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» Kultur | Mittwoch, 19. Februar 2014

Patchwork: Heidi Friedrich in der Silberwarenfabrik

Galerie (1 Bild)

Nicht nur vielseitig, sondern auch wandelbar präsentierte sich Heidi Friedrich in der VHS–Kabarettreihe in der Heubacher Silberwarenfabrik. Von der Politik bis zur Kindererziehung bekam jeder sein Fett weg.

KABARETT (wil). Es war ein klassisches Patchwork-​Programm mit vielen schlüssigen Einzelepisoden, mit denen Heidi Friedrich unsere Gesellschaft beleuchtete. Und dazwischen sang und strickte sie, sorgte für optische und akustische Abwechslung oder ließ einfach mitsingen.
Während Martin Jaquet, der Initiator der Kabarettreihe, anlässlich des Valentinstages die Damen mit Blumen beschenkte, war es für Heidi Friedrich der Tag des Rücktritts ihres Namensvetters. So konnte sie mit einer brandaktuellen Pointe einsteigen, das vierbuchstabige Wort für Unwahrheit suchen (ADAC) und mit Politikerzitaten seit Norbert Blüms sicheren Renten oder Barschels Ehrenwort die Lügen als Grundlage der Politik entlarven.
Die NSA lockt sie sich als Single zur Sonntagsnachmittagsunterhaltung ins Haus, indem sie in ihrem Blog wohlgesetzte Botschaften postet und wie wir uns freiwillig überwachen lassen, zeigt ihr Kühlschrank, der das Verfallsdatum der Lebensmittel als SMS aufs Handy schickt. Von der Gesellschaftskritik wechselt Friedrich nahtlos ins Private, so zu ihrer Höhenangst und den Touristenevents, an denen sie nicht teilhaben kann — verständlich, wenn man ihrer Pantomime zum Skywalk glaubt.
Dann wettert sie gegen die Wetterweicheier, die vor jedem Gang ins Freie erstmal ihre Wetterapp abrufen und sich dann trotz Goretex-​Jacke nicht auf den Rosenstein trauen und natürlich gegen die Medien, die aus jeder Schneeflocke ein Schneechaos machen. Aber zu was erziehen wir unsere Kinder — und vor allem wie? Als verständnisvolle, aber telefonierende Mutter zeigt sie diese ganzen Widersprüche zwischen Wollen und Tun auf.
Schon ist sie bei ihrer Arbeit, ihren Kabarettauftritten während der Fußball-​EM und grandios ist ihre Fußballreportage für Arte-​Zuschauer, eine Aneinanderreihung von Zitaten aus der Weltliteratur, die auf ein Fußballspiel passen: „Rein oder nicht rein?“ ist noch banal, „Sah denn kein Knab’ den Özil steh’n, Özil an der Seite?“ frei nach Goethe lässt kein Auge mehr trocken.
Mit ihrer Laterne vom Martinsumzug kommt sie zur Energiewende und der Frage, ob Strom demnächst zum Statussymbol wird, das E-​Bike für Rentner dreht die Verhältnisse im Straßenverkehr total um, vor allem, seit Rentner mit dem Bike schneller fahren als mit dem Auto. Doch das Alter hat auch für sie mit fast 50 schon Tücken. Wurde sie früher beim Röntgen gefragt, ob eine Schwangerschaft vorliege, fragt man heute, ob sie alle Prothesen entfernt habe. Doch sie ist jung geblieben, verkehrt mit ihrem Sohn auf Facebook und ist erstaunt, dass sie so viel von ihm weiß wie noch nie zuvor. Und da der Junge noch immer Single ist, hat sie ihre 4000 Facebook-​Freunde zu ihm zur Party geschickt.
Ein ausführlicher Vergleich der Kindheit früher und heute mit dem Hochleistungskindergeburtstag und dem Gabentisch bei Toys R’Us zeigt, wie sich die Welt nicht nur zum Besseren verändert hat, aber irgendwie muss Leandro-​Jakari auch groß werden, hat er doch statt dem Mobile schon ein activity center über seiner Wiege.
Den ganzen aufgestauten Müll kehrt sich zum Schluss als Putzfrau weg, schildert ihre verschiedenen Arbeitsstellen („grün wählen, schwarz putzen“) und beendet mit einer Showtanzeinlage zu Kung Fu Fighting, in der sie den Besen als Karatestock verwendet, ihr abwechslungs– und umfangreiches Programm, das sicher eines der Glanzlichter der diesjährigen VHS–Reihe war.
 

