Rems-Zeitung - Täglich eine gute Zeitung

Anzeige

Lokalnachrichten

» Kultur | Sonntag, 25. Juli 2010

Festival Europäische Kirchenmusik 2010: „Philemon und Baucis“ — eine Haydn-​Oper als Beitrag zum Thema „Jung und Alt“

„Philemon und Baucis“ – eine Haydn-​Oper als Marionettenspiel und – als Beitrag zum Thema „Jung und Alt“ im Kirchenmusik-​Festival. Das musste einfach neugierig machen.

KONZERT (-ry). Unabdingbar für ein „informiertes“ Hören war die vielschichtige Einführung im Programmheft. Die Dirigentin und Co-​Komponistin Konstantia Gourzi hatte darin ihr Herz geöffnet, die Entstehungsgeschichte, die Not(wendigkeit), das Verschollene an Text und Musik musikalisch neu zu formulieren, die Bedingungen für dieses neue Ganze, schließlich die räumlichen Voraussetzungen zu schildern. Die Intention der „mobilen Oper“ ist ja weit mehr als Tourneetheater. Die anvisierte „Integration“ erfordert stets neue Regie, im eigentlichen und musikalischen Sinn. So war es nur folgerichtig, dass unter diesen Kriterien die Augustinuskirche auserkoren wurde als Spiel-​Ort. Man mag seine Zweifel haben, ob ein Gotteshaus „umfunktioniert“ wird zum puren Veranstaltungsort. Kann man davon abstrahieren, so ist die Präferenz klar.
Mit einem großen Aufgebot junger internationaler Künstler (Schauspieler, Sänger, Instrumentalisten) wurde ein Gesamtkunstwerk realisiert, das einfach ansteckte. Dekan Immanuel Nau brachte es auf den Punkt: Wenn man solche Jugend erlebt, muss einem um die Zukunft nicht bange sein.
Die Geschichte ist keineswegs historisch verstaubt: Der griechische Götterhimmel findet ganz schnell seine aktuelle Entsprechung: Eitelkeiten, Neid, Herrschsucht. Dagegen im Wortsinn steht das alte (nicht alt aussehende) sich liebende Ehepaar Philemon und Baucis: bescheiden, arm, großen Herzens, unendlich traurig ob des Verlustes der Kinder Aret und Narcissa. Diese und der Vater liegen sinnenfällig wie tot zu Füßen des Podests, jenes Götterhimmels, in dem die (zumeist negativen) menschlichen Eigenschaften „zelebriert“ werden. Göttervater Zeus bekommt genug und begibt sich mit Merkur auf die Erde: nachzusehen, wie denn die Menschen miteinander umgehen. Am Beispiel der alten Liebenden werden sie inne: „Beneidenswertes graues Paar, wir lernen von euch eine Freude, die unsern Seelen fremde war.“
Gastfreundschaft, Bereitschaft zu teilen sind die Impulse, die das Leid in Freude wandeln und die Kinder zu neuem Leben erwecken. Diese brauchen geraume Zeit, den Traum abzulegen und die Wirklichkeit wahrzunehmen.
Die Bühne ist schlicht: eine ansteigende schwarze Ebene mit dem Thronsessel des Zeus (später mit der spartanisch bescheidenen Tischgruppe der armen Alten). So gewinnt die Aktion Raum: Auftritt und Block-​Gruppierung der Götter, zugleich solistisch als auch chorisch. Der Mittelgang als Zugang zum Eigentlichen der Handlung, die Seitengänge als komplementärer Raum. Das Orchester sitzt hinter den Agierenden im großen Chorraum von Augustinus — ein akustischer Geheimtipp, selten die Dialoge überdeckend (der vollständige Text im Programmheft brachte die Lösung, zumal es gar nicht so sehr um jedes Wort für sich, sondern um den Kontext zur Musik ging).
Kongenial die musikalische Lösung des Partitur– und Texttorsos. Konstantia Gourzi kopierte oder „ergänzte“ das Fehlende nicht „bloß“. Mit der Neukomposition erreichte sie gültig ein „elliptisches“ Ergebnis mit zwei Brennpunkten, nicht nur „untermalend“, sondern in der Linearität gesungener Soli aussagestark. Dass das moderne Instrumentarium, Ergänzung des Haydenschen durch Flöte, Saxophon, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Hackbrett, Harfe und Klavier, mehr als nur kommentierte, war das Bestechende der neu gefügten, aber differenzierten Einheit.
Charakteristisch die Rollenbesetzung: ausgezeichnete, klangvolle als klangsinnige Vokalsoli, schauspielerische Kompetenz, beide im Chor vereinigt, die alle einzeln gewürdigt gehörten! Dazu ein prächtiges ensemble opus21musikplus, den Haydn nicht im Sound historisierter Information, sondern im heutigen Kontext gewachsenen Hörens musizierend. Die Komponistin dirigierte engagiert, gab genügend Freiraum in der Begleitung eigenständig interpretierender Sänger. Und das Ganze gelang dermaßen lebendig, jung und frisch, dass man nur begeistert sein konnte!
Bei den „Alten“ bedurfte es optischer Fantasie, die jungen Liebenden strahlten eine wunderbare Anmut aus — ebenbürtig zu den Melodien Haydns oder der Konstantia Gourzi.
Regie, Bühne und Licht (z. B. ein in wechselnde mystische Farben getauchter Hochaltar mit unbeschreiblicher Wirkung) waren äußerliche Details einer gelungenen inneren Einheit des Spiels. Und — kein Happy End! Schockierend die Reprise, kurz und explosiv, Erinnerung an den schlimmen Anfang. So ist die Welt!
Summa cum laude! Das Publikum war hin– und hergerissen, spendete reichen Applaus mit vielen Bravos.
 

Aktuelle Beiträge im Ressort Kultur


Noch keine Kommentare vorhanden.

Neuen Kommentar hinzufügen