Viele Verantwortliche der sozialen Einrichtungen in Gmünd sind für einen einjährigen Zivildienst
1990 betrug die Zivildienstzeit 15 Monate. Im Laufe der Jahre wurde sie immer wieder verkürzt. Zuletzt am 1. Juli dieses Jahres auf sechs Monate. Bei den Verantwortlichen der sozialen Einrichtungen in Gmünd und Umgebung sorgt dies für Unbehagen. Auch die öffentliche Diskussion, einen bundesweiten freiwilligen Zivildienst einzuführen, betrachten sie mit Skepsis. Von Nicole Beuther
SCHWÄBISCH GMÜND. Im sozialen Bereich zu arbeiten, konnte sich Florian Wengert bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen. Der TG-Schüler wollte Berufsschullehrer werden. Der Zivildienst beim Berufsausbildungswerk Schwäbisch Gmünd änderte seine Meinung. Heute studiert er Sozialwirtschaft und sagt: „Jeder sollte Zivildienst absolvieren“. Es sind nur positive Erfahrungen, die er während seiner Zivi-Zeit gesammelt hat. Zu seinen Aufgaben gehörte die Betreuung der jungen Menschen im
BAW. Der
23-Jährige spricht im Zusammenhang mit der Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate von einem Vertrauensbruch. „Die Menschen gewöhnen sich an einen“, erklärt er. Dies habe ja auch Nachteile für die Einrichtungen, die immer wieder neue Zivildienstleistende einlernen müssten. Eine Zivildienstzeit von einem Jahr sei ideal, findet der Student.
Der Meinung ist auch Christine Steeb, Beauftragte für Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz Schwäbisch Gmünd. Auch weil die fachliche Ausbildung mitberücksichtigt werden müsse. Im Rettungsdienst betrage diese zwischen zwei und drei Monate, so Steeb. Allein aus diesem Grund lohne sich eine sechsmonatige Zivildienstzeit kaum. Auch neun Monate seien für viele Bereiche zu kurz.
Ob ein paar Monate oder ein Jahr – viele Zivis sagen hinterher: „Gut, dass ich es gemacht habe.“ Äußerungen wie „Ich kann besser mit Menschen umgehen“ oder „Ich verstehe Opa jetzt viel besser“ hat Christine Steeb schon einige Male im Rahmen des Abschlussgespräches mit den Zivis gehört. Es gebe einige, die nach Abschluss des Zivildienstes einen sozialen Beruf in Angriff genommen hätten.
Ein Grund, weshalb sich Sabine Würth für ein Pflichtjahr für junge Menschen ausspricht. Die Bezirksgeschäftsführerin der Malteser des Ostalbkreises findet die Überlegung eines freiwilligen Zivildienst zwar schön, doch die, die daran teilnehmen würden, seien jene, die ohnehin einen sozialen Beruf in Erwägung zögen. Bisher seien es nicht wenige gewesen, die durch den Zivildienst bemerkt hätten, wie sehr ihnen die Arbeit mit älteren und behinderten Menschen Spaß macht.
Waren es bei den Maltesern in Gmünd vor zehn Jahren noch
35 junge Männer (im ganzen Ostalbkreis
90), die bei den Maltesern ihren Zivildienst absolviert haben, sind es heute nur noch sechs. Als Grund nennt Sabine Würth die Herabsetzung des Zivildienstes.
1990 betrug die Zivildienstzeit in Deutschland noch
15 Monate;
1996 13 Monate, im Jahr
2000 elf Monate;
2002 zehn Monate und
2004 neun Monate. Teilweise habe man die fehlenden Zivildienststellen durch FSJler ersetzt; für den bei Zivis beliebten Fahrdienst wurden geringfügig Beschäftigte eingestellt. Nach der jetzigen Verkürzung auf sechs Monate könne es sein, dass „wir weiter reduzieren“. Zunächst, so Würth, sei aber angedacht, die sechs Zivildienststellen beizubehalten. „Wir hoffen, dass ein hoher Prozentsatz der Zivis freiwillig verlängert“, so Sabine Würth. Jugendlichen ermögliche der Zivildienst einen ersten Kontakt mit der Arbeitswelt und das „in bescheidenem Rahmen“. Der Kontakt mit kranken und alten Menschen sowie Behinderten sei gut für das spätere Leben. „Die Jugendlichen reifen sehr stark, lernen Regeln einzuhalten und mit Schwächeren umzugehen.“ Auch lernten sie, dass Behinderte „ganz tolle, wertvolle Menschen“ sind.
Überhaupt lernt man als Zivildienstleistender jede Menge. So erzählt Tobias Henreich, seit dem
1. Juli Zivi bei der Diakonie Sozialstation des Evangelischen Vereins Gmünd, von hochinteressanten Gesprächen, die sich zwischen ihm und den älteren Leuten ergeben. Einer ist Werner Alexander Richter, Pfarrer in Rente und schon viel in der Welt herumgekommen; unter anderem war er sechs Jahre in Indien. „Für mich ist es wichtig, dass er kommt. Er ist freundlich und hilfsbereit“, lobt der
84-Jährige den Zivildienstleistenden, der fast täglich kommt. Mal für ein paar Minuten, mal für eine Stunde – auf die Uhr schaut hier keiner. Tobias Henreich nimmt sich Zeit. Für Werner Alexander Richter, aber auch für all die anderen älteren Leute, die sich an die Diakonie wenden. Und das aus vielerlei Gründen. Der eine benötigt einen Fahrdienst, der andere jemanden, der für ihn einkauft, einige wollen spazieren gehen oder einfach nur ein Schwätzle halten. Die Zivildienstleistenden, derzeit sind es bei der Diakonie zwei, sind da, wenn sie gebraucht werden. Auch wenn Tobias Henreich noch nicht lange mit dabei ist, hat er eines gelernt: „Ich sehe, wie wichtig der Dienst am Menschen ist.“ Er ist froh, dass er eine Zivildienststelle in diesem Bereich bekommen hat. Leicht war es nicht. Als er sich auf die Suche nach einer Stelle begab, war die Diskussion um die Verkürzung des Zivildienstes in vollem Gange. Oft, so Henreich, habe er in sozialen Einrichtungen zu hören bekommen: „Wir wissen nicht, wie es weiter geht und ob es sich noch lohnt, Zivis einzustellen.“ Der
19-Jährige, der im kommenden Jahr ein Wirtschaftsrecht-Studium aufnehmen möchte, betrachtet die Verkürzung des Zivildienstes dennoch positiv. So sei es Abiturienten, die im Sommer mit dem Zivildienst beginnen, möglich, direkt im Anschluss ein Studium aufzunehmen. Beim neunmonatigen Zivildienst sei die Zeit bis zum Beginn des Sommersemesters knapp bemessen gewesen. Zudem gebe es ja weiterhin die Möglichkeit, neun Monate abzuleisten.
Noch keine Kommentare vorhanden.