Sonntag, 26. Juni 2016

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» Kultur | Samstag, 10. März 2012

Gschwender Musikwinter: Anja Lechner und Pablo Marquez

Galerie (1 Bild)

Gitarre und Cello – zwei Saiteninstrumente in Spielart und Stimmung so unterschiedlich, wie sie nur sein können – fanden sich in der evangelischen Kirche in Gschwend zum Duett zusammen. Ausführende waren Anja Lechner und Pablo Marquez.

 
KONZERT (hat). Paganini, Schubert, Villa Lobos, Tüür und Gnattali steuerten die Musik zu einem Abend bei, dessen Besetzung – gäbe es sie nicht schon – unbedingt erfunden werden müsste.
Wer Paganini hört, denkt an äußerst virtuose Geigenstücke, doch wer denkt an Duette für Cello und Gitarre? Seit Samstag Abend sind es mehr, denn Anja Lechner und Pablo Marquez eröffneten ihren Duo-​Abend mit Nicolo Paganinis (17821840) Sonata in A-​Dur für Violoncello und Gitarre (von 1803). Im ersten Satz – Allegro spirituoso – lässt Paganini Cello und Gitarre in konzertantem Wechsel der Linienführung spritzig leicht miteinander kommunizieren. Sehr sanglich ausgespielte Melodien, angefüllt mit Seele und Emotion, umspielten sich, plauderten in lockerem Ton über dies und das, um im zweiten Satz – Adagio assai espressivo – bei den „gewichtigeren“ Themen anzukommen. Hier konnten beide mit fein gefügter Dynamik und Agogik in die Tiefe der Musik vordringen. Den dritten Satz – Rondeau – nahmen Lechner und Márquez mit Esprit und Tempo, die ein Lächeln auf die Gesichter ihrer Zuhörer zu zaubern vermochten. Beide spielten klanglich sehr aufeinander ausgerichtet mit warmem, harmonischem Ton, ohne dabei ihre Eigenheiten in Klang und Ausdruck zu verlieren, und verschmolzen im gemeinsamen Musizieren mit Spiellust und Spielwitz der feinsten Art.
Franz Schuberts (17971828) „Arpeggione“ (Sonate in a-​moll) für Cello und Gitarre, war – im Gegensatz zu Paganinis Stück – eher introvertiert, dabei aber in keiner Weise weniger emotional. Der in sich gekehrte, melancholisch-​gefühlvolle Charakter der Melodie eröffnete den ersten Satz ( Allegro moderato), um nahtlos einem spielerischen Wirbel der Töne Platz zu machen. Hier wurde sehr schnell deutlich, in welcher Leichtigkeit Lechner und Marquez mit den „Registern“ ihrer Instrumente zu spielen wissen, um so Melodiefarben, Stimmungen ineinander fließen zu lassen, den Zuhörer sanft umschmeichelnde Klangbilder zu entwickeln. Gerade dieses „Wissen“ um die Klangfarben ihrer Instrumente ermöglichte es im Adagio, das Cello sanglich weit ausholend mit emotionaler Dynamik gegen die eher akkordisch geführte Gitarre zu stellen und dabei doch ein Ganzes zum Klingen zu bringen, um dann nahtlos in den dritten Satz über zu leiten. Hier – im Allegretto – konnte, ja musste man fast die Augen schließen und sich dem Cello hingeben.
