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» Schwäbisch Gmünd | Mittwoch, 04. August 2010

Oberbürgermeister Richard Arnold informierte sich gestern im Stauferklinikum über die Arbeit der Krebsberatungsstelle

„Jeder hat Erfahrungen mit diesem Thema gemacht“, überlegte der Gmünder Oberbürgermeister gestern bei seinem Besuch in der Krebsberatung. Jeder und jede kennt Betroffene. Sein eigentliches Anliegen: Bei diesem so wichtigen Thema Hilfe dort anzubieten, wo sie gebraucht wird.

SCHWÄBISCH GMÜND /​MUTLANGEN (bt). „Was, nur ein Drittel Männer kommen?“, fragte OB Arnold einigermaßen erstaunt und musste hören, dass das eine erstaunlich hohe Quote ist. Ein Viertel Männer, höchstens, sei zu erwarten, erklärte Psychologin Barbara Vratil und lächelte — viele Männer würden von ihren Frauen „hergeschleppt“; einige leiteten das Gespräch ein, indem sie betonten, nicht über Krebs sprechen zu wollen: „Das ist in Ordnung; dieses Thema kommt von selbst zur Sprache.“ Ganz junge kommen, alte, Menschen in mittleren Jahren. Sie kommen, weil sie Angst haben, zu Tode betrübt sind, weil sie nicht mit ihren Angehörigen sprechen können. Weil sie nicht wissen, wie sie mit dieser furchtbaren Diagnose „Krebs“ leben sollen. Nicht wenige leiden an der Behandlung, andere machen sich mit dem Sterben vertraut. Manchmal kommen auch Angehörige. Oder Hinterbliebene. Die Psychoonkologin nimmt sich für alle Zeit — kostenfrei, und natürlich ist Verschwiegenheit garantiert. Sie sagt, dass ihre Arbeit, dass grundsätzlich geschulte Begleitung Lebensqualität erhalten, ja steigern kann. Und erwiesenermaßen hilft, die Therapie und ihre Folgen zu ertragen.
„Warum haben Sie nicht gefragt?“
„Sie waren noch nicht da.“
Dr. Martin Redenbacher, dem früheren Chefarzt, ist der Förderverein zu verdanken, der darauf reagiert, dass im recht undurchschaubaren Gewurstel der Krankenkassen allein den Körpern der Krebspatienten geholfen wird. In ganz Baden-​Württemberg gibt es nur vier Krebsberatungsstellen; in Mutlangen ist die einzige entstanden, die keine große Institution wie eine Uniklinik oder die AWO im Rücken hat, die praktisch ausschließlich von Menschen finanziert wird, die erkannt haben, was Betroffene brauchen. „Niedergelassene Psychologen“ sollen helfen, ist Tenor im Gesundheitswesen — was nicht speziell geschulte Fachkräfte und mittlerweile bis zu zwölf Monate Wartezeit bedeutet. Redenbacher betont immer wieder, wie froh er ist, dass ihm Krankenhausdirektor Walter Hees die Räume der Beratungsstelle überlassen hat, auf dass sich der Förderverein auf die Kosten fürs Fachpersonal konzentrieren kann. „Warum sind Sie denn nicht zu mir gekommen“, fragte Arnold gestern den Begründer der psychologischen Begleitung Betroffener in Ostwürttemberg. „Weil Sie damals noch nicht im Amt waren.“
Arnold betonte, er wisse, wie wichtig dieses Angebot in nächster Nähe zum Klinikum mit all seiner medizinischen Kompetenz sei — immerhin begleitet Vratil ihre Patienten auch nach der stationären Aufnahme. Aber er findet auch, dieses Angebot müsse zu den Menschen gebracht werden. So zwischen Tür und Angel wurde bei diesem Besuch des Oberbürgermeisters gestern eine „Außenstelle“ der Krebsberatung im Margaritenheim zumindest angedacht.
Weiteres Thema war die Bedeutung eines Gesprächs, das über die rein medizinischen Aspekte hinausgeht: Wer nach einer Vorsorgeuntersuchung vom Krebs erfährt und auf Biopsie, Bestrahlung und Nachbehandlung vorbereitet wird, sei am Boden zerstört, körperlich und seelisch angegriffen. Mittlerweile, so Redenbacher und Vratil, überleben über 50 Prozent der an Krebs Erkrankten. Aber 100 Prozent müssen die Diagnose wegstecken.
Die Zahl der Ratsuchenden und der Beratungskontakte hat sich auf 40 bzw. 80 pro Quartal erhöht; die Tendenz ist stark steigend. Aus ganz Ostwürttemberg kommen sie, aus dem Rems-​Murr-​Kreis, sogar aus Heilbronn. Stuttgart hat (noch) keine Krebsberatungsstelle, und Richard Arnold betonte gestern, wie wichtig es sei, „das“ Klinikum in der Wirtschaftsregion zu stärken und seine Interessen gegen Stuttgart zu vertreten. Gemeinsam mit Vratil, die von ihrer Arbeit erzählte, meinte er aber auch: „Es geht um die Menschen, wir müssen vor allem zum Wohl der Betroffenen kooperieren.“
An Krebs Erkrankte, aber auch ihre Angehörigen müssen eine Diagnose verarbeiten, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Auch wenn Krebs mit Hilfe von Medikamenten erfolgreich bekämpft wird oder einen chronischen Verlauf nimmt, leben die Patienten mit einem Damoklesschwert, mit enormer psychischer Belastung, unter der ganze Familien zerbrechen. Wohltuend ist für die meisten bereits die Möglichkeit, „darüber“ zu sprechen. Bereits seit 2007 wird Dank des Fördervereins psychoonkologische Beratung für stationäre Patienten im Klinikum angeboten, worüber sich Chefarzt Prof. Dr. Holger Hebart, sehr freut: „Diese Hilfe ist wirklich wichtig.“
 

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