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» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 08. November 2012

Intensive Form des Erinnerns: Am Montag wird Gunter Demnig in Gmünd acht weitere Stolpersteine verlegen

Acht weitere Stolpersteine werden am kommenden Montag verlegt, sechs jüdische Familiennamen wieder sein, was sie einst waren: Teil der Stadt. Dazu reisen Angehörige aus USA, Israel und Australien an – ein Verdienst Inge Eberles. Gestern wurde das Programm für diesen Tag vorgestellt.


SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Der Arbeitskreis Stolpersteine – Rudolf Berkenhoff, Wolfgang Gundlach, Tilman John und Inge Eberle – hat vieles geleistet, diese Aktion möglich zu machen. Bereits im April hatte Initiator Gunter Demnig – auf Bestreben des Arbeitskreises und nach Kräften unterstützt von der Stadt – sechs dieser Messingtäfelchen verlegt, die niemanden stolpern lassen werden, zumindest nicht mit den Füßen. Jetzt wird an sechs Standorten mit acht Stolpersteinen an fünf weitere Familien erinnert, die in Gmünd lebten, liebten, arbeiteten; die verraten wurden, vertrieben oder deportiert und ermordet. Die allzu lange nichts waren als ein Name, ein Teil der Statistik. Mit der Aktion am kommenden Montag, soll ihnen das Gesicht wiedergegeben und ihr Schicksal für die Nachwelt dokumentiert werden – für alle sichtbar.
An einem arbeitsreichen Tag nahmen sich gestern neben Sarah-​Lisa Knödler, die das Ganze begleitet, auch OB Richard Arnold und Erster Bürgermeister Dr. Joachim Bläse Zeit für diese Präsentation, um keinen Zweifel daran zu lassen, welche Bedeutung dieser Aktion zukommt. Mit gutem Grund habe man die Verlegung ins Jubiläumsjahr gelegt, so Arnold; es sei ein großes Anliegen der Stadt, in diesem Jahr nicht nur die schöne Geschichte Gmünds aufzuarbeiten. Auch Bläse betonte, von Anfang an sei wichtig gewesen, mehr als Unterhaltsames zu bieten, über die Festwoche rund um die Staufer hinaus der Stadtgeschichte in all ihren Aspekten gerecht zu werden. In der Stolpersteinaktion stelle sich die Stadt auch ihrer jüngeren Geschichte. Zudem sei wichtig, „dass die Nachfahren Zugang finden zur eigenen Familiengeschichte und aufarbeiten können, was verschüttet war“. So bedeutsam dieser Teil der Erinnerungskultur sei – das Rathaus könne ihn nicht verordnen, er müsse von der Bürgerschaft gelebt werden.
Die jüdischen Familien, die Kultur, Industrie und Handwerk aber auch die Gemeinschaft in Gmünd lange Zeit mitgeprägt haben, dürfen nicht vergessen werden – das ist der Ansatz, aus dem heraus das alles begonnen hat. Mit Blick auf andere Jubiläen rund um die Bismarck-​Kaserne und den Kalten Krieg meinten Arnold und Bläse aber auch, die Stadt habe „noch nie so intensiv ihre Erinnerungskultur gelebt.“ Diese Erfahrungen aus dem Jubiläumsjahr sollen nun auch in die Landesgartenschau 2014 einfließen – immerhin jährt sich dann der Beginn des ersten Weltkriegs.
Die Nachfahren von vier Familien werden dabei sein
Was wirklich niemand für möglich gehalten hatte: Inge Eberle ist es gelungen, die Nachfahren aller betroffenen Familien – längst in aller Welt verstreut – ausfindig zu machen. Gestern erzählte sie von diesen Kontakten und Begegnungen. Sie sei froh, dass sie sich nicht habe entmutigen lassen: Es sei sehr ergreifend gewesen, zu sehen, wie wichtig diese Aktion den Nachkommen sei. „Einige lassen alles stehen und liegen, um dabei zu sein an diesem Tag“, so Eberle, die auch vom Ausruf berichtet: „Endlich, endlich macht ihr etwas.“ In einem Fall sei es ein langer Prozess gewesen, vom festen Vorsatz abzulassen, niemals deutschen Boden zu betreten. Bei der Familie der Geschwister Mendel verhindere eine nach einem Todesfall von langer Hand geplante Gedenkfeier die Teilnahme. Die Schwiegertochter der Neumaiers habe als einzige kein Interesse gezeigt, doch eine weitere Neumaier-​Verwandte in Hamburg, 93 Jahre alt und sehr krank, war so angetan, hatte so viel beizutragen, dass Inge Eberle zu ihr fuhr. Der dabei entstandene Film wird am Montag gezeigt.
Bis es soweit war, bis wirklich allen Familien nachgespürt war, hat Inge Eberle ungezählte Stunden investiert, Standesämter und jüdische Gemeinden kontaktiert, im Archiv Ludwigsburg recherchiert, und vor allem, lächelt sie, „habe ich das Internet schätzen gelernt“.
„Eine neue Dimension“, so gestern alle Beteiligten, erhält die Aktion dadurch, dass sich erstmals ein Bewohner aktiv beteiligt: Karlheinz Hegele hat eben die Wohnung gemietet, in der einst die in Auschwitz ermordeten Brüder Lemberger gelebt haben.
Rudolf Berkenhoff wollte die Stolpersteine, die Demnik überall in Europa verlegt, gestern im größeren Zusammenhang sehen – als sehr spätes, aber deutliches Aufbegehren gegen ein Netzwerk massivsten Terrors, ein sichtbares Zeichen dafür, dass Terror keinen Platz haben solle in einer humanen Gesellschaft.
Wie bei den vergangenen Aktionen sind wieder Schülerinnen und Schüler eingebunden, die musizieren, Rosenbouquets niederlegen und Biografien vorstellen.
Stolpersteinverlegung in
mehreren Abschnitten
Der Auftakt – unter anderem mit einer Foto-​Präsentation, mit Musik und ersten Biografien – ist um 14 Uhr im Raum der Kreishandwerkerschaft, Leutzestraße 53, die im Verbund mit den Initiatoren alle Interessierten willkommen heißt.
Gegen 15.45 gibt es erneut Musik und Präsentationen im Prediger. Es ist also durchaus möglich, die Aktion nur in Teilen zu begleiten.
Die einzelnen Stationen:
Ab 14.30 Uhr. Verlegeaktion in der Moltkestraße 27: Kurt Max und Heinz Lemberger
Vordere Schmidgasse 18: Karl Rothschild; Kleinbusse sind vorhanden.
Nikolausgasse 7: Emma Mendel.
Nach dem Programm im Prediger geht’s zur Sebaldstraße 10: Regina Rosina und Max Moses Neumaier.
Mörikestraße 12: Sophie Mayer.
Katharinenstraße 11: Laura Mendel.

