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» Kultur | Samstag, 07. August 2010

Künstlerpersönlichkeiten beim EKM-​Konzert am Donnerstagabend im Heilig-​Kreuz-​Münster

In einem Interview mit Thomas Moritz Müller resümierte EKM–Festival– Programmdirektor Dr. Ewald Liska: „Musik ist ein Faktor, den sich Menschen zunehmend als geistige Nahrung wünschen.“ Treffender kann das nicht formuliert werden. Von Peter Skobowsky

KONZERT. Wovon wird die Seele satt? Diese Gretchenfrage geistlicher Musik fand im Donnerstagkonzert der EKM im Heilig-​Kreuz-​Münster eine derart gültige Antwort, dass das Zuhören gar keine Fragen aufkommen ließ.
Die Bitte der Veranstalter, erst am Schluss des Konzerts zu applaudieren, war nur ein Aspekt der Ehrfurcht vor einer Kunst, die an menschlicher, personaler und musikalischer Tiefe aus sich selbst und für sich spricht. Die Komponisten waren allesamt Künstlerpersönlichkeiten, die in der Sinnsuche ihres bewegten Lebens die Antwort in Gott fanden: der gebürtige Russe Gija Kantschelij, der Este Avo Pärt – beide hatten die Unfreiheit des gottlosen Kommunismus durchlitten; dann Igor Strawinsky, der 50-​jährig zum russisch-​orthodoxen Glauben (zurück-)gefunden hatte, und Leonard Bernstein – der eine als „Jude“ diffamiert wegen seiner so verdächtigten Tonsprache, der andere wirklich Jude, der immer mehr nach exzessivem Ausleben seiner Wünsche immer mehr zu den Wurzeln zurückkehrte.
Das eine sind die Partituren mit all ihren Hintergründen, das andere die Interpreten, diesen in den Noten nachspüren, sich ihnen stellen und aus deren Inspiration heraus musizieren.
Das alles gerann zu einer Einheit demütiger Hingabe, die den Abend zu solch beglückendem Ereignis werden ließen.
Da war der Aurelius-​Knabe Frederik Callies, der sofort an das Wort Jesu in Mt 21,16 (aus Psalm 8,3) erinnerte: Habt ihr nie gelesen: „Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“? Der bescheidene Junge sang den hebräischen Text nicht nur auswendig, sondern schlicht, anrührend.
Dann musizierten die großen Klangkörper, der Bachchor Stuttgart (erst 10 Jahre jung) und die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz, beide in bester Erinnerung aus Gottesdienst (2004) und Berlioz-​Requiem (2009). Der Dirigent, KMD Prof. Jörg-​Hannes Hahn, brachte genau die Qualitäten ein, die unerlässliche Voraussetzung für das Gelingen sind: präzise Gestik ohne „Extras“, ansteckende Mimik, eine stets freundliche Ausstrahlung und ein langer Atem, der durch die wunderbar himmlischen Längen bis zu den durchaus explosiven Höhepunkten führte.
Üblicherweise bilden die „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein und die „Psalmensinfonie“ von Igor Strawinsky die beiden Pole einer Aufführung. Dass Prof. Hahn Gija Kantschelij und Arvo Pärt mit in die Programmfolge aufnahm, unterstreicht sein treffsicheres Gespür für Geist und Aussage aller vier Werke. Schließlich ist von Bedeutung, dass stets der Bezug zu den Psalmen gegeben ist, den gesungenen Gebeten Israels, die wohl am deutlichsten das Sein vor Gott in allen Lebenslagen spiegeln und bei aller Klage das „Aber …du bist Gott“ nie vergessen.