„Distribucao de Flores“ — der erste der vier Gesänge Heitor Villa Lobos’ (18871959) für Cello und Gitarre, verlangte einen sehr viel nüchterneren Celloton als in den ersten beiden Stücken. Daraus jetzt auf „Emotionslosigkeit“ zu schließen, wäre allerdings falsch, denn durch die klanglich sehr breite Anlage des Stückes – von schlichten Streichen bis zu Flageolett im Kontrast zu der sehr percussiv auftretenden – teilweise an ein Cajon erinnernden Gitarre – entstand ein ganz eigener Gefühlsausdruck.
In „Adeus Ema“ stellt Villa Lobos eine sehr helle, leichte Gitarre einem tiefen, sonoren Cello gegenüber. Eine echte Herausforderung für Márquez und Lechner, die zwei Musikwesen, die hier nebeneinander zu gehen scheinen, auf einen gemeinsamen Weg zu bringen. Hier die Symbiose zwischen gemeinsam und doch getrennt heraus zu arbeiten: ein echtes Glanzstück der Interpretationskunst.
Ob das wohl bekannteste Stück Heitor Villa Lobos’ – die Aria aus den „Bachianas Brasilleiras No. 5“ auch in der Besetzung für Cello und Gitarre aus der Feder des Komponisten stammt, ist – hat man die einfühlsame Interpretation des „Gesangsparts“ von Anja Lechner auf dem Cello gehört – völlig unwichtig. Das Cello ist völlig zu recht das am häufigsten mit „sanglich“ bezeichnete Instrument. So durften hier Cello Cello und Gitarre Gitarre sein: Singend aus tiefster Seele, ineinander verschlungen, sich umwerbend, um das Zentrum des Stückes kreisend und am Ende im „Nichts“ verklingend.
In den ersten Sekunden schien „Spiel“ des Esten Erkki-​Sven Tüür (*1959) ein sehr harter Bruch im Ablauf des Abends zu sein. Hörte man aber tiefer in die Komposition hinein, stellte sich unweigerlich die Frage, ob Villa Lobos heute wohl auch solch harte, „alltägliche“ Klänge schreiben würde? Denn irgendwie schien es doch eine Verbindung zwischen den Stücken zu geben, die weit über die rein technische Gemeinsamkeit der Besetzung hinausging. „Spiel“ bot Marquez und Lechner ein breites Feld, um zu zeigen, dass sie nicht nur Meister der „schönen“ Emotionen sind, sondern ebenso virtuos mit den von Tüür sehr bewusst gesetzten Spannungen spielen können, seine teilweise sehr an Großstadt erinnernden Klänge in den offensichtlichen Gegensätzen ihrer Instrumente zum Leben zu erwecken — beeindruckend durch höchste spielerische Präzision, punktgenaue Abstimmung, Flageolett und Oberton.
Die Sonate für Violoncello und Gitarre des Brasilianers Radamés Gnattali (19061988) hatte etwas von Mozart. Nicht in der grundsätzliche Art der Komposition, doch ging sie immer und immer wieder um genau die Ecke, die man als Zuhörer nicht vermutet hätte: Ein musikalisches Mit– und Nebeneinander von breit bis Pizzicato, als ob man in mäßigem Tempo an verschiedensten Schaufenstern vorbei ginge, die akustisch miteinander verbunden sind. Der letzte Satz „con spirito“ setzte einen wahrhaft spritzigen Schlusspunkt unter dieses außergewöhnliche Konzert: Beide Interpreten virtuose Meister ihrer Instrumente und in höchster Spielfreude, mit der sie vom ersten bis zum letzten Ton ihr Publikum zu packen wussten.
 