Information: Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind das mittlerweile weltweit größte dezentrale Mahnmal. Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel auf öffentlichem Gelände vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-​Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehwegs eingelassen.

 

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Intensive Form des Erinnerns: Am Montag wird Gunter Demnig in Gmünd acht weitere Stolpersteine verlegen

Acht weitere Stolpersteine werden am kommenden Montag verlegt, sechs jüdische Familiennamen wieder sein, was sie einst waren: Teil der Stadt. Dazu reisen Angehörige aus USA, Israel und Australien an – ein Verdienst Inge Eberles. Gestern wurde das Programm für diesen Tag vorgestellt.


SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Der Arbeitskreis Stolpersteine – Rudolf Berkenhoff, Wolfgang Gundlach, Tilman John und Inge Eberle – hat vieles geleistet, diese Aktion möglich zu machen. Bereits im April hatte Initiator Gunter Demnig – auf Bestreben des Arbeitskreises und nach Kräften unterstützt von der Stadt – sechs dieser Messingtäfelchen verlegt, die niemanden stolpern lassen werden, zumindest nicht mit den Füßen. Jetzt wird an sechs Standorten mit acht Stolpersteinen an fünf weitere Familien erinnert, die in Gmünd lebten, liebten, arbeiteten; die verraten wurden, vertrieben oder deportiert und ermordet. Die allzu lange nichts waren als ein Name, ein Teil der Statistik. Mit der Aktion am kommenden Montag, soll ihnen das Gesicht wiedergegeben und ihr Schicksal für die Nachwelt dokumentiert werden – für alle sichtbar.
An einem arbeitsreichen Tag nahmen sich gestern neben Sarah-​Lisa Knödler, die das Ganze begleitet, auch OB Richard Arnold und Erster Bürgermeister Dr. Joachim Bläse Zeit für diese Präsentation, um keinen Zweifel daran zu lassen, welche Bedeutung dieser Aktion zukommt. Mit gutem Grund habe man die Verlegung ins Jubiläumsjahr gelegt, so Arnold; es sei ein großes Anliegen der Stadt, in diesem Jahr nicht nur die schöne Geschichte Gmünds aufzuarbeiten. Auch Bläse betonte, von Anfang an sei wichtig gewesen, mehr als Unterhaltsames zu bieten, über die Festwoche rund um die Staufer hinaus der Stadtgeschichte in all ihren Aspekten gerecht zu werden. In der Stolpersteinaktion stelle sich die Stadt auch ihrer jüngeren Geschichte. Zudem sei wichtig, „dass die Nachfahren Zugang finden zur eigenen Familiengeschichte und aufarbeiten können, was verschüttet war“. So bedeutsam dieser Teil der Erinnerungskultur sei – das Rathaus könne ihn nicht verordnen, er müsse von der Bürgerschaft gelebt werden.
Die jüdischen Familien, die Kultur, Industrie und Handwerk aber auch die Gemeinschaft in Gmünd lange Zeit mitgeprägt haben, dürfen nicht vergessen werden – das ist der Ansatz, aus dem heraus das alles begonnen hat. Mit Blick auf andere Jubiläen rund um die Bismarck-​Kaserne und den Kalten Krieg meinten Arnold und Bläse aber auch, die Stadt habe „noch nie so intensiv ihre Erinnerungskultur gelebt.“ Diese Erfahrungen aus dem Jubiläumsjahr sollen nun auch in die Landesgartenschau 2014 einfließen – immerhin jährt sich dann der Beginn des ersten Weltkriegs.
Die Nachfahren von vier Familien werden dabei sein
