiederholung (nach der Predigt) tatsächlich entbehrlich.
In der gehaltvollen Predigt knüpfte die Ulmer Prälatin Gabriele Wulz, die schon früher beim EKM–Eröffnungsgottesdienst den Dienst der Verkündigung hatte, am Gehörten der Uraufführung an: den Klangteppich, die Wortfetzen mit ihrem Blick auf Sohn und Vater, der den Raum zum Weiterdenken öffnet. Der vertraute Text wird ganz neu gehört und drängt zur Frage: Wie geht es weiter? Wird der „brave“ Bruder gar nicht anders können als mitzufeiern? Wird er dem werbenden Vaterherzen und seinem Angebot der Liebe widerstehen, den Neid beherrschen, die Neben– und Aufrechnungen sein lassen können? Verloren sind ja beide Söhne in ihren je anderen Lebenslügen. Unter Erinnerung an die altbekannten Geschichten von Kain und Abel, Jakob und Esau, Joseph… geht es um den Vater im Himmel. Er ist die heimliche Hauptperson. Liebe lässt sich keine Zeit, sucht immer nach dem Verlorenen, fällt aus der „Rolle“.
Die Geschichte ist ein Gleichnis für Gott selbst: Gottes Liebe hält zusammen, sucht Ausweg, Rettung. Wir alle sollen leben und – mitten am Tag – das Fest der Auferstehung feiern! Er will uns zur Quelle des Lebens werden, damit unser Leben ihn lobt. Lesung, Psalm-​, stilles Gebet, Predigt und Segen lag in den liturgischen Händen von Dekan Nau und Pfarrer Kloker. Anrührend die Fürbitten, vom Kind, Jugendlichen, Vater und alten Menschen vorgetragen in den Nöten und Anliegen der Generationen.
Vor dem Schlusslied übergab Oberbürgermeister Arnold den Kompositionspreis der Stadt an Terence Yap in Worten der Anerkennung, mit Urkunde, Preisgeld und Blumen. Das vollbesetzte Münster war ein Ort des Gotteslobes, dem das Festival zutiefst verpflichtet ist – ein würdig festlicher Beginn der diesjährigen Europäischen Kirchenmusik.
 

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