Was würde ein Fremder sehen
Von „brennender Sorge“ war der heilige Bernhard erfüllt. Seit vielen Jahren dürfen Wallfahrer der ganzen Region und darüber hinaus von der Bernharduspredigt Wegweisendes erwarten, und fast immer geht an diesem Tag die alte Sorge in neuem Gewand einher: Der Kampf hört niemals auf.
SCHWÄBISCH GMÜND
(bt). Viele Ältere versammelten sich auf dem Berg, aber eben auch junge Familien und Jugendliche, die einige Stunden mit den Großeltern verbringen wollten. Gläubige ebenso wie Wanderer, die den schönen Tag genossen. Der Lautermer Albverein traf sich bereits um halb sechs, um gemeinsam loszuziehen. Seit Jahrhunderten pilgern die Menschen auf den Bernhardus, und selbst durch Verbote ließen sie sich nicht davon abhalten, ihre Sorgen und Hoffnungen an diese alte Glaubensstätte zu bringen. Auch gestern waren es wieder Tausende die sangen „Heiliger Bernhard, Rufer, Bote,/Feuergeist und flammend Schwert“. Um ihr Wohlergehen sorgten sich das
DRK Degenfeld unter der Leitung von Gudrun Ziller mit vier Ehrenamtlichen, sowie eine Notärztin und zwei Rettungsassistenten. Zwei Wallfahrer mussten mit Herz-Kreislauf-Problemen ins Krankenhaus gebracht werden; ansonsten trübte nichts die Feststimmung.
Der Weg auf den Berg -
der Weg durchs Leben
Pfarrer Anton Gruber, der auch Weißenstein mit dem Bernhardus betreut und jetzt nach Weil der Stadt wechselt, hat zur letzten von ihm organisierten Bernharduswallfahrt einen Verwandten als Festprediger begrüßt: Martin Felhofer, Abt des Prämonstratenserstiftes Schlägl. Abt Martin ließ die Gläubigen gestern noch einmal ihren Weg auf den Berg nachvollziehen — dieses Bild wählte er für Leben und Glauben. Er sprach von den Nebeln des Alltags, von Zweifeln und Fragen, von Ängsten, Sorgen und Leidenden, aber auch von einer anderen, einer strahlenden Seite, die vor allem erfahrbar werde, wenn „in Gemeinschaft auf diesen Berg“ gegangen werde. „Wer glaubt, blickt durch“, so seine Überzeugung, sehe sogar über den Horizont dieses Lebens hinaus. Der Heilige Bernhard ging den Weg des Glaubens auch in schwerer Zeit. Was ihm „den Durchblick auf Gott hin“ verschaffte, versuchte er weiterzugeben an die Suchenden seiner Zeit: „Das Wort, das glaubwürdige Beispiel und das Gebet“. Diese Dreizahl wurde zum Fundament der gestrigen Bernhardus-Predigt.
Der Heilige habe gewusst, dass sich die Fülle Gottes den Menschen in der Heiligen Schrift erschließe, durch das Wort und Beispiel Christi: „Der Grund unserer Liebe zu Gott ist seine maßlose Liebe zu uns. Er hat uns zuerst geliebt“. Bernhard, so Abt Martin, habe das Wort Gottes für sich fruchtbar gemacht. Sein Rat: „Achtet darauf, dass das Wort Gottes in euch wohnt und dann wird euer Reden durchformt und gewandelt vom göttlichen Wort, denn wovon das Herz voll ist, geht bekanntlich der Mund über!“
Als es daran ging, die Bedeutung des Beispiels zu erörtern, erinnerte der Prediger an Bischof Franz Kamphaus, der einst nicht verstehen konnte, was mit den Pfarrgemeinden geschehen ist, was mit der westeuropäischen Kirche: „Noch niemals war die Kirche so gut organisiert, noch niemals hatte sie so viel Geld zur Verfügung für die Glaubensverkündigung: Und doch wird alles immer lahmer und schwerfälliger“. Was den Christen heute oft fehle, sei die Ausstrahlung; die mangelnde Gotteslust sei ihre Schwäche. „Wir leugnen Gott zwar nicht, aber ernsthaft rechnen wir auch nicht mit ihm. Unser Gott ist weder zum Fürchten noch zum Verlieben. Dieser Glaube strahlt nicht aus“. In der frühen Kirche galt die Regel: „Willst du einen Menschen für Christus bekehren, dann lass ihn ein Jahr lang in deinem Hause wohnen!“ Abt Martin Felhofer bat die vielen Wallfahrer, die ihm zuhörten, sich vorzustellen, sie ließen einen Menschen, der nichts vom Christentum weiß, ein Jahr bei sich wohnen: „Was würde er sehen? Würde er sehen, wie froh die Frohbotschaft macht, oder würde er lernen, dass der Glaube eine lästige Pflichtübung sei? Würde er erleben, wie man verzeiht? Erlebt er auch noch betende Gemeinschaften und Familien? Was strahlen wir aus?“
An diesem Punkt kam der österreichische Prälat zum „größten dieser drei“, zum Gebet. Das Gebet sei wie ein Gang zur Quelle, wie das Trinken am Brunnen des Lebens. Das Gebet sei die Schale, aus der unser Tun gespeist wird. Oft werde Gebet und Arbeit gegeneinander ausgespielt. Doch Gebet und Arbeit – ora et labora – gehörten nach Benedikt und Bernhard zusammen; „das Gebet und die Arbeit ist wie das Atmen: es ist ein Ein– und Ausatmen. Was ich empfange, kann ich geben“. Der Hl. Bernhard war ein großer Beter, dessen Sehnsucht auf die Liebe Gottes zielte: „Das Maß, Gott zu lieben, ist, ihn maßlos zu lieben.“
Wort, Beispiel und Gebet legte der Geistliche mit Bernhards Worten den Menschen ans Herz, damit sie Gottes Spuren und seine Liebe und Güte hier und heute wahrnehmen könnten; „wer glaubt, blickt durch und sieht weiter. Glaube schenkt vor allem Zuversicht“. Er wünschte den versammelten Bernhardus-Wallfahrern vor allem eines: „Mögen uns viele solche Augenblicke im Gebet, solche Bergerlebnisse, geschenkt sein, damit in unserem Alltag — auch in trüben Tagen – die Liebe Gottes aufstrahlt und wir sie ausstrahlen können“.
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