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Gitarre und Cello – zwei Saiteninstrumente in Spielart und Stimmung so unterschiedlich, wie sie nur sein können – fanden sich in der evangelischen Kirche in Gschwend zum Duett zusammen. Ausführende waren Anja Lechner und Pablo Marquez.

 
KONZERT (hat). Paganini, Schubert, Villa Lobos, Tüür und Gnattali steuerten die Musik zu einem Abend bei, dessen Besetzung – gäbe es sie nicht schon – unbedingt erfunden werden müsste.
Wer Paganini hört, denkt an äußerst virtuose Geigenstücke, doch wer denkt an Duette für Cello und Gitarre? Seit Samstag Abend sind es mehr, denn Anja Lechner und Pablo Marquez eröffneten ihren Duo-​Abend mit Nicolo Paganinis (17821840) Sonata in A-​Dur für Violoncello und Gitarre (von 1803). Im ersten Satz – Allegro spirituoso – lässt Paganini Cello und Gitarre in konzertantem Wechsel der Linienführung spritzig leicht miteinander kommunizieren. Sehr sanglich ausgespielte Melodien, angefüllt mit Seele und Emotion, umspielten sich, plauderten in lockerem Ton über dies und das, um im zweiten Satz – Adagio assai espressivo – bei den „gewichtigeren“ Themen anzukommen. Hier konnten beide mit fein gefügter Dynamik und Agogik in die Tiefe der Musik vordringen. Den dritten Satz – Rondeau – nahmen Lechner und Márquez mit Esprit und Tempo, die ein Lächeln auf die Gesichter ihrer Zuhörer zu zaubern vermochten. Beide spielten klanglich sehr aufeinander ausgerichtet mit warmem, harmonischem Ton, ohne dabei ihre Eigenheiten in Klang und Ausdruck zu verlieren, und verschmolzen im gemeinsamen Musizieren mit Spiellust und Spielwitz der feinsten Art.
Franz Schuberts (17971828) „Arpeggione“ (Sonate in a-​moll) für Cello und Gitarre, war – im Gegensatz zu Paganinis Stück – eher introvertiert, dabei aber in keiner Weise weniger emotional. Der in sich gekehrte, melancholisch-​gefühlvolle Charakter der Melodie eröffnete den ersten Satz ( Allegro moderato), um nahtlos einem spielerischen Wirbel der Töne Platz zu machen. Hier wurde sehr schnell deutlich, in welcher Leichtigkeit Lechner und Marquez mit den „Registern“ ihrer Instrumente zu spielen wissen, um so Melodiefarben, Stimmungen ineinander fließen zu lassen, den Zuhörer sanft umschmeichelnde Klangbilder zu entwickeln. Gerade dieses „Wissen“ um die Klangfarben ihrer Instrumente ermöglichte es im Adagio, das Cello sanglich weit ausholend mit emotionaler Dynamik gegen die eher akkordisch geführte Gitarre zu stellen und dabei doch ein Ganzes zum Klingen zu bringen, um dann nahtlos in den dritten Satz über zu leiten. Hier – im Allegretto – konnte, ja musste man fast die Augen schließen und sich dem Cello hingeben.
„Distribucao de Flores“ — der erste der vier Gesänge Heitor Villa Lobos’ (18871959) für Cello und Gitarre, verlangte einen sehr viel nüchterneren Celloton als in den ersten beiden Stücken. Daraus jetzt auf „Emotionslosigkeit“ zu schließen, wäre allerdings falsch, denn durch die klanglich sehr breite Anlage des Stückes – von schlichten Streichen bis zu Flageolett im Kontrast zu der sehr percussiv auftretenden – teilweise an ein Cajon erinnernden Gitarre – entstand ein ganz eigener Gefühlsausdruck.
In „Adeus Ema“ stellt Villa Lobos eine sehr helle, leichte Gitarre einem tiefen, sonoren Cello gegenüber. Eine echte Herausforderung für Márquez und Lechner, die zwei Musikwesen, die hier nebeneinander zu gehen scheinen, auf einen gemeinsamen Weg zu bringen. Hier die Symbiose zwischen gemeinsam und doch getrennt heraus zu arbeiten: ein echtes Glanzstück der Interpretationskunst.
Ob das wohl bekannteste Stück Heitor Villa Lobos’ – die Aria aus den „Bachianas Brasilleiras No. 5“ auch in der Besetzung für Cello und Gitarre aus der Feder des Komponisten stammt, ist – hat man die einfühlsame Interpretation des „Gesangsparts“ von Anja Lechner auf dem Cello gehört – völlig unwichtig. Das Cello ist völlig zu recht das am häufigsten mit „sanglich“ bezeichnete Instrument. So durften hier Cello Cello und Gitarre Gitarre sein: Singend aus tiefster Seele, ineinander verschlungen, sich umwerbend, um das Zentrum des Stückes kreisend und am Ende im „Nichts“ verklingend.
In den ersten Sekunden schien „Spiel“ des Esten Erkki-​Sven Tüür (*1959) ein sehr harter Bruch im Ablauf des Abends zu sein. Hörte man aber tiefer in die Komposition hinein, stellte sich unweigerlich die Frage, ob Villa Lobos heute wohl auch solch harte, „alltägliche“ Klänge schreiben würde? Denn irgendwie schien es doch eine Verbindung zwischen den Stücken zu geben, die weit über die rein technische Gemeinsamkeit der Besetzung hinausging. „Spiel“ bot Marquez und Lechner ein breites Feld, um zu zeigen, dass sie nicht nur Meister der „schönen“ Emotionen sind, sondern ebenso virtuos mit den von Tüür sehr bewusst gesetzten Spannungen spielen können, seine teilweise sehr an Großstadt erinnernden Klänge in den offensichtlichen Gegensätzen ihrer Instrumente zum Leben zu erwecken — beeindruckend durch höchste spielerische Präzision, punktgenaue Abstimmung, Flageolett und Oberton.
Die Sonate für Violoncello und Gitarre des Brasilianers Radamés Gnattali (19061988) hatte etwas von Mozart. Nicht in der grundsätzliche Art der Komposition, doch ging sie immer und immer wieder um genau die Ecke, die man als Zuhörer nicht vermutet hätte: Ein musikalisches Mit– und Nebeneinander von breit bis Pizzicato, als ob man in mäßigem Tempo an verschiedensten Schaufenstern vorbei ginge, die akustisch miteinander verbunden sind. Der letzte Satz „con spirito“ setzte einen wahrhaft spritzigen Schlusspunkt unter dieses außergewöhnliche Konzert: Beide Interpreten virtuose Meister ihrer Instrumente und in höchster Spielfreude, mit der sie vom ersten bis zum letzten Ton ihr Publikum zu packen wussten.
 

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