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» Schwäbisch Gmünd | Mittwoch, 11. August 2010

Bilanz des Festivals der Europäischen Kirchenmusik: „Schwerpunkte setzen, die Stadt stärken“

Im Radio, im Fernsehen, natürlich in der Zeitung, aber auch auf dem Wochenmarkt: Die Kirchenmusik war Thema. Nicht nur in Gmünd. Praktikanten nahmen Worte wie „beglückend“ in den Mund. Ja, es war gut.

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). 23 Konzerte und vier Gottesdienste machten die Europäische Kirchenmusik in diesem Jahr aus. Rund 15 200 Besucher ließen sich begeistern. Mit 9167 verkauften Karten wurde das drittbeste Ergebnis seit Bestehen des Festivals erreicht.
Annähernd die Hälfte der Konzerte war ausverkauft. Vielfach, so Joachim Haller, der diese Reihe im Namen der Stadtverwaltung zum Thema macht, konnte die Nachfrage nur durch eine Zusatzbestuhlung befriedigt werden. Knapp 80 Prozent der verkauften Karten gingen bereits im Vorverkauf weg, so viele wie bislang noch nie in der Geschichte des Festivals. Diese großartige Bilanz bestätigt nicht nur das Festival Europäische Kirchenmusik in seinem Rang als überregional bedeutsames Musikfestival und kulturelles Aushängeschild der Stadt, es bestärkt auch die Festival-​Macher, die den Mut haben zum Miteinander von „Jung und Alt“ — das Motto dieses Jahres -, die Historisches und Innovatives verbinden und die die Vielfarbigkeit geistlicher Musik erleben lassen.
Oberbürgermeister Richard Arnold, der zwischen Erlebnissen wie dem Marienvesper und dem Konzert des SWR Vokalensembles Stuttgart unter der Leitung des diesjährigen Preisträgers Marcus Creed die Eröffnung der Bayreuther Festspiele erleben durfte, erklärt: „Ganz ehrlich, das ist die selbe Liga“. Bayreuth und Gmünd in einem Atemzug: Arnold ist überzeugt, und nennt namhafte Kritiker, die ihn in dieser Einschätzung bestätigen. Zudem macht er deutlich, dass diese Verbindung der „Kirchenmusik“ mit Italienischer Nacht, Stadtgartenparty, Open Air-​Kino und anderem gewollt ist: Er spricht von „Leuchtturm-​Veranstaltungen“, vom „Flagschiff EKM“, das dafür sorgt, dass Menschen diese Stadt lieben lernen, die sonst niemals hierher kommen würden. Es sei wichtig, Schwerpunkte zu bilden, Veranstaltungen zu konzentrieren — das entlaste die Anwohner und präsentiere die geistliche Musik, vor allem aber die Stadt selbst in all ihrer Vielseitigkeit. Arnold erzählt gestern unter anderem von Wirtschaftsbossen auf der Suche nach einem Gmünder Bauplatz: So sehr er die Konzerte persönlich schätze, für ihn sei die EKM–Reihe in erster Linie die Chance schlechthin, „Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu stärken“. Er wünsche sich lediglich, dass Gastronomie und die Gmünder Geschäfte die Potentiale dieser Kirchemusik noch mehr nutzten.
Programmdirektor Dr. Ewald Liska, aber auch EKM–Geschäftsführer Klaus Stemmler und Ralph Häcker, Chef des Kulturbüros, zogen gestern ebenfalls Bilanz. Sie erinnerten an das offene Singen mit hunderten Alten und Jungen ebenso wie an Experimentelles und sprachen einstimmig von beglückenden und erfüllenden Momenten. Meisterwerke der Musikliteratur, Neubearbeitungen und zeitgenössische Kompositionen bestritten dieses Ausnahmeprogramm ebenso wie Stars der internationalen Musikszene und Gmünder Kindergarten– und Schulkinder. Die Beteiligung des Philharmonischer Chors, des Collegium Vocale und des Motettenchors ist ebenfalls von Bedeutung: Nicht zuletzt diese große Anzahl Gmünder Mitwirkender zeugt davon, dass die Europäische Kirchenmusik angekommen ist in der Bevölkerung.
Die ganz großen Namen
nach Gmünd gebracht
Die Festival-​Macher sprachen von der Befriedigung, Neues zu erkennen, Wohlbekanntes in neuer Umgebung zu erleben. Sie dankten für die Neugier der Menschen und für „die Erfahrung vielfältigen Miteinanders“, wie Ralph Häcker die Schwerstarbeit der vergangenen Wochen umschreibt. Dank gilt dem Freundeskreis und all denjenigen, die für die — ungewöhnlich gut besuchten — Künstlergespräche Zeit und Kraft gegeben haben. Die Praktikanten Marc Tschirley und Lucie Schröder, die so einiges erlebt haben in diesen spannenden Wochen der Kirchenmusik-​Organisation, machen ebenfalls deutlich, dass dieses Festival etwas ganz Besonderes ist — auch für jüngere Leute, auch für Menschen, die dachten, mit Kirchenmusik nichts am Hut zu haben: „In jedem Fall eine Bereicherung.“
Ihren begeisternden Auftakt erlebte die Konzertreihe mit Monteverdis „Marienvesper“, und von Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert aufgenommen wurden auch das Creed-​Konzert mit Vokal-​Transkriptionen berühmter Werde Johann Sebastian Bachs oder jener denkwürdige Abend mit Kammerchor und Klassischer Philharmonie Stuttgart, die Schumanns Oratorium „Szenen aus Goethes Faust“ klingen ließen. Für einen überwältigenden Konzertabend, der „zu einem Juwel des Festivals geriet“, so die Kritik, sorgten der Bachchor Stuttgart und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz. Als Publikumsmagnet erwies sich in der Reihe der Orgelkonzerte das Gastspiel von Olivier Latry (Paris), dessen Konzert mit stürmischem Applaus und stehenden Ovationen bedacht wurde.
Mehrfach standen aber auch innovative Projekte im Fokus des Festivals, darunter die Uraufführung aus dem 11. Internationalen Kompositionswettbewerb im Eröffnungsgottesdienst, die Musiktheater-​Premiere von Haydns Opernfragment „Philemon und Baucis“, der Konzertabend mit dem chinesischen Sheng-​Virtuosen Wu Wei und ein „klingendes Kloster“, bespielt vom Ensemble Cosmedin und jungen Talenten. Das stete Anliegen des Festivals, junge Interpreten zu fördern, verfolgten gleich zwei Meisterkurse.
Bei der EKM–Bilanz gestern im Kloster der Franziskanerinnen — die ebenfalls aus ganzem Herzen dabei sind — wurde vor allem eines spürbar: Dankbarkeit und ein bisschen Stolz auf das Geleistete. Im 23. Festivaljahr widmet sich das Programm vom 15. Juli bis zum 7. August 2011 dem Thema „Träume und Visionen“.
 

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