Was wirklich niemand für möglich gehalten hatte: Inge Eberle ist es gelungen, die Nachfahren aller betroffenen Familien – längst in aller Welt verstreut – ausfindig zu machen. Gestern erzählte sie von diesen Kontakten und Begegnungen. Sie sei froh, dass sie sich nicht habe entmutigen lassen: Es sei sehr ergreifend gewesen, zu sehen, wie wichtig diese Aktion den Nachkommen sei. „Einige lassen alles stehen und liegen, um dabei zu sein an diesem Tag“, so Eberle, die auch vom Ausruf berichtet: „Endlich, endlich macht ihr etwas.“ In einem Fall sei es ein langer Prozess gewesen, vom festen Vorsatz abzulassen, niemals deutschen Boden zu betreten. Bei der Familie der Geschwister Mendel verhindere eine nach einem Todesfall von langer Hand geplante Gedenkfeier die Teilnahme. Die Schwiegertochter der Neumaiers habe als einzige kein Interesse gezeigt, doch eine weitere Neumaier-​Verwandte in Hamburg, 93 Jahre alt und sehr krank, war so angetan, hatte so viel beizutragen, dass Inge Eberle zu ihr fuhr. Der dabei entstandene Film wird am Montag gezeigt.
Bis es soweit war, bis wirklich allen Familien nachgespürt war, hat Inge Eberle ungezählte Stunden investiert, Standesämter und jüdische Gemeinden kontaktiert, im Archiv Ludwigsburg recherchiert, und vor allem, lächelt sie, „habe ich das Internet schätzen gelernt“.
„Eine neue Dimension“, so gestern alle Beteiligten, erhält die Aktion dadurch, dass sich erstmals ein Bewohner aktiv beteiligt: Karlheinz Hegele hat eben die Wohnung gemietet, in der einst die in Auschwitz ermordeten Brüder Lemberger gelebt haben.
Rudolf Berkenhoff wollte die Stolpersteine, die Demnik überall in Europa verlegt, gestern im größeren Zusammenhang sehen – als sehr spätes, aber deutliches Aufbegehren gegen ein Netzwerk massivsten Terrors, ein sichtbares Zeichen dafür, dass Terror keinen Platz haben solle in einer humanen Gesellschaft.
Wie bei den vergangenen Aktionen sind wieder Schülerinnen und Schüler eingebunden, die musizieren, Rosenbouquets niederlegen und Biografien vorstellen.
Stolpersteinverlegung in
mehreren Abschnitten
Der Auftakt – unter anderem mit einer Foto-​Präsentation, mit Musik und ersten Biografien – ist um 14 Uhr im Raum der Kreishandwerkerschaft, Leutzestraße 53, die im Verbund mit den Initiatoren alle Interessierten willkommen heißt.
Gegen 15.45 gibt es erneut Musik und Präsentationen im Prediger. Es ist also durchaus möglich, die Aktion nur in Teilen zu begleiten.
Die einzelnen Stationen:
Ab 14.30 Uhr. Verlegeaktion in der Moltkestraße 27: Kurt Max und Heinz Lemberger
Vordere Schmidgasse 18: Karl Rothschild; Kleinbusse sind vorhanden.
Nikolausgasse 7: Emma Mendel.
Nach dem Programm im Prediger geht’s zur Sebaldstraße 10: Regina Rosina und Max Moses Neumaier.
Mörikestraße 12: Sophie Mayer.
Katharinenstraße 11: Laura Mendel.

Information: Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind das mittlerweile weltweit größte dezentrale Mahnmal. Mit diesen Gedenktafeln soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel auf öffentlichem Gelände vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-​Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehwegs eingelassen.

 

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