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Lokalnachrichten

» Schwäbisch Gmünd | Dienstag, 30. Dezember 2014

Ein Kapitel Gmünder Ballettgeschichte ist beendet: Ludmilla Schnell verabschiedet sich

Galerie (3 Bilder)

Ludmilla Schnell ist Ballett-​Pionierin; 36 Jahre lang gab sie das klassische russische Ballett, das sie sich selbst als Tänzerin des Bolschoi-​Theaters hart erarbeitet hat, an ihre Schülerinnen weiter. Mit dem letzten Tag des Jahres ist dieses Kapitel Gmünder Ballettgeschichte beendet.


SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Ludmilla Rikan wurde 1949 in Moskau geboren; als sie gerade mal sechs Jahre alt war, begann ihre Ausbildung an der Moskauer Ballett-​Akademie, die als eine der härtesten der Welt gilt. 1966 schloss sie mit der Staatsprüfung ab und war, was sie immer sein wollte: Ballerina, Tänzerin am legendären Bolschoi-​Theater. Es macht Freude, sie aus dieser Zeit erzählen zu hören, in der sie nur ein Ziel hatte, einen Wunsch – irgendwann das Dornröschen tanzen zu dürfen oder Odette/​Odile aus dem Schwanensee. Wenn sie nicht selbst tanzte (unser Bild), sah sie anderen beim Tanzen zu. Das war ihre Welt, ihr Leben.
Die Russin glaubte und glaubt aber auch an das Schicksal. Daran, dass es ihr bestimmt war, einem russlandbegeisterten Deutschen zu begegnen, Jürgen Schnell, und ihre Heimat zu verlassen. Die Geschichte ihrer Liebe, die untrennbar verbunden ist mit Merci-​Schokolade und ihrem lindgrünen Lieblingskleid – sie ließ dieses Kleid schwingen, wie es wohl nur eine Tänzerin vermag –, ist es ebenfalls wert, weitergegeben zu werden. Für Gmünd aber ist die Zeit nach ihrer Ausreise von Bedeutung. 1973, zur Zeit des Kalten Krieges war das Ganze ein gewagtes Unterfangen – wäre Jürgen Schnell nicht so eisern entschlossen gewesen, seine Ballerina-​Ehefrau zu sich zu holen, diese Liebesgeschichte wäre sehr schnell beendet gewesen. So aber traf sie nach neunmonatigem Behördengerangel in Gmünd ein.
1978 wurde sie vom Großdeinbacher Turnverein gebeten, als Übungsleiterin eine Gruppe zu trainieren, und als sie nach einem halben Jahr deutliche Veränderungen an „ihren Mädchen“ sah, wusste sie, dass sie ihre Bestimmung gefunden hatte. Mit dem Wort „Grazie“ beschreibt Ludmilla Schnell am liebsten, was der Tanz jungen Leuten zu bieten hat: Die leicht nach außen gedrehten Beine, die nach innen gewandten Arme, die Kopfhaltung – das bleibt ein ganzes Leben, davon ist sie überzeugt. Auch das Wort „Schleifen“ nutzte sie gern, freilich nicht mit Blick auf Armeedrill. Wie ein Diamant werde ein Körper geschliffen, nichts von seinem Wesen dürfe er verlieren, aber seine ganze Schönheit zur Geltung bringen. „Niemals zu früh auf die Spitze“, weiß sie heute – da wurde früher viel falsch gemacht – nicht überfordern, aber Ziele setzen und lehren, dass der Weg dorthin keine Plage ist. Ballett ist weit mehr als das Einüben von Tanzfiguren, ist sie überzeugt: „Ballett ermöglicht es der Seele, sich auszudrücken, ist reine Freude am Tanz und an der Harmonie.“ Wenn auch über den Umweg blutiger Schuhe. Ludmilla Schnell sieht im Tanz Kommunikation mit dem ältesten alter Medien, mit dem Körper selbst. Dafür stand und steht sie.
Vor ihr hatte nur Anne Gmelin-​Riechetoff den Versuch unternommen, in Gmünd eine Ballettschule zu etablieren – sie war später in Waiblingen erfolgreich. So wurde Schnell also zur Ballett-​Pionierin. Sie unterrichtete zunächst im Nebenzimmer des „Schützen“ und in der Buchstraße, und mit Hilfe von OB Norbert Schoch fand sie schließlich 1983 im damaligen Gmünd-​Center, heute das City-​Center, passende Räume für ihre eigene Schule.
