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Lokalnachrichten

» Ostalbkreis | Samstag, 21. April 2012

Integrationsministerin Bilkay Öney an der Rauchbeinschule und am Rosenstein-​Gymnasium

Galerie (3 Bilder)

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels, aber auch zur Vermeidung sozialer Spannungen wird immer wieder vom Bemühen um Integration gesprochen. Baden-​Württemberg hat seit einem knappen Jahr ein Integrationsministerium, und Ministerin Bilkay Öney war gestern in Gmünd und Heubach zu Besuch.

Von Gerold Bauer
SCHWÄBISCH GMÜND/​HEUBACH (pm). „In Gmünd hat man schon früh erkannt, dass Integration ein Zukunftsthema ist“, sagte Bürgermeister Dr. Joachim Bläse zum Auftakt eines Podiumsgespräches (moderiert von der Gmünder Integrationsbeauftragten Melanie Seliger) an der Rauchbeinschule. Der Gemeinderat habe wichtige Weichen gestellt, damit dieser Bereich nicht durch zufällige Einzelmaßnahmen, sondern im Rahmen eines echten Konzepts angegangen werde. „Es ist ein Prozess, der viel Zeit erfordert, und der Erfolg muss hart erkämpft werden!“, so Bläse, der auch darauf hinwies, dass die Bereiche Bildung und Soziales bei der Integration zusammen gehören, um den oft nicht leichten Übergang von der Schule ins Berufsleben zu meistern.
Schulrätin Sabine Renner-​Nerz betonte, dass es dem staatlichen Schulamt in Göppingen – unter dem Motto „Migranten machen Schule“ – sehr wichtig sei, dass Bürger mit Migrationshintergrund Lehrer werden. Im Rahmen von regionalen Netzwerken sei man bemüht, fundierte Bildungsgrundlagen zu vermitteln. Sie würdigte auch die Leistung von Ümit Tekir, Lehrer an der Rauchbeinschule.
Ministerin Bilkay Öney (SPD) ging auf die Ursachen ein, warum sich viele Migranten in der Schule und bei der Suche nach einem Ausbildungs-​/​Arbeitsplatz schwer tun. Zum einen liege dies daran, dass manche Strukturen im Schulsystem nicht frei von Diskriminierung seien, aber auch daran, dass für viele Migrantenfamilien die Schulbildung als nicht wichtig betrachtet werde. Deshalb müsse man sich stärker in Sachen Elternbildung einbringen. Durch Kooperationen mit türkischen Fernsehprogramm wolle man die Eltern erreichen. Von völlig anonymisierten Bewerbungsverfahren sei sie nicht überzeugt, obwohl sie einräumte, dass laut wissenschaftlicher Studien Bewerber mit ausländischen, insbesondere türkischen Namen schlechtere Chancen haben, in die engere Auswahl zu kommen.
Peter Bauer von der Agentur für Arbeit sagte, dass von der Arbeitsverwaltung statistisch nur Ausländer, nicht aber Menschen mit Migrationshintergrund separat erfasst werden. Er versicherte aber, dass Migranten ebenso von der Konjunkturbelebung profitieren wie einheimische Arbeitssuchende. Zudem sei — in absoluten Zahlen — die Arbeitslosigkeit junger Migranten weniger dramatisch als man sich dies landläufig vorstelle.
