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» Kultur | Donnerstag, 29. Juli 2010

Festival Europäische Kirchenmusik: Manfred Schreier und das Vokalensemble Polyphonie T

Zum EKM–Motto „Alt und Jung“ brachte das Festival am Dienstagabend ein kaum zu überbietendes Kontrastprogramm. Das eine Hauptwerk, die „Missa Papæ Marcelli“ von Giovanni Pierluigi da Palestrina war die „Folie“ für das andere, Dieter Schnebels liturgische Musik.

KONZERT (-ry). Schnebels „Für Stimmen (… missa est) I, II und III“ für sieben Vokal– oder drei Chorgruppen mit bis zu 18 Stimmen, Sprechchor und Tonband von 1958 bis 1968 sind Avantgarde pur und verlangen absolute Profis als Ausführende, wenngleich der Theologe und Komponist sehr wohl mit Laien aller Altersstufen gearbeitet hat.
Kein Zufall, dass Prof. Manfred Schreier das Konzert leitete, hatte er doch mit seinen vielen unterschiedlichen Ensembles in den letzten vierzig Jahren maßgeblich die Realisation auch zeitgenössischer Musik gefördert. Da trafen sich also in Augustinus zwei unbefangen experimentierfreudige Kollegen, auch Schreier keineswegs als „passiver Ausleger“. Die Kompetenz der Aufführung sprach für sich: Hochmotivierte Choristen und Solisten warteten mit äußerster Konzentration und Hingabe auf, der Chor mit Palestrina, die acht Solisten mit Schnebel.
Schreier ist nicht nur ein überaus erfahrener Chormaestro — seine Intention „nimmt einfach mit“. Bei Palestrina gelingt das Doppelte: das scheinbar mühelose Fließen und Strömen in beispielhaftem Legato (auch der Sechzehntel) und der ungeheuren Dichte der Polyphonie (in der Regel sechsstimmig mit Sopran, Alt, je zwei Tenören und Bässen), im „Crucifixus“ des „Credo“ vierstimmig gemischt, nur im Agnus Dei II (der dritten Bitte um den Frieden) je zwei Soprane, Alt– und Bassstimmen sowie Tenor. Das Kriterium dieser Messkomposition (als prototypisch tridentinisches Vorbild) ist die Einfachheit in des philosophisch-​theologischen Begriffs eindeutigem Verständnis. Der geistliche, ja liturgische Bezug bedarf keiner Erläuterung. Das „Spiel vor Gott“ geschieht in persönlichem Mitvollzug als Höhepunkt gläubigen Aktes.
Natürliche Dynamik und große Bögen markierten äußerlich die große Leistung! Das Musizieren in damaliger Temperatur (tiefer Kammerton) erleichterte selbstredend die exponierten Höhen. Unverständlich bleibt das inkonsequente Kirchenlatein (z. B. „Ci“ zwar nicht als klassisches „Ki“, dafür aber „halbklassisches“ „e-​ti-​am“ statt „e-​tsi-​am). Wenn schon nicht die italo-​romanische Ausspracheversion, dann aber das nicht nur gewohnte, sondern zugleich weniger klangspröde Kirchenlatein!). Erstaunlich war die fast lupenreine Intonation, die keineswegs selbstverständlich ist über so weite Phrasen hinweg. Nur der Beginn des „Et incarnatus est“ wackelte kurz.
Schnebel ist radikaler Avantgardist; „Versuch“ oder „Fragment“ spielen eine wichtige Rolle; es geht um das Unabgeschlossene, Gärende der tönenden Materie. Schnebel ist Experimentierer in Permanenz. Er hat der Stimme ganz neue Dimensionen erschlossen: Sprechen, Schrei und Verstummen, Röcheln, Wispern, Stammeln. Sein Credo: Offenheit auch gegenüber der Tonalität; Kunst ist immer auch „laboratorium mundi“. Dies alles korreliert mit seinem theologischen Selbstverständnis: Christentum freilich bedeutet ihm nicht die Macht einer festgefügten Lehre oder Institution, sondern „theologia crucis“ — Suche nach Glauben, (Selbst-)Verunsicherung. Von daher lässt sich vieles als negative geistliche Musik deuten — als stetiges Ausprobieren des Neuen. Wer dies vollzogen hatte und bereit zum vorurteilsfreien Annehmen war, erlebte in „Reinkultur“ alles entsprechend hörbar: Naturlaute und Wortteile, wenige exakt wahrnehme Satz-​Teile (aus dem „Gloria“: „Wir beten dich an“; aus dem naiven Kindergebet „Lieber Gott, mach mich fromm …; Sätze aus dem Vaterunser) oder Textsubstanz in anderen Sprachen des alten Christentums.
Die ästhetische Wahrnehmung, die persönliche Aneignung kann man nicht aufzwingen; sie reizt wenigstens zur Auseinandersetzung oder, potenziert, auch zum Widerspruch. Dies dürfte den allürenlosen ersten EKM–Preisträger von 1999 sicher nicht erbittern. Vielleicht scheint sein Traditionsbegriff, „was sich abgesetzt und verfestigt hat — was alt geworden ist“ (damaliger Mainstream), etwas eng, wobei er relativierend versöhnt, dass das alte Verständnis von Tradition bedeute: Empfangen und Weitergeben.
Ein bemerkenswerter Abend, an den sich vor der Kirche engagierte Diskussionen anschlossen.
 

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