Den höchsten, „klassisch“ gewordenen Entwicklungssstand erreichte das russische Ballett zur Zarenzeit in der Ära des französischen Tänzers und Choreographen Marius Petipa – er hat die Tanztechnik auf ein Niveau gesteigert, das Maßstäbe setzte und setzt. Die Grundlagen ihrer eigenen Ausbildung führt Schnell auf Meister wie Vasily Vainonen, Rostislav Zakharov, Leonid Lavrovsky zurück, die nicht nur Weltstars ausgebildet haben, sondern vor allem Unterrichtspläne erarbeitet und Ballettpädagogen ausgebildet – auf die sich viele Schulen in aller Welt bis heute zurückführen lassen
Das intensive Arbeiten mit ihren Elevinnen trug reiche Frucht: Mehrere Schülerinnen haben die Aufnahmeprüfung in der John Cranco-​Schule in Stuttgart bestanden, vor allem aber sind Ludmilla Schnells Aufführungen im Prediger und im Stadtgarten unvergessen – bei ungezählten Festakten, aber auch mit eigenen Inszenierungen, für die sie Choreographien erarbeitete und sogar Kostüme selbst entwarf. Unvergessen sind Inszenierungen wie das Adagietto (Gustav Mahler), die Carmen-​Suite (Bizet), „Einst im alten Rom“ (Aram Khachaturian), La Bayadère, „Reich des Schattens“ (Léon Minkus), Schneeflöckchen, das Dahlila-​Solo von Saint-​Saëns, Vision (Enigma), das Ballett Spartakus, Giselle (Adolphe Adam) oder das Solo aus Raymunda (Alexander Glazunov). Nicht nur dem Tanz widmet sich Ludmilla Schnell; die vielen Reisen, die sie organisiert hat, führten vor allem Ballettbegeisterte nach New York, Venedig, Florenz, London, an die Loire-​Schlösser und immer wieder nach Moskau und Sankt Petersburg.
Das Ende der „klassisch russischen Ballettschule Ludmilla Schnell“ macht das Gmünder Kulturleben ärmer, sagt Eva Mastrino, die einst von Schnell ausgebildet wurde: „Nur wenigen von uns war damals wirklich bewusst, was für ein Privileg wir genossen, Unterricht bei einer Bolschoitänzerin zu haben, die uns Schrittfolgen berühmter Ballette in Anlehnung an die Originalchoreographien lehrte.“ Daraus entstanden „wunderbare Aufführungen mit phantasievollen Kostümen und aufwendig gestalteten Bühnenbildern, die von Musik berühmter Komponisten umrahmt waren“ – auch das vergisst man nicht. Niemals. Eva Mastrino sinniert, das „Tanzen in der Ballettschule Ludmilla Schnell sei „nicht nur ein sich zur Musik Bewegen“ gewesen, sondern immer auch ein Stückchen Kultur, ein Stückchen Literatur und Philosophie, ein Stückchen Künstlertum: „Je länger wir tanzten, desto mehr erlagen wir der Faszination der tiefen Harmonie dieser Bewegungen, deren Anmut und Würde so wohltuend auf Seele und Körper wirken.“ Nach und nach wuchs die Ballettgruppe zur Familie zusammen, so erinnert sich Eva Mastrino mit Blick etwa auf die gemeinsamen Reisen. Ludmilla Schnell sei stets ebenso Ballettmutter wie Lehrerin gewesen, die sich „nicht nur durch ihre hohe Professionalität und allumfassende Allgemeinbildung, sondern auch durch ihre Fürsorge und starke Persönlichkeit auszeichnete.“ Und: „Bei all diesen Aktivitäten war Jürgen Schnell stets die organisierende Hand und der ruhende Pol.“ Die Begeisterung fürs Ballett übertrug sich von den Müttern auf die Kinder, längst tanzte die zweite Generation – etwa Cindy Mastrino – im City-​Center. Sie alle danken Ludmilla Schnell am heutigen Tag: „Schweren Herzens und mit Dankbarkeit verabschieden wir uns von einer bereichernden Ballettzeit und einer grandiosen Ballettpädagogin.“
 

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Ein Kapitel Gmünder Ballettgeschichte ist beendet: Ludmilla Schnell verabschiedet sich

Galerie (3 Bilder)

Ludmilla Schnell ist Ballett-​Pionierin; 36 Jahre lang gab sie das klassische russische Ballett, das sie sich selbst als Tänzerin des Bolschoi-​Theaters hart erarbeitet hat, an ihre Schülerinnen weiter. Mit dem letzten Tag des Jahres ist dieses Kapitel Gmünder Ballettgeschichte beendet.


SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Ludmilla Rikan wurde 1949 in Moskau geboren; als sie gerade mal sechs Jahre alt war, begann ihre Ausbildung an der Moskauer Ballett-​Akademie, die als eine der härtesten der Welt gilt. 1966 schloss sie mit der Staatsprüfung ab und war, was sie immer sein wollte: Ballerina, Tänzerin am legendären Bolschoi-​Theater. Es macht Freude, sie aus dieser Zeit erzählen zu hören, in der sie nur ein Ziel hatte, einen Wunsch – irgendwann das Dornröschen tanzen zu dürfen oder Odette/​Odile aus dem Schwanensee. Wenn sie nicht selbst tanzte (unser Bild), sah sie anderen beim Tanzen zu. Das war ihre Welt, ihr Leben.
Die Russin glaubte und glaubt aber auch an das Schicksal. Daran, dass es ihr bestimmt war, einem russlandbegeisterten Deutschen zu begegnen, Jürgen Schnell, und ihre Heimat zu verlassen. Die Geschichte ihrer Liebe, die untrennbar verbunden ist mit Merci-​Schokolade und ihrem lindgrünen Lieblingskleid – sie ließ dieses Kleid schwingen, wie es wohl nur eine Tänzerin vermag –, ist es ebenfalls wert, weitergegeben zu werden. Für Gmünd aber ist die Zeit nach ihrer Ausreise von Bedeutung. 1973, zur Zeit des Kalten Krieges war das Ganze ein gewagtes Unterfangen – wäre Jürgen Schnell nicht so eisern entschlossen gewesen, seine Ballerina-​Ehefrau zu sich zu holen, diese Liebesgeschichte wäre sehr schnell beendet gewesen. So aber traf sie nach neunmonatigem Behördengerangel in Gmünd ein.
1978 wurde sie vom Großdeinbacher Turnverein gebeten, als Übungsleiterin eine Gruppe zu trainieren, und als sie nach einem halben Jahr deutliche Veränderungen an „ihren Mädchen“ sah, wusste sie, dass sie ihre Bestimmung gefunden hatte. Mit dem Wort „Grazie“ beschreibt Ludmilla Schnell am liebsten, was der Tanz jungen Leuten zu bieten hat: Die leicht nach außen gedrehten Beine, die nach innen gewandten Arme, die Kopfhaltung – das bleibt ein ganzes Leben, davon ist sie überzeugt. Auch das Wort „Schleifen“ nutzte sie gern, freilich nicht mit Blick auf Armeedrill. Wie ein Diamant werde ein Körper geschliffen, nichts von seinem Wesen dürfe er verlieren, aber seine ganze Schönheit zur Geltung bringen. „Niemals zu früh auf die Spitze“, weiß sie heute – da wurde früher viel falsch gemacht – nicht überfordern, aber Ziele setzen und lehren, dass der Weg dorthin keine Plage ist. Ballett ist weit mehr als das Einüben von Tanzfiguren, ist sie überzeugt: „Ballett ermöglicht es der Seele, sich auszudrücken, ist reine Freude am Tanz und an der Harmonie.“ Wenn auch über den Umweg blutiger Schuhe. Ludmilla Schnell sieht im Tanz Kommunikation mit dem ältesten alter Medien, mit dem Körper selbst. Dafür stand und steht sie.
Vor ihr hatte nur Anne Gmelin-​Riechetoff den Versuch unternommen, in Gmünd eine Ballettschule zu etablieren – sie war später in Waiblingen erfolgreich. So wurde Schnell also zur Ballett-​Pionierin. Sie unterrichtete zunächst im Nebenzimmer des „Schützen“ und in der Buchstraße, und mit Hilfe von OB Norbert Schoch fand sie schließlich 1983 im damaligen Gmünd-​Center, heute das City-​Center, passende Räume für ihre eigene Schule.
