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» Ostalbkreis | Montag, 16. August 2010

Feierliche Einholung des Erntewagens in Gschwend von zahlreichem Publikum begleitet

Sie alle warten auf dich, Herr, dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit“ Vikar Kristian Kirschmann las vor der Kirche eine Stelle aus Psalm 104, als in Gschwend traditionell der Garbenwagen eingeholt wurde. Er war dabei umringt von einer großen Menschenmenge, die den Zug des geschmückten Wagens verfolgten. Von Dorothee Wörner

GSCHWEND. Angeführt wurde dieser Zug von den Kindergartenkindern, Mädchen hatten bunte Kränze in den Haaren, in die frische Kornblumen eingeflochten worden waren, und auch die Buben hatten kleine Kornblumensträuße am Revers. Den Kleinen folgten die Konfirmanden mit Ährensträußen in der Hand, sie alle begleiteten den hoch aufgeladenen Wagen, dem sich Vikar Kirschmann anschloss. „Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie“ eine weitere Stelle des Psalms verdeutlicht die Furcht der Bauern im ausgehenden 18. Jahrhundert, die Missernten und Hungersnot erlebten.
Im Jahr 1817 durften sie nach vielen schlechten Jahren wieder die erste gute Ernte einfahren. Aus Dankbarkeit und gleichzeitig als Bitte um eine gute Ernte wird seit dieser Zeit in Gschwend alljährlich ein Garbenwagen geschmückt und Gottesdienst gefeiert.
Auch in diesem Jahr blicken die Landwirte wieder besorgt in den wolkenverhangenen Himmel, denn erst die Hälfte der Ernte ist „in trockenen Tüchern“. Die Zeitfenster, die das regnerische Wetter für die Einbringung des Weizens gelassen hat waren nicht weit genug und die Mähdrescher konnten in der kurzen Zeit nicht auf allen Feldern gleichzeitig sein. Der Winterweizen, das Brotgetreide, steht in vielen Gegenden noch auf den Feldern und wird zunehmend dunkler. So ist also die alte Gschwender Bitte um eine gute Ernte auch im Jahr 2010 hochaktuell. Das schlechte Wetter war auch der Grund, warum die Einholung um eine Woche verschoben werden musste.
Rasch musste es demnach gehen, als die 150 Garben aus Roggenstroh gebunden wurden, die nach einer ganz bestimmten Anordnung auf den Wagen geladen wurden. „Es waren zwanzig Leute dabei, die mitgeholfen haben“, erzählt der stellvertretende Bürgermeister Walter Schober, „und so ging es ganz schnell, denn vom Mähen bis zum Zusammenbinden muss alles in Handarbeit erledigt werden.“ Eichenlaub für die Girlanden hatten die Bauhofmitarbeiter der Gemeinde besorgt, aus vielen Gärten wurden Blumen gespendet und die prachtvolle Krone wurde von Stefanie Schober angefertigt.
Viele Gschwender haben beim Binden der Girlanden mitgeholfen und so konnte sich das Gemeinschaftswerk auch in diesem Jahr wieder sehen lassen. Der Altwürttemberg-​Züchter Oskar Köngeter aus Alfdorf-​Brech hatte seine Pferde „Anuschka“ und „Don Juan“ vorgespannt und vertrat Manfred Wahl, dem es in diesem Jahr nicht möglich war, das Fuhrwerk zu fahren.
Vor der Kirche versammelten sich viele Zuschauer, für die feierliche Umrahmung des alten Brauches sorgten der Gschwender Musikverein und der evangelische Kirchenchor. Danach folgte der Einzug in die Kirche, den wieder die Kindergartenkinder anführten gefolgt von den Konfirmanden und der ganze Gemeinde, so dass sich das Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllte. Während des Gottesdienstes wurden Verse des bekannten Paul-​Gerhardt-​Liedes „Geh aus mein Herz und suche Freud…“ gesungen und Vikar Kirschmann predigte vom Gleichnis des reichen Kornbauern, der vor lauter Gier vergisst dass eine reiche Ernte nicht nur menschengemacht sein kann und der an eine Grenze stößt, weil er den Himmel aus dem Blick verliert.
 

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