Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul hat das alte Mutterhaus in Gmünd zurückgekauft
Das alte Mutterhaus in der Bocksgasse, das erste überhaupt und der Ursprung ihres Wirkens, ist wieder im Besitz der Vinzentinerinnen. Was genau werden soll aus der Bocksgasse 20 und den Gebäuden Pfeifergässle 15 und 17, steht noch nicht fest, die Möglichkeiten aber sind außerordentlich.
SCHWÄBISCH GMÜND
(bt). Sie haben es sich gewünscht: Schwester Marzella, Regionalleiterin und Oberin, spricht schon lange vom alten Mutterhaus und seinen Möglichkeiten, und nie hat sie Diskussionen über die Umgestaltung der Innenstadt und insbesondere der Bocksgasse so intensiv verfolgt. Generaloberin Schwester Lintrud Funk hat einem Aquarell, das die Tür des Gmünder Mutterhauses zeigt, im Kloster Untermarchtal einen Ehrenplatz eingeräumt: Wohl auch, weil sie der Stadt über ihre alte Wirkungsstätte, das Margaritenhospital, eng verbunden ist, vor allem aber, weil dieses Haus den Vinzentinerinnen wichtig ist.
1976 wurden die drei Gebäude in Erbbaurecht an ein Immobilienunternehmen übergeben. Nunmehr, so ließ Untermarchtal gestern verlauten, ist dieses Unternehmen zahlungsunfähig; das alte Mutterhaus hätte zwangsversteigert werden müssen. Schwester Lintrud: „Wir wussten nicht, in welche Hände es kommen würde“, und nachdem dieses Haus für den Orden großen Wert habe, sei es nach langen, intensiven Verhandlungen am
30. Juni gelungen, das Erbbaurecht zurückzukaufen. Nun sei es eine große Herausforderung, das Mutterhaus zukunftsfähig zu gestalten; vor allem die Fassade soll an die Ursprünge der Kongregation erinnern. Der Komplex im Pfeifergässle sei zum Teil vermietet, und man wisse noch nicht, was aus dem Ganzen entstehen solle. Die Vinzentinerinnen wünschen sich natürlich eine Nutzung, die der Bedeutung dieses Standorts für ihre Gemeinschaft gerecht wird. Eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe prüft die Möglichkeiten. Ideen gibt es viele. Ein Seniorenzentrum ist denkbar, das dort früher schon bestand, eine Familien– und Begegnungsstätte, ein gemeinsam mit St. Josef geführtes Jugendhotel, ein Klosterladen nach dem sehr erfolgreichen Untermarchtaler Vorbild, eine Neuanlage des fast schon legendären Klostergartens rechtzeitig zur Landesgartenschau – was ebenfalls der Gmünder Tradition der Kirchen und Klöster entspräche –, alles zusammen oder etwas ganz anderes.
Im August
1852 kamen vier Schwestern vom Mutterhaus in Straßburg nach Gmünd, um in den beiden Spitälern (dem Katharinen-Spital für Geisteskranke, Arme und Aussätzige und dem Heilig– Geist-Spital) Missstände abzuschaffen und die nicht mehr vorhandene Krankenbetreuung zu übernehmen.
1858 bezog man das Mutterhaus in der Bocksgasse.
1891 wurde beschlossen, nach Untermarchtal umzusiedeln, da Gmünd die vielen Schwestern nicht mehr aufnehmen konnte. In der Bocksgasse wurde ein Altersheim für Vinzentinerinnen, aber auch für andere ältere Menschen eingerichtet, das
1975 in den Neubau von St. Anna übergegangen ist. Die Erinnerung aber blieb lebendig an das Wirken der Ordensfrauen in der Stadt. Zur Erinnerung: Während sich die ärztliche Kunst immer wieder weiter entwickelte, blieb die Pflege bis weit ins
19. Jahrhundert hinein weitgehend den Angehörigen überlassen. Allen voran die Frauen, die Luise von Marillac, Ordensgründerin der Vinzentinerinnen, nachfolgen, organisierten schließlich eine umfassende Betreuung von Kranken und gaben damit den Anstoß für fachgerechte Pflege. Die Barmherzigen Schwestern eröffneten dadurch außerdem begabten Frauen den Zugang zu einem – mit der Zeit – anerkannten Beruf außerhalb der Familie. Die Vinzentinerinnen in Gmünd spielten bei all dem eine große Rolle; kein Wunder, dass diese Wurzeln nicht in Vergessenheit geraten sollen.
Auch OB Richard Arnold freut sich und spricht von einer Bereicherung. Er hatte seit langem erklärt, Gmünd wünsche sich das Mutterhaus zurück – „wegen der schönen Fassade“, vor allem aber wegen der zu erwartenden Aufwertung der Bocksgasse. „Es war klar, dass grundlegend Neues nur möglich ist, wenn das Ganze wieder den Schwestern gehört“. Mit gutem Grund schätzt die Stadt die Bocksgasse
20.
1788 entstanden, war dieser Bau im Louis Seize-Stil Stadtbaumeister Johann Michael Kellers letztes Werk, das bereits klassizistische Anklänge zeigt – und das in den vergangenen Jahrzehnten stark gelitten hat.
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