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Nicht nur vielseitig, sondern auch wandelbar präsentierte sich Heidi Friedrich in der VHS–Kabarettreihe in der Heubacher Silberwarenfabrik. Von der Politik bis zur Kindererziehung bekam jeder sein Fett weg.

KABARETT (wil). Es war ein klassisches Patchwork-​Programm mit vielen schlüssigen Einzelepisoden, mit denen Heidi Friedrich unsere Gesellschaft beleuchtete. Und dazwischen sang und strickte sie, sorgte für optische und akustische Abwechslung oder ließ einfach mitsingen.
Während Martin Jaquet, der Initiator der Kabarettreihe, anlässlich des Valentinstages die Damen mit Blumen beschenkte, war es für Heidi Friedrich der Tag des Rücktritts ihres Namensvetters. So konnte sie mit einer brandaktuellen Pointe einsteigen, das vierbuchstabige Wort für Unwahrheit suchen (ADAC) und mit Politikerzitaten seit Norbert Blüms sicheren Renten oder Barschels Ehrenwort die Lügen als Grundlage der Politik entlarven.
Die NSA lockt sie sich als Single zur Sonntagsnachmittagsunterhaltung ins Haus, indem sie in ihrem Blog wohlgesetzte Botschaften postet und wie wir uns freiwillig überwachen lassen, zeigt ihr Kühlschrank, der das Verfallsdatum der Lebensmittel als SMS aufs Handy schickt. Von der Gesellschaftskritik wechselt Friedrich nahtlos ins Private, so zu ihrer Höhenangst und den Touristenevents, an denen sie nicht teilhaben kann — verständlich, wenn man ihrer Pantomime zum Skywalk glaubt.
Dann wettert sie gegen die Wetterweicheier, die vor jedem Gang ins Freie erstmal ihre Wetterapp abrufen und sich dann trotz Goretex-​Jacke nicht auf den Rosenstein trauen und natürlich gegen die Medien, die aus jeder Schneeflocke ein Schneechaos machen. Aber zu was erziehen wir unsere Kinder — und vor allem wie? Als verständnisvolle, aber telefonierende Mutter zeigt sie diese ganzen Widersprüche zwischen Wollen und Tun auf.
Schon ist sie bei ihrer Arbeit, ihren Kabarettauftritten während der Fußball-​EM und grandios ist ihre Fußballreportage für Arte-​Zuschauer, eine Aneinanderreihung von Zitaten aus der Weltliteratur, die auf ein Fußballspiel passen: „Rein oder nicht rein?“ ist noch banal, „Sah denn kein Knab’ den Özil steh’n, Özil an der Seite?“ frei nach Goethe lässt kein Auge mehr trocken.
Mit ihrer Laterne vom Martinsumzug kommt sie zur Energiewende und der Frage, ob Strom demnächst zum Statussymbol wird, das E-​Bike für Rentner dreht die Verhältnisse im Straßenverkehr total um, vor allem, seit Rentner mit dem Bike schneller fahren als mit dem Auto. Doch das Alter hat auch für sie mit fast 50 schon Tücken. Wurde sie früher beim Röntgen gefragt, ob eine Schwangerschaft vorliege, fragt man heute, ob sie alle Prothesen entfernt habe. Doch sie ist jung geblieben, verkehrt mit ihrem Sohn auf Facebook und ist erstaunt, dass sie so viel von ihm weiß wie noch nie zuvor. Und da der Junge noch immer Single ist, hat sie ihre 4000 Facebook-​Freunde zu ihm zur Party geschickt.
Ein ausführlicher Vergleich der Kindheit früher und heute mit dem Hochleistungskindergeburtstag und dem Gabentisch bei Toys R’Us zeigt, wie sich die Welt nicht nur zum Besseren verändert hat, aber irgendwie muss Leandro-​Jakari auch groß werden, hat er doch statt dem Mobile schon ein activity center über seiner Wiege.
Den ganzen aufgestauten Müll kehrt sich zum Schluss als Putzfrau weg, schildert ihre verschiedenen Arbeitsstellen („grün wählen, schwarz putzen“) und beendet mit einer Showtanzeinlage zu Kung Fu Fighting, in der sie den Besen als Karatestock verwendet, ihr abwechslungs– und umfangreiches Programm, das sicher eines der Glanzlichter der diesjährigen VHS–Reihe war.
 

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