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» Schwäbisch Gmünd | Samstag, 14. August 2010

Auch heute werden noch Weihbüschel gebunden, am morgigen Sonntag steht der Segen an

Wie das riecht! Ein bisschen von diesem wunderbaren Duft kann sich jeder sichern, der am morgigen Sonntag die Gottesdienste im Münster und im Margaritenhospital besucht. Die Damen um Walburga Weinmann wollen insgesamt 400 Weihbüschel binden.

(bt). Kaum jemand kennt sich so gut aus mit diesem alten Brauch wie Walburga Weinmann, Gattin des früheren Münstermesners. Inmitten all dieser Frauen, die für den guten Zweck Blumen und Kräuter gesucht und gesammelt haben, manchmal auch eigens im Garten angebaut, erklärt sie die Hintergründe dieses alten Brauches. „Ist es wirklich nur ein alter Brauch, noch dazu mit abergläubischem Einschlag? Oder wissen all diejenigen, die ihre Weihbüschel segnen lassen, um die stille und starke Heilkraft der Kräuter, die durch den Segen der Kirche ihre Bestätigung findet?“ Immerhin war in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden die Natur in jeder Beziehung lebensnotwendig. Für Walburga Weinmann ist die Kräuterweihe ein Fest für alle Sinne. Bereits das Sammeln habe seinen Reiz: „Ameisen und Disteln, Regen, Matsch, stechendes Ungeziefer und gerötete Haut gehören dazu“. Das Kapitelshaus, in dem die Büschel der Münstergemeinde bereits im zehnten Jahr entstehen, wird auch heute wieder von herrlichem Duft durchweht; die Hände der Frauen werden noch nach Tagen nach Heilkräutern riechen. Manche achten beim Zusammenstellen des „Kräuterbuschens“ auf eine symbolträchtige Zahl der verschiedenen Pflanzen — einige Sträuße kombinieren sieben, neun, zwölf gar 24 Kräuter und Blumen.
Im Hochsommermonat August entwickeln die Kräuter ihre größte Heilkraft; vor allem am August-​Vollmond, so wird überliefert, gilt es, die wichtigsten Heilkräuter zu „brocken“ also zu pflücken; „sine ferrum“ hieß es, das Eisen einer Klinge nehme der Pflanze ihre Kraft. Wenn die Weihbüschel gebunden sind und ihren Weg in die Haushalte gefunden haben, werden sie im „Herrgottswinkel“ aufbewahrt oder an einer Marienstatue. Auf dem Dachboden sollen sie vor Unwetter bewahren, beim Aufziehen eines Gewitters, weiß Walburga Weinmann, haben die Bewohner ein Stück ins Herdfeuer gegeben, krankem Vieh wurde etwas ins Futter gemischt, und auch kranke Menschen nahmen davon. Mancherorts wurden Teile dem Saatgut beigemischt oder auf Gräber lieber Menschen gelegt.
Warum nun ausgerechnet am morgigen 15. August? An diesem Tag wird die leibliche Aufnahme der Muttergottes in den Himmel gefeiert; die Ostkirche kannte dieses Fest bereits im 5. Jahrhundert; die Westkirche hat es 200 Jahre später übernommen. In der römisch-​katholischen Kirche ist das Fest bis heute Ausdruck der Glaubenslehre, dass Seele und Leib Mariens in den Himmel aufgenommen wurden; Papst Pius XII. hat vor 50 Jahren sogar ein entsprechendes Dogma verkündet. Walburga Weinmann erzählt die Legende zur Kräuterweihe an diesem Tag, die besagt, „dass die Apostel Mariens Grab am dritten Tag verlassen vorfanden, jedoch gefüllt mit Rosen und Lilien, und ringsumher blühten und dufteten die Blumen und Kräuter, die Gottesmutter auf Erden so sehr ins Herz geschlossen hatte“. Daraus wurde das Binden und Segnen der Kräuterbüschel.
Lediglich in einigen ländlichen Gegenden Süddeutschlands ist dieser Brauch bis heute nicht verloren gegangen — ansonsten wollte niemand mehr etwas davon wissen, wie auch nur noch ganz wenige um die Heilkräuter und ihre Wirkung wussten. Erst in jüngster Vergangenheit ist neues Interesse und Freude an diesem verlorenen Wissen zu beobachten.
 

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