Den höchsten, „klassisch“ gewordenen Entwicklungssstand erreichte das russische Ballett zur Zarenzeit in der Ära des französischen Tänzers und Choreographen Marius Petipa – er hat die Tanztechnik auf ein Niveau gesteigert, das Maßstäbe setzte und setzt. Die Grundlagen ihrer eigenen Ausbildung führt Schnell auf Meister wie Vasily Vainonen, Rostislav Zakharov, Leonid Lavrovsky zurück, die nicht nur Weltstars ausgebildet haben, sondern vor allem Unterrichtspläne erarbeitet und Ballettpädagogen ausgebildet – auf die sich viele Schulen in aller Welt bis heute zurückführen lassen
Das intensive Arbeiten mit ihren Elevinnen trug reiche Frucht: Mehrere Schülerinnen haben die Aufnahmeprüfung in der John Cranco-​Schule in Stuttgart bestanden, vor allem aber sind Ludmilla Schnells Aufführungen im Prediger und im Stadtgarten unvergessen – bei ungezählten Festakten, aber auch mit eigenen Inszenierungen, für die sie Choreographien erarbeitete und sogar Kostüme selbst entwarf. Unvergessen sind Inszenierungen wie das Adagietto (Gustav Mahler), die Carmen-​Suite (Bizet), „Einst im alten Rom“ (Aram Khachaturian), La Bayadère, „Reich des Schattens“ (Léon Minkus), Schneeflöckchen, das Dahlila-​Solo von Saint-​Saëns, Vision (Enigma), das Ballett Spartakus, Giselle (Adolphe Adam) oder das Solo aus Raymunda (Alexander Glazunov). Nicht nur dem Tanz widmet sich Ludmilla Schnell; die vielen Reisen, die sie organisiert hat, führten vor allem Ballettbegeisterte nach New York, Venedig, Florenz, London, an die Loire-​Schlösser und immer wieder nach Moskau und Sankt Petersburg.
Das Ende der „klassisch russischen Ballettschule Ludmilla Schnell“ macht das Gmünder Kulturleben ärmer, sagt Eva Mastrino, die einst von Schnell ausgebildet wurde: „Nur wenigen von uns war damals wirklich bewusst, was für ein Privileg wir genossen, Unterricht bei einer Bolschoitänzerin zu haben, die uns Schrittfolgen berühmter Ballette in Anlehnung an die Originalchoreographien lehrte.“ Daraus entstanden „wunderbare Aufführungen mit phantasievollen Kostümen und aufwendig gestalteten Bühnenbildern, die von Musik berühmter Komponisten umrahmt waren“ – auch das vergisst man nicht. Niemals. Eva Mastrino sinniert, das „Tanzen in der Ballettschule Ludmilla Schnell sei „nicht nur ein sich zur Musik Bewegen“ gewesen, sondern immer auch ein Stückchen Kultur, ein Stückchen Literatur und Philosophie, ein Stückchen Künstlertum: „Je länger wir tanzten, desto mehr erlagen wir der Faszination der tiefen Harmonie dieser Bewegungen, deren Anmut und Würde so wohltuend auf Seele und Körper wirken.“ Nach und nach wuchs die Ballettgruppe zur Familie zusammen, so erinnert sich Eva Mastrino mit Blick etwa auf die gemeinsamen Reisen. Ludmilla Schnell sei stets ebenso Ballettmutter wie Lehrerin gewesen, die sich „nicht nur durch ihre hohe Professionalität und allumfassende Allgemeinbildung, sondern auch durch ihre Fürsorge und starke Persönlichkeit auszeichnete.“ Und: „Bei all diesen Aktivitäten war Jürgen Schnell stets die organisierende Hand und der ruhende Pol.“ Die Begeisterung fürs Ballett übertrug sich von den Müttern auf die Kinder, längst tanzte die zweite Generation – etwa Cindy Mastrino – im City-​Center. Sie alle danken Ludmilla Schnell am heutigen Tag: „Schweren Herzens und mit Dankbarkeit verabschieden wir uns von einer bereichernden Ballettzeit und einer grandiosen Ballettpädagogin.“