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» Ostalbkreis | Donnerstag, 02. September 2010

Reisebericht (5): Auf dem Weg nach Teheran trafen die Reisenden aus Gmünd Gleichgesinnte, die per Rad auf dem Weg nach Asien sind

Seit über einem Monat befinden sich Wolfgang Schlupp-​Hauck und seine Frau Brigitte Schlupp-​Wick mit dem Tandem auf dem Weg in den Iran. In unregelmäßigen Abständen schreiben sie für die Leser/​innen der Rems-​Zeitung Reiseberichte. Heute folgt Teil fünf. Von Wolfgang Schlupp-​Hauck

SCHWÄBISCH GMÜND /​MUTLANGEN. „Auf den ersten Tausend Kilometern hatten wir mit den Menschen, denen wir begegneten, fast ausschließlich positive Erfahrungen. Auf der Strecke von der ungarischen Grenze bis hinter die serbische Hauptstadt Belgrad waren unsere Eindrücke erstmals sehr gemischt.
Das Landschaftsbild im dörflichen Bereich hat sich durch den Grenzübertritt wenig geändert. Lange, meist kerzengerade Straßen, riesige Felder, im Ort auf beiden Seiten schmale Grundstücke. Vor dem Zaun ein Wiesenstück mit Entwässerungsgraben und Bäumen. Doch schlagartig gab es in den Dörfern keine Storchennester mehr. Gehwege wie bei uns gibt es nicht, Fahrradwege schon gar nicht. Man fährt auf der Straße oder unbefestigten Wegen.
Völlig verfallene Häuser stehen neben gut renovierten, dazwischen werden protzige Neubauten hochgezogen. Anders als in Ungarn wo auch die Dorfkirchen gepflegt und renoviert dastehen, verfallen sie in vielen serbischen Dörfern.
Überall erhielt unser Sitzliegetandem Aufmerksamkeit, wir wurden fotografiert und darauf angesprochen. In Serbien war das Interesse jedoch übergroß. Ständig wurde freundlich gehupt. Mehrere Autofahrer fuhren langsam an uns vorbei, zückten das Handy um uns durch das Beifahrerfenster zu fotografieren. Manche wendeten und fuhren uns zum fotografieren hinterher. Am Anfang war dies für uns ganz nett, wurde dann aber auch etwas nervig und bisweilen gefährlich, weil die Fotografen zuwenig auf den Gegenverkehr achteten.
Die Stimmung im Straßenverkehr änderte sich, wenn wir auf Großstädte wie Novi Sad oder Belgrad zufuhren.
Im Autoverkehr dominierten immer mehr westliche PS-​starke Marken, die in Ungarn nur ausnahmsweise zu sehen waren. Dazwischen alte Modelle, die bei uns keine Zulassung mehr bekommen würden. Knatternd und stinkend fuhren sie an uns vorbei. Den Fahrstil erlebten wir als immer schneller und aggressiver. Nicht mehr das freundliche Hupen dominierte, sondern ein ungeduldiges Hupen: „Geh aus dem Weg“. Bisweilen wurden aus dem Fenster unfreundlich klingende serbischen Kommentare gerufen. Fahren machte da wenig Spaß, bisweilen sogar Angst.
Einmal schoss von der sonst freien Gegenfahrbahn ein Autofahrer voll auf uns zu und drehte erst einige Meter vor uns wieder ab. Ein andermal überholte ein vollbesetztes Auto von hinten, blieb auf unserer Höhe für viele Meter, das Seitenfenster heruntergekurbelt, wurden wir beschimpft und bedrängt, bis durch ein nachfolgendes Auto der Spuk ein Ende hatte.
Hinzu kam der Müll, der ohne Ende stinkend am Straßenrand liegt. Ab und zu ein überfahrener, verwesender Tierkadaver, nicht nur Wildtiere, sondern auch Katzen und Hunde. Die vielen Gedenksteine am Straßenrand erinnern zudem an die menschlichen Opfer des Straßenverkehrs.
