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» Ostalbkreis | Sonntag, 05. September 2010

Seit einem schweren Unfall der Tochter hat Hängebauchschwein Rocky in Göggingen Familienanschluss

So ungefähr 8000 Schweine hat Erich Kießling aus Göggingen in seiner Berufstätigkeit als Metzger schon geschlachtet, aber für dieses Schwein, das Hängebauchschwein „Rocky“ wird er kein Messer wetzen. Von Dorothee Wörner

DURLANGEN. „Rocky“ wohnt seit vielen Jahren bei der Familie Kießling in einem eigenen Gartenhäuschen mit Veranda und Vorgarten, in einem kleinen Stall daneben hat es sich „Moggi“ gemütlich gemacht, ein weiteres Hängebauchschwein mit Familienanschluss.
Die vielen Kunden der Metzgerei Kießling, die im Jahr 2005 von Andreas Bommerer übernommen wurde, wissen es schon – der Erich – wie er in Göggingen und Umgebung genannt wird – hat eine besondere Liebe zu diesen Tieren. Vor allem die Kinder der Kunden zieht es regelmäßig zum Gehege im Garten hinter der Metzgerei und auch die Kindergartenkinder haben den Hängebauchschweinen schon einen Besuch abgestattet. „Eigentlich begann alles damit, dass meine Tochter Manuela immer schon ein Ferkelchen für sich haben wollte. Dann, nach einem schweren Unfall, hat sie von Bekannten zum Trost zwei kleine Hängebauchschweine geschenkt bekommen“, erzählt der 60-​Jährige. Schnell haben sich diese kleinen grauen Knäuel in das Herz der Familie gegrunzt und als es sich herum– gesprochen hatte, dass es diesen Hängebauchschweinen in Göggingen ganz besonders gut geht, wurde der Familie auch noch Rocky geschenkt. Er wurde als Kleintier in einer Wohnung gehalten, als er aber zur Überraschung seiner Besitzer immer mehr wuchs, wandten sie sich an die Familie Kießling und so hieß es für Rocky „Schwein gehabt“. Etwas weniger Glück hatten die vielen Hausschweine, die ebenfalls den Weg in die Metzgerei angetreten sind.
Mit dem „Schätterle“
der heimlichen
Leidenschaft nachgehen
Ja, das Schlachten“, sagt Erich Kießling nachdenklich, “damit bin ich groß geworden und es war selbstverständlich, dass ich einmal die Metzgerei von meinem Vater übernehmen werde, was im Jahr 1975 auch geschah“. Er konnte sich die nötige Distanz zum Schlachtvieh bewahren, nur wenn ihm kleine Zicklein ins Schlachthaus gebracht wurden, dann wurde es ihm und seiner Frau Ilse ganz weh ums Herz. Auf die Frage, ob er nicht doch gerne etwas anderes gemacht hätte, schüttelt er den Kopf. Doch dann kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Autorennen wäre ich gerne gefahren“. Er war immer schnell unterwegs der Erich, hat sich bei Slalomfahrten mit den Viehhändlern gemessen, „mit denen mit den ganz dicken Wagen“, aber er hat sie alle abgehängt auch wenn diese sein Auto verächtlich „Schätterle“ nannten.
Er hat den Beruf als Metzger gern gemacht; Einkauf, Verkauf, der Kontakt zu den Landwirten und zu der großen Kundschaft, das war die Erfüllung für ihn. Aber da muss es doch auch ein paar kuriose Geschichten geben:
Erich Kießling kann, wie übrigens viele seiner Berufskollegen, kein Blut sehen. Damit ist nicht das Blut beim Schlachten gemeint, sondern das menschliche Blut, dessen Anblick bei ihm regelmäßig zu Ohnmachtsattacken führt. Einmal schnitt sich seine Frau Ilse tief in den Finger. Bevor sie einen Schwächeanfall erlitt, rannte sie noch blutend aus dem Laden und zeigte ihm die Wunde. Schnell musste er sich im Freien auf eine Bank setzen. Als er wieder auftaumelte um nach seiner Frau zu sehen, wurde es ihm so übel, dass er umfiel und sich einen Zahn ausschlug. Während Chef und Chefin also außer Gefecht gesetzt waren und sich die einzige Angestellte um die beiden kümmerte, blieb der Laden verwaist. Doch da zeigte sich, auf welch treue Kundschaft die Gögginger Metzgerei zählen kann, denn da interessierte plötzlich nicht mehr der Leberkäse oder der Schwartenmagen, sondern die Kunden leisteten spontan Erste Hilfe.
Er könnte noch viel mehr erzählen, von Zebu-​Rindern etwa, die kurz vor dem Eingang zum Schlachthaus flüchteten und nicht nur die Besitzer, die Metzger, die Jäger und die Polizei, sondern wegen der Frage des Artenschutzes auch noch die Behörden beschäftigten. Es war ein längeres Unterfangen, bis von amtlicher Seite aus geklärt werden konnte was zu tun ist, während sich die Verfolgungsjagd der Zebus sich auf Wiesen, Wälder und über Landstraßen hinweg erstreckte.
So kurios es klingt, aber der Metzger Erich Kießling war schon immer ein Tierfreund und hat einfach nur seinen Beruf ausgeübt „wie jeder andere auch“, sagt er. Dass er aber gut mit Tieren umgehen kann, hat ihm sicherlich dabei geholfen.
Für Rocky ist es ein großes Glück in ihm seinen Menschenfreund gefunden zu haben. Das Hängebauchschwein bekommt oft sein Lieblings-​Fressen, das ist eingebrockter Hefezopf und jeden Tag drei Äpfel. Da er an Arthritis leidet, ist sein Häuschen ausgestattet mit einem weichen Bett und der Eschacher Tierarzt Dr. Popa hat ihm ein gutes Schmerzmittel verschrieben. Leben darf er bei Erich, Ilse und Manuela Kießling und deren Lebensgefährten bis ans Ende seiner Tage, denn sie können sich nicht vorstellen Rocky dereinst zu seinem letzten Gang ins Schlachthaus zu führen.
 

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