Zuerst also erklangen von Gija Kantschelij die „Morgengebete“ für Altflöte, Kammerorchester und Tonband (Knaben-​Alt/​Orgel), 1990 entstanden, dem Text von Psalm 97,10 folgend. Allein die physische Orchesterleistung des langen Durchhaltens in mindestens dreifachem Piano verdient Hochachtung, wie viel mehr die geistige, ganz im Sinne eines Komponisten, den die Stille fasziniert, dessen Traum sie ist. Und dabei stehen die unterschiedlichen Strukturen (wie bei den anderen Vorträgen auch) diesem Gestus nicht im Wege. Die Klavierpunkte waren zugleich Puls, Impuls, welche den Streichertenuti Rhythmus verliehen, bis diese über Tremolandi und Cluster zu den nie aggressiven Höhepunkten führten und gegen Ende sogar sublimen Walzer evozierten. Assoziation der Ewigkeit als visio beatifica (die beseligende Schau Gottes). Da müssen Zeit, Geschäftigkeit, alles Eitle zerrinnen.
Der Boden für Bernsteins „Chichester-​Psalms“ war bereitet. Das Werk war ein Auftrag von Walter Hussey, dem Dekan der Kathedrale von Chichester. Der Text (die Psalmen Nr. 100, 23 und 131 vollständig, dazu Einzelverse aus den Psalmen Nr. 108, 2 und 133) wurde vom Komponisten selbst zusammengestellt in der Sprache seines Volkes Israel, Hebräisch. Dieses gewaltige und tiefe Lob Gottes nötigt zu (beredtem) Schweigen. Allein der Part des Knaben-​Alts verrät die Innigkeit, mit welcher der (temperamentvolle) Bernstein dem Schriftwort aus Psalm 23 nachspürt. Das berührt zutiefst existenziell. Bei aller Entwicklungsdramatik gilt für den Komponisten der Auftakt des III. Teils „Mein Herz ist nicht hoffärtig …“ als Credo eines für immer Zurückgekehrten.
Arvo Pärt (EKM–Preisträger von 2005) legt in „Fratres“ (1977/​1991) wiederum Zeugnis ab von seiner demütigen Geisteshaltung. Zwar nicht Kirchenmusik (da die Orthodoxie nur A-​cappella –Gesang kennt), aber zutiefst geistlich. Die unterschiedlichen Ausführungsvarianten entspringen derselben Ideenfülle, mittels ganz schlichter Motivik und Instrumentation ein Auf und Ab der Linien unter Einschluss dezenter Schlagzeugpunkte zu zelebrieren. Sein Dreiklang-​Glockenspielcharakter (originärer Tintinnabuli-​Stil) bedeutet keine Einbahnstraße permanenter Wiederholungen, sondern ist im Gegenteil Klangentwicklungs-​Quelle. Auch hier die Unendlichkeit des Bordun-​Orgelpunkts der Celli und Kontrabässe, die gedämpften Streicher. „Fratres“ bleibt bei aller Entfaltung ein lyrischer Ruhepunkt.
Strawinskys „Psalmensinfonie“ in lateinischer Sprache hat gleichfalls den Charakter eines persönlichen Glaubensbekenntnisses, zugleich als Rückkehr von allem Experimentellen zur „klassischen“ Tonalität. Da ist nichts abgestanden Triviales, sondern die Glut des Herzens. Die Psalmen 38, 39 und 150 sind die ergiebigen Quellen einer expressiv spannungsgeladenen Komposition, die – entgegen aller vordergründigen Erwartungshaltung – ausgerechnet beim großen Lobpsalm 150 sowohl das „Alleluja“ als auch die Aufforderung „Laudate (Dominum)“, „Lobet“ (den Herren) in voller Ehrfurcht demütiger Haltung langsam, leise verinnerlicht wiederholt wurde.
Der riesige Orchesterpart mit vielfach besetzten Flöten, Oboen, Englischhörnern (nomen est omen), Blechbläsern, zwei Klavieren, Celli, Kontrabässen und Schlagwerk wuchs in allen Teilen über sich selbst hinaus, auch die chorische Zurückhaltung teilend. Und der Bachchor war nicht nur ein williger Klangkörper in den Händen des kompetenten Dirigenten Hahn, sondern ein überaus agiler, der mit Spürsinn für alle Details seine Aufgabe mustergültig einlöste. Ein erhebender, ergreifender Konzertabend, der zu einem Juwel des Festivals geriet: Summa cum laude.
 

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