Ökumenischer Abschlussgottesdienst des Europäischen Kirchenmusikfestivals in Augustinus
Schon eine halbe Stunde vor Beginn war die Augustinuskirche beim Abschlussgottesdienst des Europäischen Kirchenmusikfestivals fast voll besetzt — ein schönes Zeichen ökumenischen Miteinanders. Von Peter Skobowsky
SCHWÄBISCH GMÜND. Wie im Eröffnungsgottesdienst mit seinem Bezug zum verlorenen Sohn/barmherzigen Vater stand auch beim Abschlussgottesdienst das Motto Jung — Alt thematisch im Mittelpunkt, auch wieder nach dem Lukasevangeliums die Darstellung Jesu im Tempel und die greisen Simeon und Hanna, für die sich die Sehnsucht ihres Lebens erfüllte; das Heil der Völker gesehen zu haben, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und Herrlichkeit für … Israel.
Der musikalische Teil erbrachte den Ertrag aus dem Meisterkurs Chordirigieren unter Leitung des Dresdner Professors Hans-Christoph Rademann, der vor drei Wochen selbst mit Monteverdis „Marienvesper“ am Pult des RIAS-Kammerchores stand. Es war ein Glücksfall, Rademann für diesen viertägigen Kurs mit bis zu knapp zehnstündigem Tagespensum gewonnen zu haben. Das Collegium vocale bildete den Übungschor, „Versuchskaninchen“ wäre respektlos angesichts der enormen Leistung (einstudiert von seinem Leiter Walter Johannes Beck). Rademann lobte diesen herausragenden Klangkörper zu Recht, bei dem auch diejenigen Meisterschüler mitwirkten, die gerade nicht dirigierten.
Mit Max Regers Morgengesang aus op.
138, John Taveners (*
1944) „Nunc dimittis, Felix Mendelssohn Bartholdys „Deutschem Nunc dimittis“ aus op.
69, zweimal Heinrich Schütz („Also hat Gott die Welt geliebt“ SWV
380 und „So fahr’ ich hin zu Jesu Christ“ SWV
379), Henryk Mikolai Gorecki, ein „unendliches“ „Amen“ op.
35 (*
1933) gab es eine musikalisch überaus interessante Auslotungsvielfalt des „Nun lässt du, Herr, deinen Diener in Frieden fahren“.
Die Ergebnisse der Probenarbeit konnten sich nicht nur hören lassen; sie zeigten auch die unterschiedliche Herangehensweise der Dirigent(Inn)en, etwa das Gestalten der Bögen, die dynamische Ansteckung, das Pointieren von Akzenten, das Nachklingen des Schluss-Ns oder nicht. Auf der einen Seite war Maria Rodriguez Luengo aus Mannheim, welche die Hände viel zu tief postierte und nur brav zu dem völlig eigenständigen Gesang des Chores dirigierte, während ihre Mitstreiter Persönlichkeit zeigten: Matthias Böhringer (Kraichtal), Maria-Louise Schneider (Berlin), ganz besonders Bart von Reyn (Antwerpen) und Georg Hage (Aachen). Da spürte man deutlich ambitionierte Interpretation: Wert legen auf den Text, seine Struktur und Syntax, das Durchtragen und Betonen, das Auskosten der Ruhe oder das leichtfüßige Scherzando („sondern das ewige Laben haben“) …
Nach dem Gottesdienst kamen noch die anderen Aktiven zum Zug, sodass die Gemeinde nochmals in den Genuss von vier der vorher gehörten Werke kam. Bei Reger fiel auf, dass beim zweiten Mal viel mehr Ton neben Ton gesetzt wurde und so der Bogen litt. In den anderen Beiträgen gab es Nuancierungen — alles beachtlich. Eine Detailbesprechung müsste jeden Berichtrahmen sprengen.
Da weder beim Ein– noch Auszug der Liturgen (Pfarrer Matthias Plocher und Münsterpfarrer Robert Kloker) die Orgel ihr übliches Gottesdienstrecht hatte, nutzte Dekanatskirchenmusiker Ulrich Klemm aus Schorndorf (
EKM–Improvisations-Preisträger von
1999) seine Möglichkeiten in vielfältig prächtigen Intonationen und Schlusstakten nach den Gemeindegesängen, bei „Die güld’ne Sonne“ mit schmissig hellen Sechstolen, und Trompeten-Cantus, bei „Befiehl du deine Wege“ (beide Choräle von Paul Gerhardt) mit Prinzipal
8’, polyphoner Melodie-Entwicklung, nasal oder mit Zungen (Sordun
16’ und Messingschalmei
4’) oder „Im Frieden dein“ mit Pedalostinato und wiederum dem regalgleichen Sordun
16’ sowie nach der
3. Strophe ein motivischer Ausklang samt Tuttisteigerung. Die Choräle begleitete Klemm eher schlicht, aber in interessant moderner Harmonisierung, ebenso beim Canticum Simeonis, den sich gregorianisch Pfarrer Robert Kloker als Vorsänger und die Gemeinde teilten.
Kloker thematisierte in der Predigt Jung und Alt bezüglich Jesus/Maria/Josef und Simeon/Hanna als Generationengeschichte. Die beiden Alten, jung geblieben in der Sehnsucht, zwar den Tod vor Augen, aber auf den Gesalbten wartend, wie vom Heiligen Geist offenbart. Auch die Witwe Hanna, als Prophetin ihren Dienst im Tempel tuend, sieht die Erlösung Jerusalems in der Begegnung mit dem Jesuskind. In diesem Säugling bricht das Heil an. Beide Betagten können Vorbilder sein: Glaube als innerer Anstoß, kein Gedankenkonstrukt, sondern konkret in der unspektakulären Begegnung, ein Vertrauen, eine Hoffnung, die im Tod nicht zerfällt. All das führt zu jenem Lobgesang, den die Kirchen im liturgischen Nachtgebet, der Komplet, singen — Bild des letzten Schrittes in Gottes Ewigkeit. Das durch die Seele dringende Schwert bleibt nicht aus; aber in Christus ist Heil, Rettung. Der Gefahr des „Austauschens der Herrlichkeiten“ kann nur in der Vision widerstanden werden: des Heiles durch Jesus Christus, heute und morgen.
Gebete, Fürbitten, Vater unser und Segen teilten die Liturgen mit der Gemeinde, die erfüllt das Gotteshaus verließ, auch im Dank an alle Mitgestaltenden des Gottesdienstes und — stellvertretend für die vielen Organisatoren und Helfer — Klaus Stemmler, den unermüdlichen Motor des zu Ende gegangenen Festivals.
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