Die Ausstellung über die Firma Prade ist jetzt im Glas– und Bijouteriemuseum des ursprünglichen Firmenstandorts zu sehen
Eine Gmünder Reisegruppe fuhr nach Tschechien, um die Eröffnung der Karfunkelschein-Ausstellung im staatlichen Glas– und Bijouteriemuseum von Jablonec mit zu erleben. Die fachkundige Reiseleitung hatten Dr. Kurt Scholze und Manfred Schneider übernommen.
SCHWÄBISCH GMÜND (slg). Vorweg ging es zu einem der schönsten Prager Aussichtspunkte am Hradschin, wo der Parler-Experte Petr Chotébor einige Erläuterungen zur Prager Burg gab und den Blick der Reisenden auf die Dächer, Türme und Brücken der tausendjährigen Stadt lenkte.
In Gablonz angekommen, traf man sich nachmittags zur feierlichen Ausstellungseröffnung. Etwa
100 Personen, zur Hälfte Tschechen und Deutsche, waren gekommen, die Hälfte davon aus Schwäbisch Gmünd, auch Schülerinnen des Berufkollegs im Arenhaus waren anwesend. Frau Döbbelin wurde von vielen Gästen begrüßt, darunter Rudolf Böhmler und seine Frau und Oberbürgermeister Richard Arnold. Auch einige Jugendfreunde von Marianne Döbbelin waren zur Eröffnung gekommen, die nach Kriegsende nicht ausgesiedelt wurden. Anwesend war auch ein Mitarbeiter des städtischen Museums von Trautenau/Trutnov, das durch jahrelange Kontakte mit dem Schriftgutarchiv Ostwürttemberg verbunden ist.
Der Bürgermeister von Jablonec n.N., Petr Pleticha, begrüßte die Anwesenden, anschließend sprach die Direktorin des staatlichen Glas-und Bijouteriemuseums, Frau Slabá. Beide drückten ihre Freude darüber aus, dass die Kontakte zwischen Tschechen und Deutschen wieder intensiviert würden. Frau Slabá dankte Frau Döbbelin für ihre großzügige Schenkung, denn alle Ausstellungsstücke werden im Gablonzer Museum bleiben. Die Reden wurden jeweils von einem Dolmetscher ins tschechische bzw. deutsche übersetzt.
Oberbürgermeister Richard Arnold betonte in seiner Ansprache, mit dieser Schenkung kehre das Lebenswerk von Marianne Döbbelin und ihrer Schwester Irmentraut Prade an den Ursprungsort zurück, dort, wo ihr Vater Richard Prade
1922 die Firma gegründet hatte. Es sei ein langgehegter Wunsch von Marianne Döbbelins, dass diese Ausstellung eines Tages in den Bestand des Glas– und Bijouteriemuseums Gablonz eingehen würde. Richard Arnold erinnerte an das Schicksal der Familie Prade und der Millionen von deutschen Heimatvertriebenen. Er zitierte den Philosophen Odo Marquard: „Zukunft braucht Herkunft“ und sagte, dass zur Identität ganz wesentlich die eigene Geschichte gehöre. Die Erinnerung an das Vergangene, an die gemeinsame Geschichte, sei das Fundament für die Zukunft. Frau Döbbelin setze mit der Schenkung ein Zeichen der Versöhnung, für ein neues Aufeinander-zu-gehen, ein friedliches Miteinander zwischen Tschechen und Deutschen.
Richard Arnold wörtlich: „Die Schenkung ist ein wichtiger Baustein für die Brücke der Versöhnung, nicht nur zwischen Ihnen und Ihrer früheren Heimat, zwischen unseren Städten Jablonec und Gmünd sondern auch zwischen Tschechien und Deutschland. Diese Schenkung bewegt mich sehr, da ich mir bewusst bin, dass dies ein historischer Moment ist.“
Da Professor
Dr. Jürgen Wertheimer am Vortag erkrankt war, sprang Ursula Muck kurzfristig für ihn ein und trug eine gekürzte Fassung seines Aufsatzes „ Böhmen liegt am Meer….“ vor, der als Einführung im Katalog der Ausstellung abgedruckt ist.
Danach überreichte Frau Slabá Marianne Döbbelin, OB Richard Arnold, Doris Raymann-Nowak und (in Abwesenheit)
Prof. Wertheimer und Robert Schöne die Ehrenmedaille der Fachschule.
Anschließend konnte man im Museum, einem beeindruckenden Jugendstilgebäude, die Ausstellung besuchen. Sie zeigt die Entwicklung der Gablonzer Modeschmuck-Manufaktur Prade, die stellvertretend für hunderte von Betrieben der Gablonzer Industrie steht. Frühere Stationen der Ausstellung waren Zons bei Düsseldorf, Brüssel, Neugablonz und Schwäbisch Gmünd. Konzeption und Gestaltung der Ausstellung liegen bei Marianne Döbbelin, Dieter Raymann und Doris Raymann-Nowak, die grafische Gestaltung hatte Robert Schöne übernommen, die Vitrinen stammen von Messedesign Schöne. In den angrenzenden Räumen wird zeitgleich eine Ausstellung anlässlich des
130-jährigen Jubiläums der Gablonzer Fachschule gezeigt. Hier hatte Richard Prade, der Vater Marianne Döbbelins, seine Ausbildung erfahren.
Schon
1991 hatte es im Schmuckmusuem eine Ausstellung über Riedel-Glas gegeben. Und
2012 wird eine Preßglas-Ausstellung mit Arbeiten von Curt Schlevogt und Heinrich Hoffmann im Museum präsentiert werden. Die Planung der Ausstellung war von gegenseitigem Verständnis und Entgegenkommen geprägt.
Dr. Petr Novy, Kurator des Museums, hatte auch die Verwalterin der früheren Firma Prade zur Eröffnung eingeladen, die
1945, nach der Enteignung der Firma Prade eingesetzt worden war.
Danach lud Marianne Döbbelin die Gruppe zum Abendessen ein. Hier war eine zwanglose Begegnung der beiden Bürgermeister möglich, da Herr Pleticha deutsch spricht. Spontan lud er die Gruppe für den nächsten Vormittag zu einem Empfang ins Rathaus ein.
Am nächsten Morgen begleitete
Dr. Scholze die Gruppe auf einem kurzen Spaziergang durch Gablonz, u.a. wurden das Stadttheater, die Post und die St. Anna-Kirche betrachtet. Die Begrüßungsworte des Bürgermeisters beim anschließenden Empfang waren zukunftsweisend, es geht ihm um die Normalisierung der Beziehungen mit den Deutschen. Die beiden Bürgermeister tauschten Buchgeschenke aus. Anschließend trugen sich die Schwäbisch Gmünder Gäste ins Buch der Stadt Jablonec n.N. ein.
Danach blieb nur noch die kurze Möglichkeit, den Rathausturm zu besteigen. Von ihm überblickt man die Stadt, das ansteigende Isergebirge und den Jeschken. Nach dem Besuch der Talsperre wurde die Heimreise angetreten.
Die Reise bot die Gelegenheit, neue Erkenntnisse zu gewinnen und eigenes Wissen zu vervollständigen in der Hoffnung auf eine neues Miteinander der tschechischen und deutschen Bevölkerung. Eine Reise in die Vergangenheit, mit dem Ziel, tragfähige Brücken in die Zukunft zu bauen.
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