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» Schwäbisch Gmünd | Mittwoch, 04. August 2010

REISEBERICHT (1): Glücklich unterwegs trotz Schwitzen, Schlammschlacht und Schikanen auf dem Radweg

Wolfgang Schlupp-​Hauck und seine Frau Brigitte Schlupp-​Wick haben ihre große Tour mit dem Tandem in den Iran begonnen. Sie berichten in unregelmäßigen Abständen in der Rems-​Zeitung. Heute zum ersten Mal.

SCHWÄBISCH GMÜND. Unsere erste Woche auf dem Tandem liegt hinter uns. 475 von 7000 Kilometern sind gefahren. Der erste „Plattfuß“ ist geflickt. Wir verlassen Passau. Wir sind glücklich, auf unserem Tandem zu sitzen und freuen uns auf Österreich.
Unser Start war äußerst spannend. Rund zwei Wochen vor der geplanten Abreise fuhr es Brigitte in den Rücken. Sie konnte sich kaum bewegen (die RZ berichtete). Bandscheibenvorfall? Können wir starten? Der Countdown auf unserer Homepage wurde angehalten. Die Untersuchung in der Röhre beruhigte: Nur ein Hexenschuss. Schonen, Krankengymnastik, zur Osteopathin. Wir entschieden uns, den Start einige Tage zu verschieben, um noch etwas länger Ruhe zu haben, die Startstrecke zu verkürzen. Der Countdown lief weiter.
Im Schlafzimmer stand unser Anhänger und die Satteltaschen, immer wieder bepackt und ausgepackt. Brauchen wir das? Wir entschieden uns, einen Umzugskarton voll mit den Campingsachen nach Wien zu schicken, da wir bis dorthin das Zelt nicht aufschlagen werden.
Die Nacht auf Montag haben wir gut geschlafen. Sind um 6 Uhr aufgestanden, angezogen, gefrühstückt und die letzten Sachen aufgeräumt. Dann klingelte das Telefon. Die Interviewfragen vom Rundfunk beantwortet und dann ging’s runter. Den Anhänger vors Haus gestellt, das Tandem aus dem Keller geholt, die Satteltaschen angehängt, aufgestiegen und zum Rathaus geradelt. Unterwegs winkten uns unbekannte Gmünder zu, die in der Rems-​Zeitung oder im Radio von unserer Tour gehört hatten und wünschten gute Reise. Und riefen uns hinter her: „Kommt gesund zurück.“
Über die stimmungsvolle Verabschiedung mit OB Arnold, Freunden und Friedensfreunden berichtete die Rems-​Zeitung bereits.
Bis Göppingen radelte Uwe, Vorstandsmitglied in der Pressehütte, mit uns. Die Geste, uns ein Stück des langen Wegs zu begleiten, tat gut und machte den Abschied leichter, denn es war schon komisch, die eigene Wohnung zu verlassen und keinen Schlüssel mitzunehmen, der unterwegs ja nur verloren gehen könnte.
In Göppingen am Rathaus warteten Zeitungsreporter, ein Fotograf und zwei Fernsehteams auf uns. OB Guido Till begrüßte uns und wünschte viel Glück für den weiteren Weg. Der Presserummel war aufregend. Der Fotograf wollte noch auf offener Strecke ein Bild von uns schießen und wartete auf dem Weg nach Heiningen. Dort aßen wir bei unserer Freundin Sue zu Mittag und wurden danach von Bürgermeister Norbert Aufrecht vorm Rathaus empfangen.
In Göppingen stieß Adelinde zu uns: „Ich möchte Euer Anliegen unterstützen, radle gerne und habe Lust an der Bewegung.“ Sie will mit uns bis Wien radeln durch Felder und Wälder und entlang der Donau.
Wir radelten zu dritt weiter bis Geislingen, dort stiegen wir in den Zug. Den Albaufstieg ließen wir aus, um Brigittes Rücken zu schonen und um in unseren ursprünglichen Zeitplan zu kommen.
In Ulm hatten die Grünen uns ein Hotel reserviert. Einen Bürgermeisterempfang nach dem Schwörmontag erhielten wir weder in Neu-​Ulm noch in Ulm, obwohl die beiden Bürgermeister erst kürzlich den Mayors for Peace beigetreten sind. Die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz wollte uns empfangen, war dann doch verhindert und so begrüßten uns vor unserer Weiterfahrt ihre Mitarbeiter, einige Stadträte und Friedensbewegte am Rathausbrunnen.
Außergewöhnliche Menschen und ein „lieber braver Hund“