Silvia Schneck-​Volland, die das Handlungsfeld Wirtschaft/​Arbeit im Rahmen der Integrationsbemühungen betreut, berichtete vom erstaunlichen Ergebnis einer Befragung von Unternehmen, ob der drohende Fachkräftemangel die Bereitschaft zur Einstellung von Migranten fördere. Dieser Umfrage zufolge gebe es bei Firmen in der Region überhaupt keine Sorgen bezüglich eines Fachkräftemangels. Dennoch halte sie es für sehr wichtig, dass sich Arbeitgeberverbände mit der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt befassen. Der Begriff „jugendlicher Migrant“ werde leider viel zu oft gleichgesetzt mit schlechten Deutschkenntnissen und mangelnder Ausbildungsfähigkeit.
Dass dem nicht so ist, erzählten Ali und Akim Gülbicim, zwei Rauchbein-​Schüler, die Ausbildungsplätze in der Metallindustrie bekamen. Sie verhehlten aber nicht, dass es frustrierend war, viele Absagen zu bekommen. Erich Rathgeb, Ausbildungsleiter der ZFLS, verwies darauf, dass in seinem Unternehmen nur die Qualifikation, nicht aber die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit über die Vergabe von Ausbildungsplätzen entscheide.
Mükayil Dalbudak, Jugendsachbearbeiter bei der Gmünder Polizei, erzählte von seiner beispielhaften Karriere, die er dem Tipp seines Berufsberaters zu verdanken habe. Schlechte Schulleistungen seien bei ihm allerdings kein Thema gewesen. Schulamtsdirektor Hans-​Jörg Polzer bezeichnete es als Glücksfall für eine Schule, wenn die Zusammensetzung des Lehrerkollegiums die Schülerschaft widerspiegle. Dies sollte bei der Personalzuweisung schulspezifisch beachtet werden. Zudem wäre es hilfreich, wenn bei der Einstellung von Lehrern nicht allein die Noten, sondern auch der Migrationshintergrund beachtet würden.
Rauchbeinschulrektor Klaus Dengler erzählte, dass 90 Prozent seiner Schüler einen Migrationshintergrund haben und deshalb im Rahmen der Ganztagesschule viele zusätzliche Fördermöglichkeiten angeboten werden. Dies und die Berufseinstiegsbegleitung, durch die Agentur für Arbeit, habe sich sehr gut bewährt.
In Heubach wurde die Veranstaltung von Schüler Selih Ses moderiert. Die Ministerin schilderte ihren eigenen Werdegang und sprach sich für eine offene, plurale Gesellschaft aus. Dem stehen manche Gesetze, zum Beispiel bei der Einbürgerung, noch im Wege, bedauerte die SPD–Politikerin. Sie sei froh, ein eigenes Ministerium zu haben, das ihr wesentlich mehr Handlungsspielraum biete als wenn sie Integrationsbeauftragte unter dem Dach eines anderen Ministeriums wäre.
Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind, sei ein Gebot des Grundgesetzes, und die Wahrung der Religionsfreiheit sowie das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben seien hohe Güter. Dies gelte für Punker genauso wie für Kopftuchträgerinnen. Ministerin Öney räumte ein, dass die Lernmotivation in manchen Migrantenfamilien zu wünschen übrig lasse und eine frühe Sprachförderung im Kindergarten sinnvoll sei. Kindergärten und Schulen seien Orte, wo gesellschaftliche oder familiäre Fehlentwicklungen korrigiert werden. „Nicht jeder lernt zu Hause zum Beispiel Toleranz!“. Ein Gesetz zu machen, das nur Migranten zum Kindergartenbesuch zwinge, wäre freilich verfassungswidrig, weil vor dem Gesetz alle Menschen gleich seien.
 

