Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus
„Vergessen wir nicht die jüdische Geschichte der Stadt, die Orte des Schreckens, die Namen“, appellierte Erster Bürgermeister Joachim Bläse bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus.
SCHWÄBISCH GMÜND
(rw). Am gestrigen Holocaust-Gedenktag,
27. Januar, als sich zum
67. Mal die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz jährte, trugen die Fahnen vor dem Rathaus Trauerflor. Abends fand im Prediger-Refektorium das Gedenken statt, unter den rund
70 Besuchern auch Stadträte aller Fraktionen. Sie nahmen teil an einer intensiven, den Bezug zur Gegenwart direkt schlagenden Erinnerungsstunde für all jene, die Opfer des NS-Regimes wurden, diskriminiert, entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet.
Auschwitz sei Sinnbild für den Verlust von Zivilisation und Menschlichkeit, ein Synonym für den millionenfachen Mord, sagte Bläse. Der Name stehe stellvertretend für den Holocaust an den Juden, auch an Juden aus Schwäbisch Gmünd, „diese Erinnerung sind wir den Opfern schuldig.“ Das Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten habe gezeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation sei und wie zerbrechlich die kulturellen Sicherungen, „und wie wichtig es ist, den Menschenrechten immer aufs Neue Geltung zu verschaffen.“ Nicht zuletzt mit Blick auf aktuelle Gefahren und Neonazi-Mordtaten.
Das Bild der Deutschen in anderen Ländern habe sich gewandelt. Alles gut, alles vergessen? Ein Erlebnis in Faenza habe ihn, Bläse, motiviert, das Thema offen anzugehen. Als er in der Partnerstadt an der Feier zum
60. Jahrestag der Befreiung teilnahm, sei er mit ehemaligen Partisanen und den Angehörigen von Verfolgten zusammengekommen. Deren Wunsch für die Deutschen sei gewesen, „dass ihr nicht vergesst, was war, dass ihr es weitergebt.“ Und von daher könne man auf Schwäbisch Gmünd schauen: „Hier lebten
97 Juden, es ist eine konkrete Geschichte.“ Es gebe die „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die seit
1992 in
600 deutschen Städten, darunter auch in Gmünd, im Gehweg vor Häusern verlegt sind, in denen Opfer der NS-Gewalt einst lebten.
Der Holocaust habe nicht nur mit dem Gedenktag einen festen Platz im Bewusstsein der Deutschen, er sei Thema im Schulunterricht, sei Teil des politischen und gesellschaftlichen Selbstverständnisses.
VHS und Stadtarchiv hätten das Thema aufgegriffen. „Wir erinnern uns aus Respekt vor den Opfern, wir erinnern uns, um aus der Geschichte zu lernen, und wir erinnern uns um unserer selbst willen. Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Wer die eigene Geschichte nicht wahrhaben will, nimmt Schaden an seiner Seele, das gilt für jeden Menschen.“
Weil eine Rede eher den Verstand anspricht, Musik und Vortrag aber den ganzen Menschen, war der Auftritt des Sprechchors „Lyrikaden“ unter der Regie der Schauspielerin Annabella Akcal um so eindringlicher mit Auszügen aus den Psalmen Salomos, einem Gedicht von Marie-Luise Kaschnitz und einer szenischen Darstellung. David Burkhardt-Rosenbaum, Journalist aus Freiburg, zählte die Namen der zehn Gmünder Juden auf, die
1941 in Vernichtungslager gebracht wurden. Er sprach auch Bracha und Kiddush, den Segen über Brot und Wein, das Wochenfest am Freitag, das jeder Hausvater sprechen kann. Und etwas zaghaft erst, dann aber freudig, klatschten und tanzten die Anwesenden mit.
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