Rems-Zeitung - Täglich eine gute Zeitung

Anzeige

Lokalnachrichten

» Kultur | Dienstag, 31. Januar 2012

„Der Sturm“ im Alleingang — Bernd Lafrenz dreht auf

Galerie (1 Bild)

Wozu braucht er ein Ensemble, wozu Bühnentechnik? Bernd Lafrenz bewältigt solche Kleinigkeiten wie ein Shakespeare-​Stück locker im Alleingang und da das Publikum ohnehin nur rumsitzt, kann es zur Not auch mal mithelfen.

THEATER (wil). In der Theaterwerkstatt herrschte von Donnerstag bis Samstag wieder Ausnahmezustand und Shakespeares „Sturm“ tobte durch die Besucherreihen.
Elf Rollen spielt Bernd Lafrenz allein und zwar so, dass man jederzeit weiß, wen er gerade darstellt. Durch eine Kopfbewegung, eine andere Körperhaltung oder ein Requisit wechselt er die Figur, spielt den gefangengenommenen Herzog von Mailand und seine Wächter gleichzeitig im Dialog. Prinzessin Miranda ist so ein zartes Wesen, dass Lafrenz sie gleich durch einen Store ersetzt mit dem er plaudert – oder den er auf der Bühne zusammengekauert warten lässt.
Doch das Stück allein scheint den Omnipräsenten nicht auszulasten, er gibt dem Publikum noch eine Einführung in Shakespeares Rezeptionsgeschichte. Als Ariel wirbelt er über die Bühne, doziert über die 1761 in Biberach erfolgte Uraufführung des „Sturms“ als erstem Shakespeare-​Stück in Deutschland überhaupt und lässt den großen Meister durch ein Bild mit Mundausschnitt gar selbst zu Wort kommen. Als sein eigener Dolmetscher lugt er immer wieder um den Rahmen und sorgt mit der immer freier werdenden Übersetzung für erste Heiterkeit. Und die Gebildeten im Publikum können auch noch die Shakespeare-​Zitate und –Titel mitzählen.
Doch dann widmet er sich Prospero, dem verbannten Herzog von Mailand, der seiner Tochter die Lebens– und Familiengeschichte erzählt und damit auch das Publikum informiert.
An seiner Insel fahren die Verräter Alonso, König von Neapel, dessen Bruder Sebastian und Prosperos Bruder und Nachfolger auf dem Thron, Antonio vorüber. Rasch erteilt er dem Luftgeist den Befehl, das Schiff mittels Sturm zum Stranden zu bringen und die drei seiner Insel zuzuführen.
Und dieser Sturm wird gewaltig, er ist nicht nur Titel des Stücks sondern auch Hauptteil der Publikumsbeschäftigung, wie sie bei Lafrenz üblich ist. Mit Stangen wird das Schiff im Zuschauerraum installiert, die Taue verteilt und die tobenden, wogenden Wellen eingeteilt. Mit „wosch“ von rechts und „zusch“ von links tobt das Meer und schunkeln die Zuschauer – „aber bitte aufpassen, dass es nicht zu einer Lokomotive wird“, warnt der Regisseur. Mitten im Saale spielt er den Kapitän und sprüht im Abgang noch etwas Wasser aus dem Steuerrad auf die Leute, damit das Erlebnis intensiver wird. Die würdigen Honoratioren müssen sich ebenso mit ihrem Schicksal abfinden wie Hofnarr Trinculo und der besoffene Kellermeister Stefano, die mit dem raubauzigen Inselbewohner Caliban über das Eiland ziehen.
Grandios stellt Lafrenz die hohen Herrschaften vor und spielt sie sogleich im Quartett, versteckt sich als Caliban in seiner Multifunktionshose um Sekunden später als Trinculo herauszuschlüpfen und beschwingt weiter zu spielen. Und dann ist da noch Alonsos unschuldiger Sohn Ferdinand, der sich in Miranda verliebt und mit Zahnstochern seine Sysiphus-​Arbeit verrichtet, die ihm Prospero aufgetragen hat, um sich der Hand Mirandas würdig zu erweisen. Gags, Tricks und Überraschungen gehören zu Lafrenz Bühnenausstattung wie der Donner zum Gewitter, und so sind die Richter, die über die Verräter urteilen sollen, in die Innenseite seines Mantels genäht.
Nach knappen zwei Stunden ist das Recht wieder hergestellt, das Liebesglück besiegelt und auch der vielbeschäftigte Ariel erhält seine Freiheit – aber erst nach langanhaltendem Applaus für eine wieder einmal großartige Aufführung.
 

Aktuelle Beiträge im Ressort Kultur


Noch keine Kommentare vorhanden.

Neuen Kommentar hinzufügen