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» Kultur | Dienstag, 03. August 2010

Europäisches Kirchenmusikfestival: Sigiswald Kuijken und sein Ensemble „La Petite Bande“ entzückten in der Augustinuskirche

igiswald Kuijken ist ein ungewöhnlicher Musiker: neugierig, offen, aufgeschlossen, aber völlig undogmatisch. Sein Prinzip: ausprobieren, dann bewerten. Und so hatte das „Kammer“-Konzert mit vier Mal Bach am Samstagabend in der Augustinuskirche einige diskutable Facetten. Von Peter Skobowsky

KONZERT. Mit seinem Ensemble „La Petite Bande“ spielte er vom Alten Bach die ewig jungen Werke Violinkonzert a-​Moll, das 5. Brandenburgische, das Tripelkonzert a-​Moll und die 2. Ouvertüre h-​Moll (BWV 1041, 1050, 1044 und 1067) – alles in Kleinstbesetzung, also jedes Instrument nur einmal vertreten. Der Meister hat sicher nichts dagegen, wenn man darüber streitet; er jedenfalls hat sich dafür entschieden. Nun müsste daraus folgen, dass eine nicht zu überbietende Durchsichtigkeit der Lohn solchen Unterfangens wäre. Mitnichten! Und das lag nicht an der Interpretation, sondern schlicht an dem Dualismus Platzierung der Künstler – Akustik. Letztere ist in Augustinus ausgezeichnet, akzeptiert man die Bedingungen. Wer das Gotteshaus in vielen und ganz unterschiedlichen Konzerten kennt, weiß: Je weiter die Akteure von der Hörergemeinde weg in den Chorraum „verbannt“ werden, umso problematischer wird dies, z. B. wenn bei Aufführungen mit größerem Klangkörper die Solisten oder nur das Orgelpositiv hinter dem Chorbogen agieren. Es leiden Präsenz und — tempobedingt — Konturenklarheit.
Wenn das menschliche Ohr nicht tolerant und enorm schnell anpassungsfähig wäre (man höre eine Weile schlechte Lautsprecher, bald empfindet man diese nicht mehr so; nur der plötzliche Vergleich zu guten Boxen macht das Dilemma offenbar). Es war also schade, dass die acht Künstler nicht auf Höhe des Taufsteins musizierten. War die Entscheidung der SWR–Aufzeichnung geschuldet? Das wäre unangemessen und zu teuer erkauft. Am 24. August und 14. September wird man bei der Radiosendung mit Sicherheit hören, wie diffizil das Spiel von „La Petite Bande“ war. Allein die Aufstellung der drei Geigen quasi hintereinander erbrachte ein akustisches Gefälle, und das äußerst bewegte Spiel auf dem großen Cembalo (leider nur mit zwei Achtfuß – Registern) war selbst in den Soli mit in den Sog eines Klangteppichs geraten, welcher der Idee solistischer Grazie konträr zuwiderlief. Sehr schade!
Alle vier Bach-​Werke sind von genial polyphoner Verflechtung, die zu hören ein einziger Genuss ist, wenn man sie denn hören kann. Die Ausführenden hatten am meisten davon, dann die vordersten Publikumsreihen. Je weiter vom musikalischen Geschehen entfernt, umso mehr überlagerten die Konturen einander. Diese Erfahrung gab es im Heilig-​Kreuz-​Münster schon zweimal: bei Konrad Junghänels oder Stephen Stubbs „Marienvesper“ von Monteverdi. Leserbriefe belegen dies.
So blieben den meisten Hörern nur die dargestellte Gewöhnung und die Wahrnehmung engagierter Musiker. Tongebung, Brillanz, Phrasierung und Tempi sprachen für sich. Die Hingabe des Spiels bedarf keines Kommentars — sind doch alle Künstler versierte Fachleute, die gewissenhaft geforscht, ausprobiert und sich dann für ihre Musizierweise entschieden haben.
Und: interessanterweise spielte der spiritus rector sehr wohl mit Vibrato, ganz gegen den Mainstream von Epigonen der so genannten historischen Aufführungspraxis. Dadurch gab es genau jenes gemüthaft ästhetische Überspringen des berühmten Funkens gegen alle intellektuell verkopfte sterile Perfektion. Die Sensibilität von „La Petite Bande“ war durchgängig spürbar.
Interessant das Violoncello da spalla, wie eine Gitarre um den Hals gehenkt, wie Geige oder Bratsche gegriffen und gestrichen, leichter beweglich, aber von sonorer Klangentfaltung.
Ob der Basse de violon, etwa zehn Zentimeter größer als ein Cello, jenes Instrument ist, das bei Bach im Autograph als Violone bezeichnet wird? Jedenfalls hätte ein Kontrabass das Violoncello da spalla nicht einfach nur verdoppelt, sondern das Fundament hörbar nach unten erweitert.
Die voluminöse Traversflöte – mit fülligem, aber weniger obertonreichem Klang als die moderne Querflöte – gab sowohl dem 5. Brandenburgischen Konzert als auch der h-​Moll-​Suite den unverwechselbaren Reiz, der Violine principale parallel oder solistisch ausgeführt.
Georges Barthel entlockte dem Blasinstrument weich fließende Linien. Und der Cembalo-​Professor Ewald Demeyere steuerte ein rauschendes Continuo– oder Solo-​Recital bei. Dass ausgerechnet die spritzige Badinerie in deutlich gemäßigtem Tempo gespielt wurde als z. B. das gar nicht mehr schreitende Menuett, irritierte schon. Das Publikum spendete begeistert Applaus, unterbrochen durch zwei Zugaben aus dem letzten Werk. Um wie viel größer wäre der Hörgenuss gewesen, wenn die Spielposition den Hörern näher gewesen wäre!
 

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