Die nächste Station war bei Gundremmingen. Heike und Wolfgang, unsere uns nicht bekannten Gastgeber, waren nicht zu Hause. Im Haus stand ein großer, mächtiger schwarzer Hund. Ein Zettel an der Haustür wies uns den Weg in die Scheune und sagte, der Hund sei lieb. Es war wie eine Schatzsuche. Wir orakelten, suchten nach einem Schlüssel und fanden ihn nicht. Erst im zweiten Anlauf enträtselten wir die Anweisungen und entdeckten die unverschlossene Hintertüre. Schwanzwedelnd begrüßte uns der Hund. Erst am nächsten Morgen begegneten wir unseren Gastgebern. Das Frühstück erinnerte uns an unsere eigene Müslizeit während der Blockadejahre in den 80ern. Wir quetschten die Haferflocken selbst von Hand, knackten die Nüsse und schnippelten die Apfelringe in den Teller. Heike holte Beeren im Garten und beim Nachbarbauer frische Milch.
In der Zwischenzeit stand draußen vor der Tür der Wasserkessel. Ein Parabolspiegel sammelte die ersten Sonnenstrahlen und brachte das Wasser zum Kochen. Wir brauchten zum Frühstücken den Atomstrom aus Gundremmingen nicht.
Wolfgang ist Kern-​Physiker und hat für diese umweltfreundliche Kochart die Parabolspiegel entwickelt. Sie wurden nach ihm benannt. Mit ihrem Verein „Solare Brücke“ fördern die beiden die Verbreitung der Solarkocher weltweit. In Indien wird eine Großküche für über 1800 Essen täglich mit Dampf durch Schefflerspiegel betrieben.
Wir radelten weiter nach Donauwörth. Dort kamen wir über den Friedensreisedienst Servas wieder privat unter. Unsere Gastgeber, Marianne und Jörg, engagieren sich für die Jugend. Ein schrecklicher Mord an einem Mädchen, das von ihrem Vater nicht von der Disko abgeholt wurde, ließ die beiden auf Bitte ihrer Tochter einen Verein gründen, der am Wochenende junge Menschen zur Disko fährt und wieder abholt. Da steckt viel ehrenamtliches Engagement drin. Marianne ist auch Gemeinderätin und sie vermittelte uns für Ingolstadt einen Schlafplatz im Büro der Grünen.
Die ersten Tage waren schweißtreibend. Die Sonne brannte auf uns nieder. Auf dem Weg nach Regensburg schlug dass Wetter um. Regen setzte ein. Die Wege neben der Donau wurden schlammig. Völlig durchnässt und verdreckt kamen wir bei Maria, unserer nächsten Servas-​Gastgeberin, an. Wir blieben zwei Nächte.
Beim Stadtbummel durch Regensburg entdeckten wir gleich neben dem fürstlichen Schloss von Thurn und Taxis ein Trümmergrundstück, in dem ein phantasievoller wilder Garten angelegt ist. Wir erfuhren, dass ein Obdachloser vor einigen Jahren, den Müll aufräumte und Sonnenblumen säte. Er zog unter der Brücke ein. Touristen warfen ihm Geld in den Graben. Er baute den Garten weiter aus. Inzwischen ist auf der Bücke eine Milchkanne für Spenden angebracht. Die Stadt duldet sein Engagement. Wir und andere Touristen freuen sich darüber.
Als Maria erfuhr, dass wir für die nächsten Nacht noch keine Übernachtung hatten, rief sie eine Freundin in Hengersberg an. Und schon war die nächste Übernachtung gesichert. Auf dem Weg nach Hengersberg schlingerte plötzlich unser Tandem. Wir hatten unseren ersten „Plattfuß“.
Deborah ist Amerikanerin. Sie war von unserer Friedensradtour hellauf begeistert. Sie rief den Bürgermeister des Nachbarortes Niederalteich an, dass wir ihn für Mayors for Peace werben können, sie informierte eine Freundin in Teheran, dass wir kommen wollen.
Kraniche und ein goldenes Gingkoblatt aus Hiroshima
An all unsere Gastgeber und Unterstützer sowie die Bürgermeister verschenkt Brigitte einen gefalteten Kranich und erzählt die Geschichte von Sadako, einem Mädchen aus Hiroshima, das an Leukämie durch die Atombombe starb.
Unsere letzte Station in Deutschland war Passau. Bürgermeister Urban Mangold überreichte uns ein vergoldetes Gingkoblatt als Zeichen des Lebens, denn es war ein Gingkobaum, der in Hiroshima als erstes wieder grünte.
Hinter Passau überquerten wir die österreichische Grenze. Unsere zweite Woche begann.

Auf ihrem über 7000 km langen Weg wird das Ehepaar Mitgliedsstädte von Mayors for Peace in Deutschland, Österreich, Ungarn, der Türkei und im Iran besuchen. Ebenso werden Gespräch mit Mitgliedern des Parlamentarischen Netzwerkes für nukleare Abrüstung geführt. Schirmherren der Aktion sind der Bürgermeister von Hiroshima Tadatoshi Akiba, der alternative Friedensnobelpreisträger Alyn Ware und der Bundestagsabgeordnete und Präsident von Eurosolar Hermann Scheer.
 

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