»
Kultur |
Freitag, 23. Juli 2010
Marcus Creed und das SWR-Vokalensemble: Der EKM-Preisträger eröffnet seinen Choristen einen exemplarischen Spielraum
Ein großer Tag für Schwäbisch Gmünd und sein Festival: Der Preis der Europäischen Kirchenmusik wurde an einen Interpreten vergeben, diesmal an Marcus Creed, der mit seinem SWR–Vokalensemble das Lob einlöste, das ihm völlig zu Recht zuteil wurde.
KONZERT (-ry). Neben seinem Kollegen Michael Gläser kenne ich keinen Chormeister in des Wortes bester Bedeutung, der einen so unmittelbaren Bezug zur Chorkultur hat. Beide sind „geborene“ Sänger und vertreten ein Credo, dem nichts äußerlich Aufgesetztes eignet, dafür Bodenhaftung, menschliche wie musikalische Kompetenz und eine Vorstellungsgabe, deren Resultat in allen Facetten immer einfach nur schön ist.
Vor fast zwei Jahren gastierte der Maestro mit seinem
SWR–Vokalensemble in Augustinus. Das damalige Aufhorchen ob diesem Hörereignis wirkte nachhaltig.
Der Laudator, der den Preisträger seit
1989 kennt,
Prof. Dr. Clytus Gottwald, jener (fast schon) legendäre Leiter der Stuttgarter Schola Cantorum, brachte es in der Beschreibung des Werdegang Creeds, seiner Ziele und Intentionen auf den Punkt: „Klang besitzt vielmehr reiche Möglichkeiten des Ausdrucks. Marcus Creed sucht den Klang in der Interpretation, vermeidet jeden Aplomb, den Paukenschlag. Der Klang findet zunächst in seiner Imagination statt, bevor in nüchterner Arbeit versucht wird, ihm zur Erscheinung zu verhelfen.“
Creed wollte zwar Dirigent, aber nie Chordirigent werden. Das Schicksal holte ihn rasch ein, und heute ist er einer der führenden Künstler seines Metiers.
Kurt Thomas hatte in seinem „Lehrbuch der Chorleitung“ festgestellt: „Es gibt keine schlechten Chöre, es gibt nur schlechte Chorleiter.“ Der Umkehrschluss trifft auf Creed absolut zu. Im Kontrast oder in der Ergänzung (zu) seiner „handfesten“ Erscheinung durfte man wieder einen „Dompteur“ erleben, der unerbittlich forderte, aber mit Liebe und Charme. Ganz selten erlebt man als Hörer das Glück, dass jeder Klang, jede Linie, der Atem und das (unendliche) Durchtragen gespeist wird aus einer geistigen, geistlichen Haltung der Demut, die völlig uneitel einem Klangideal verpflichtet ist, das allen sängerischen und interpretatorischen Kriterien gerecht wird. Legato als „konstitutionelles Dogma“! Alles nicht nur ensemblefähig, sondern stets gerecht. Kein solistisches Stechen, dafür klangliche Integration bis in die Extremforderungen an Höhe und Dynamik.
Creeds Dirigieren ist transparent, zwingend, dennoch oft sparsam auf das Nötigste beschränkt und so seinen Choristen Spielraum zu eröffnen, der deren Musikalität nicht knechtet, sondern geradezu herausfordert. Mag mancher Kritiker andere Vorstellungen haben, die Stringenz von Creeds Deutung heischt Hochachtung. Man spürt es seinem Chor an, dass das Ganze als äußere und innere Einheit lebt, pulsiert, vibriert. Exemplarisch wird deutlich, was Ohr und Herz jedes aktiv und passiv Beteiligten erreicht, erreichen soll. Wenn doch nur alle Chorleiter diesem Ideal huldigten! Wie viel perfekte gibt es, die ihren eigenen Kriterien genügen (wollen), und wie viele verstehen sich als Diener an der Musik, ihnen anvertraut zur Freude der Hörer!
Das musikalische Programm des Abends ist schnell umrissen: lauter Bearbeitungen anderer Komponisten, hochinteressante Adaptionen in Andeutung, Fokussierung, Impetus oder einfach Klang. Bekanntes erscheint in anderem, neuem Licht, rhythmisch, flächig „verfremdet“ und doch so vertraut machend. Jeder Kenner weiß, dass das A-cappella-Singen weitaus schwieriger ist als von Instrumenten „gestützt“. Ohne „Netz und doppelten Boden“, bei vollem Risiko, muss Jede/r dazu beitragen, dass die erstrebte Einheit gelingt: technisch brillant, intonationsrein. Bei Creed „schwelgt“ alles cantabile. Er ist „Romantiker“ im besten Verständnis. Nichts ist abstrakt pointiert. Die Einheit ist schlicht mehr als die Summe ihrer Details. Das ist Creeds wunderbares Geheimnis.
Mag man über die Adaptionen selbst streiten — es ist legitimes Recht der Bearbeiter, auch nur eine Facette der Vorlage herauszuarbeiten. Insofern war auch die Uraufführung von Bedeutung: drei Kompositionen Gustav Mahlers in chorischer Umsetzung von Clytus Gottwald. Ich bin überzeugt, dass abständige junge Menschen über diesen sublimen Weg solcher Chorerfahrung Zugang zum (Orchester-)Original gewinnen könnten. Homogenität als beglückendes Erlebnis!
Oberbürgermeister Arnold bescheinigte denn auch nach dem langen Beifall (zuerst zögerlich, dann aber ansteckend: standing ovations) dem Preisträger, „Klang-Bearbeiter“ zu sein, Noten zum Klingen gebracht und den Klang kultiviert zu haben: „Sie haben uns mit diesem Konzert den Kosmos der ‚Vokalbearbeitungen’ erschlossen.“ Und so überreichte das Stadtoberhaupt dem Chorprofessor Urkunde, Preisgeld und einen Blumenstrauß. Creed dankte kurz und herzlich für die Ehre. Sein „tiefster Dank“ gehe aber „an das einmalige
SWR–Vokalensemble“.
Kommentare
Neuen Kommentar hinzufügenVon mir zu kritisieren ist Ihre Artikel-Überschrift.
"Der EKM Preisträger eröffnet seinen Choristen einen exemplarischen Spielraum"
Diese exorbitante Ensemble-Leistung des SWR-Vokalensembles konnte nur deshalb zustandekommen,weil Marcus Creed seinen Chorsolisten eben keinen individuellen Spielraum erlaubt,sondern durch anerkannte,vom Ensemble gewünschte Führung einen exemplarischen Gleichklang einfordert und erzielt! Seine dynamische Grundstruktur geht nicht vom mezzoforte wie üblich,sondern vom piano aus.Dadurch entsteht eine leichtere Durchhörbarkeit und Qualität,welche nur von professionell geschulten Personen geleistet werden kann,nicht zu verwechseln mit landläufigen Choristen oder Chorsängern!