Aus Ungarn waren wir es gewohnt, dass aus vielen Grundstücken uns ein Hund hinterherbellte. Aber alle blieben hinter dem Zaun. In Serbien laufen immer wieder die Hunde frei auf der Straße herum. Mancher rennt auch schon unserem Tandem hinterher. Mit Schreien und Hupen ließen sie sich bisher alle Vertreiben.
„Für alle Wege unter 5 km ist das Fahrrad die beste Alternative!“
Nach Novi Sad mussten wir unseren ersten hohen Berg erklimmen. Oben angekommen, winkten uns zwei junge Radler. Sie pausierten nach dem Anstieg. Die beladenen Fahrräder und Radanhänger machten deutlich, auch die beiden sind länger unterwegs. Wir gesellten uns zu ihnen. Michael und Sybille wollen mit ihren beiden Hunden bis nach Asien radeln. Sie nennen ihre Tour cycle-​for-​a-​better-​world. Sie wollen mit ihrer Tour Werbung für das Radfahren machen: Sybille sagt: „Dein Fahrrad kann Dich überall hinbringen. In den Biergarten, zum Supermarkt, zu einem lieben Menschen, oder ans andere Ende der Welt.“ Michael erklärt: „Für alle Wege unter 5 km ist das Fahrrad die beste Alternative! Das Einsparungspotenzial ist immens und jeder weiß, dass wir gegen den CO2–Ausstoß etwas tun müssen.“ Mit dieser Botschaft touren die beiden für die nächsten beiden Jahre durch die Welt.
Wir machen gemeinsam Pause und lassen Dampf ab über die unvorsichtigen Autofahrer. Michael hat als Abstandshalter für die Raser einen umgefahrenen Straßenpfahl an den Anhänger montiert. Ein französisch-​niederländisches Paar, das zum schwarzen Meer unterwegs ist gesellt sich auch noch zu uns.
Elf km lang war der Feldweg, der uns nach Belgrad führte. An Brigittes Pedalen wurde ein Klackern immer stärker. In Belgrad, direkt am Radweg an der Donau war ein kleiner Radladen. Dort wurde geschraubt und repariert. Für umgerechnet vier Euro war das vordere Tretlager wieder fest eingestellt. Wir bekamen auch noch einen Tipp für ein Hostel wo wir übernachten könnten. In der Innenstadt fragten wir nach dem Weg. Ein bärtiger Mann erklärte uns den Weg, einen Brunnen als Orientierungspunkt. Als wir dort ankamen stand er wieder da, über einen Weg mit Treppen war er uns vorausgegangen und wies uns nun die letzten Meter.
Belgrad zu verlassen war nicht einfach. Wir wollten wie im Radführer vorgeschlagen, den stressigen Verkehr umgehen und ein Stück mit dem Zug fahren. Brigitte kaufte am Morgen die Fahrkarten und fragte, ob auch ein Tandem mit Anhänger mitgenommen würde. Sie bekam mehrfach die Auskunft, das sei möglich. Am Nachmittag als wir am Zug ankamen, verbot uns der Schaffner das Tandem einzuladen. In diesem Lokalzug sei die Mitnahme von Fahrrädern verboten. Alles Betteln und Schimpfen half nichts. Am Infostand empfahl man uns, das Anbieten eines „Zusatzgeldes“. Der Schaffner ließ sich aber nicht bestechen. Er verwies uns auf einen Zug, der am Abend fährt. Aber von einem anderen Bahnhof. Wir beratschlagten, dass wir das nicht noch einmal probieren, sondern schoben zunächst der vielbefahrenen Straße entlang unser Fahrrad und stiegen dann im Stau zwischen ihnen auf. Bergauf verließen wir dann die Innenstadt, obwohl die Beschreibung unseres Radführers für diese Strecke eine Abfahrt ankündigte. In einem Vorort fanden wir ein supergutes Hotel und erholten uns von dem ganzen Stress. Unser nächstes Ziel ist das Eiserne Tor, wo wir auf einer Höhenstraße über der Donau radeln werden.
 

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