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» Ostalbkreis | Montag, 09. August 2010

Olivier Latry, einer der bedeutendsten Konzertorganisten, war am Freitagabend im Münster zu hören

Namen sind Magnete. Das galt besonders für das letzte Orgelkonzert der EKM mit dem Titularorganisten von Notre Dame, Prof. Olivier Latry. Vor zwei Jahren gab sich sein Kollege Jean-​Pierre Leguay die Ehre. Innerhalb zweier Jahre solche Berühmtheiten zu gewinnen, spricht auch für die Verantwortlichen des Festivals. Von Peter Skobowsky

KONZERT. Das war ein regelrechtes Ausnahmekonzert, was die gespielte Literatur und ihre Interpretation samt Zugaben anbelangt. Der 48-​jährige Latry demonstrierte zugleich „Alt und Jung“ auf interessante Weise: Bachs Toccata und Fuge F-​Dur (BWV 540) ist ein Weimarer Frühwerk des 30-​Jährigen; Franz Liszts Werke „Évocation à la Chapelle Sixtine“ und sein berühmtes B-​A-​C-​H (Präludium und Fuge – 1. Fassung) sind eher im letzten Lebensabschnitt (1855/​1870) entstanden, als Liszt die niederen Weihen empfangen und als Abbé eine auch geistliche Reife erreicht hatte, die ihn deutlich unterschied gegen alles pompös Virtuose (z. B. die vom III. Reich politisch-​militärisch instrumentalisierte symphonische Dichtung „Les Préludes“). Dennoch ein Liszt voller Kraft, nicht im Gegensatz zu seiner meditativen Seite.
Jehan Alain, nur 29 Jahre alt geworden, Jean-​Louis Florentz’ Werk „Laudes“ entstammt der späteren Schaffensphase.
Das Programm gab einen vielfältigen Querschnitt von Bach bis zur Gegenwart: Bekanntes und Neues – beides völlig neu gehört im unübertroffenen Spiel eines Meisters, welcher derart differenziert zu Werke ging, dass jeder Vortrag den Geist der Werke so freilegte, dass man als Hörer völlig überwältigt lauschte. Hier hat also die Werbung zu Recht Erfolg gehabt. Und mancher Zuhörer wird sich die SWR2-​Aufzeichnung am 2. Oktober nicht entgehen lassen.
Das Geheimnis Latrys ist schnell gelüftet: Entweder hat er den Rat von Münsterorganist Stephan Beck beherzigt ob der akustischen Problematik des Münsters oder er hatte selbst sofort einen Sinn dafür. Jedenfalls hat er immer dann, wenn dem Pedal nicht eine dominierende Rolle zukam, dieses dezent zurückgenommen, ohne dass es zum Säuseln verkam.
Wie oft langen Kollegen bei Bachs F-​Dur-​Toccata so zu, dass über dem (dann zu lauten) Orgelpunkt des Pedals die Manualläufe sich nicht davon abheben können. Latry dagegen nimmt nur verhaltene Labiale, dafür bis zum Contraviolon 32’. Erst beim einsetzenden Pedalsolo kommt die Posaune 16’ hinzu und betont die Pedallinien markant. Bis zum Tutti zeichnet alles klar, auch wegen der sorgfältigen Phrasierung und einem Leggiero-​Spiel, das die Konturen nicht verwischen kann. Toll die Agogik der Trugschlüsse, die folgerichtig ausgekostet werden. Die Fuge im Pleno-​Charakter hat die nötige innere Ruhe als Kontrast zur bewegten Toccata.
Liszts Anrufung beginnt dumpf. Die Gambe im Schwellwerk liefert herben Charme, die voluminöse Portunalflöte füllt den Raum und das Mozart-​Zitat des „Ave verum corpus“ in luftiger 4’-Höhe kommt ganz behutsam. Der Tremulant erst am Schluss und das Versinken zur (wunderbar langen) Fermate in Terzlage krönen das besinnliche Werk.
Es folgen drei ganz unterschiedliche Beiträge aus dem umfangreichen Schaffen Alains. Wie reizvoll Latry differenziert: eine komplementäre Linienführung von Streichern — Flöte — Trompete harmonique.
Das variierte Thema von Clément Jannequin (16. Jh.) ist eine Hommage mit dem samtweichen Cromorne (Krummhorn). Und schließlich das berühmteste Stück, die „Litanies“. Der Kommentar des Komponisten, wie die verzweifelte Christenseele unaufhörlich dasselbe Gebet wiederholt, ist ein tröstliches Glaubensbekenntnis, das liturgisch höchst expressiv in ungeradem Rhythmus permanenter Achtelbewegung (3+5+2+2+ 2 Viertel) läuft. Faszinierend die Steigerung bis zur „unendlichen“ Fermate. Latry lässt das Bedürfnis nach zeitloser Dauer spüren.
Florentz’ „Lied von den Blumen“ und der „Kreuzeshügel“ ergänzen einander charakteristisch: zuerst eine Wellenbewegung in linearen Wiederholungen mittels der Schwebung des Tremulanten über dissonanten Akkordtenuti – dann ein Ostinato, darüber Klangkronen-​Kolorierung, später mit Pedal, Cromorne, schreienden Aliquoten über der Vox cœlestis, immer zurückhaltende Pedal-​Orgelpunkte, farbigste Details, Steigerung ins Pleno und eine Trillerfermate.
Liszts Huldigung an B-​A-​C-​H hat unter den Händen Olivier Latrys symphonische Größe. Was sich da nach dem wühlenden Pedalsolo entwickelt, sprengt jede Beschreibung: das Tempo immer angemessen, die Registervielfalt vielfältig nutzend, auch in den zarten Phrasen („misterioso“), respektvoll und ausdrucksmächtig zugleich. Selbst im Fugenteil wird der Fantasiestil favorisiert., quasi credohaft reduziert: Bach ist der Größere!
Selten war das Werk so durchsichtig virtuos zu hören – eben in der beschriebenen räumlich-​akustischen Sensibilität Latrys.
Seine Improvisation setzte dem meisterlichen Spiel noch eins drauf. Zuerst stellte er den gregorianischen Cantus des „Salve Regina“ vollständig mit Sesquialter vor, ehe er ein wahres Feuerwerk des Marienlobs entfachte, eine Toccata im Pleno und dem Kontrast mit zartem Pedal und Themenbezug (Vox cœlestis) – genial vielfältig.
Der stürmische Beifall (standing ovations) bescherte zwei Zugaben: Robert Schumann (Pedalskizze mit romantischem Melodie-​Akkord-​Flair) und die mitreißende Eingangssinfonia der Ratswahlkantate BWV 29 („Wir danken dir, Gott, wir danken dir“) – ein wahres Perpetuum mobile im Glanz der strahlenden Klais-​Orgel. Noch nie hatte ein EKM–Orgelkonzert so lange gedauert, ohne dass auch nur ein Anflug von Müdigkeit entstand.
 

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