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Integrationsministerin Bilkay Öney an der Rauchbeinschule und am Rosenstein-​Gymnasium

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Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels, aber auch zur Vermeidung sozialer Spannungen wird immer wieder vom Bemühen um Integration gesprochen. Baden-​Württemberg hat seit einem knappen Jahr ein Integrationsministerium, und Ministerin Bilkay Öney war gestern in Gmünd und Heubach zu Besuch.

Von Gerold Bauer
SCHWÄBISCH GMÜND/​HEUBACH (pm). „In Gmünd hat man schon früh erkannt, dass Integration ein Zukunftsthema ist“, sagte Bürgermeister Dr. Joachim Bläse zum Auftakt eines Podiumsgespräches (moderiert von der Gmünder Integrationsbeauftragten Melanie Seliger) an der Rauchbeinschule. Der Gemeinderat habe wichtige Weichen gestellt, damit dieser Bereich nicht durch zufällige Einzelmaßnahmen, sondern im Rahmen eines echten Konzepts angegangen werde. „Es ist ein Prozess, der viel Zeit erfordert, und der Erfolg muss hart erkämpft werden!“, so Bläse, der auch darauf hinwies, dass die Bereiche Bildung und Soziales bei der Integration zusammen gehören, um den oft nicht leichten Übergang von der Schule ins Berufsleben zu meistern.
Schulrätin Sabine Renner-​Nerz betonte, dass es dem staatlichen Schulamt in Göppingen – unter dem Motto „Migranten machen Schule“ – sehr wichtig sei, dass Bürger mit Migrationshintergrund Lehrer werden. Im Rahmen von regionalen Netzwerken sei man bemüht, fundierte Bildungsgrundlagen zu vermitteln. Sie würdigte auch die Leistung von Ümit Tekir, Lehrer an der Rauchbeinschule.
Ministerin Bilkay Öney (SPD) ging auf die Ursachen ein, warum sich viele Migranten in der Schule und bei der Suche nach einem Ausbildungs-​/​Arbeitsplatz schwer tun. Zum einen liege dies daran, dass manche Strukturen im Schulsystem nicht frei von Diskriminierung seien, aber auch daran, dass für viele Migrantenfamilien die Schulbildung als nicht wichtig betrachtet werde. Deshalb müsse man sich stärker in Sachen Elternbildung einbringen. Durch Kooperationen mit türkischen Fernsehprogramm wolle man die Eltern erreichen. Von völlig anonymisierten Bewerbungsverfahren sei sie nicht überzeugt, obwohl sie einräumte, dass laut wissenschaftlicher Studien Bewerber mit ausländischen, insbesondere türkischen Namen schlechtere Chancen haben, in die engere Auswahl zu kommen.
Peter Bauer von der Agentur für Arbeit sagte, dass von der Arbeitsverwaltung statistisch nur Ausländer, nicht aber Menschen mit Migrationshintergrund separat erfasst werden. Er versicherte aber, dass Migranten ebenso von der Konjunkturbelebung profitieren wie einheimische Arbeitssuchende. Zudem sei — in absoluten Zahlen — die Arbeitslosigkeit junger Migranten weniger dramatisch als man sich dies landläufig vorstelle.
Silvia Schneck-​Volland, die das Handlungsfeld Wirtschaft/​Arbeit im Rahmen der Integrationsbemühungen betreut, berichtete vom erstaunlichen Ergebnis einer Befragung von Unternehmen, ob der drohende Fachkräftemangel die Bereitschaft zur Einstellung von Migranten fördere. Dieser Umfrage zufolge gebe es bei Firmen in der Region überhaupt keine Sorgen bezüglich eines Fachkräftemangels. Dennoch halte sie es für sehr wichtig, dass sich Arbeitgeberverbände mit der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt befassen. Der Begriff „jugendlicher Migrant“ werde leider viel zu oft gleichgesetzt mit schlechten Deutschkenntnissen und mangelnder Ausbildungsfähigkeit.
Dass dem nicht so ist, erzählten Ali und Akim Gülbicim, zwei Rauchbein-​Schüler, die Ausbildungsplätze in der Metallindustrie bekamen. Sie verhehlten aber nicht, dass es frustrierend war, viele Absagen zu bekommen. Erich Rathgeb, Ausbildungsleiter der ZFLS, verwies darauf, dass in seinem Unternehmen nur die Qualifikation, nicht aber die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit über die Vergabe von Ausbildungsplätzen entscheide.
Mükayil Dalbudak, Jugendsachbearbeiter bei der Gmünder Polizei, erzählte von seiner beispielhaften Karriere, die er dem Tipp seines Berufsberaters zu verdanken habe. Schlechte Schulleistungen seien bei ihm allerdings kein Thema gewesen. Schulamtsdirektor Hans-​Jörg Polzer bezeichnete es als Glücksfall für eine Schule, wenn die Zusammensetzung des Lehrerkollegiums die Schülerschaft widerspiegle. Dies sollte bei der Personalzuweisung schulspezifisch beachtet werden. Zudem wäre es hilfreich, wenn bei der Einstellung von Lehrern nicht allein die Noten, sondern auch der Migrationshintergrund beachtet würden.
Rauchbeinschulrektor Klaus Dengler erzählte, dass 90 Prozent seiner Schüler einen Migrationshintergrund haben und deshalb im Rahmen der Ganztagesschule viele zusätzliche Fördermöglichkeiten angeboten werden. Dies und die Berufseinstiegsbegleitung, durch die Agentur für Arbeit, habe sich sehr gut bewährt.
In Heubach wurde die Veranstaltung von Schüler Selih Ses moderiert. Die Ministerin schilderte ihren eigenen Werdegang und sprach sich für eine offene, plurale Gesellschaft aus. Dem stehen manche Gesetze, zum Beispiel bei der Einbürgerung, noch im Wege, bedauerte die SPD–Politikerin. Sie sei froh, ein eigenes Ministerium zu haben, das ihr wesentlich mehr Handlungsspielraum biete als wenn sie Integrationsbeauftragte unter dem Dach eines anderen Ministeriums wäre.
Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind, sei ein Gebot des Grundgesetzes, und die Wahrung der Religionsfreiheit sowie das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben seien hohe Güter. Dies gelte für Punker genauso wie für Kopftuchträgerinnen. Ministerin Öney räumte ein, dass die Lernmotivation in manchen Migrantenfamilien zu wünschen übrig lasse und eine frühe Sprachförderung im Kindergarten sinnvoll sei. Kindergärten und Schulen seien Orte, wo gesellschaftliche oder familiäre Fehlentwicklungen korrigiert werden. „Nicht jeder lernt zu Hause zum Beispiel Toleranz!“. Ein Gesetz zu machen, das nur Migranten zum Kindergartenbesuch zwinge, wäre freilich verfassungswidrig, weil vor dem Gesetz alle Menschen gleich seien.
 

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