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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Ein Tischofen, wie er in früher Nachkriegszeit benutzt wurde, steht jetzt im Archiv der AG Osten

Das Objekt ist ein Dokument einer bitteren Zeit: Es handelt sich um einen sogenannten Tischofen, wie er vor allem von Heimatvertriebenen, Evakuierten und Ausgebombten benutzt wurde. Kurz, von Leuten, die in der Folge des Zweiten Weltkriegs alles Hab und Gut verloren hatten.

Donnerstag, 15. Oktober 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
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SCHWÄBISCH GMÜND (rw). Das Archiv der Arbeitsgemeinschaft Osten hat jetzt einen solchen Tischofen von Gerhard Körger aus Durlangen erhalten. Körger, Jahrgang 1939, stammt aus Schwäbisch Gmünd und wuchs in der Becherlehenstraße auf: „Ich kann mich noch gut erinnern, dass Leute ein solches Öfele hatten“, sagt er. Sie verschwanden recht schnell wieder, wurden spätestens in den 50er-​Jahren ersetzt durch „richtige“ Herde, auch diese meist noch vergleichsweise karg. Körgers Ofen überlebte die Wirtschaftswunderjahre im Wochenendhaus einer Tante, rostig zwar, aber immerhin. Ein paar Farbspuren sind noch zu erkennen: Der Ofenkasten war rotbraun lackiert, die vier dünnen Beine waren schwarz. Bevorzugtes Schürmaterial waren Tannenzapfen oder „Meggale“, Holzabfälle, die beim Schlagen von Bäumen mit der Axt anfielen. Mehr als Kleinzeugs passte auch nicht in die Feuerschublade. Darüber befand sich eine Herdplatte, heiße Luft und wohl manchmal Asche zog seitwärts über ein weiteres kleines Fach von 25 mal 25 Zentimeter Größe, das als Backröhre diente, zum Abzug an der Schmalseite. Das einen halben Meter breite, knapp 30 Zentimeter tiefe „Öfele“ war Backofen, Herd und Heizung in einem. Es bestand aus Eisenblech – nicht etwa aus Gusseisen, und ein bisschen Schamotte als Auskleidung.
Gerhard Körgers Ofen, so rostig er war, funktionierte noch. Er brutzelte Rührei darauf, bevor er ihn zum Archiv brachte, als er gelesen hatte, dass man dort ein derartiges „Sparherdle“ suchte. Rührei, das war 1946 eine Delikatesse. Wer den Ofen damals, in den Jahren der Not, benutzt hat, ist nicht bekannt. Es war wohl eine ganze Familie, und sie wird froh gewesen sein, wenigstens diese primitive Feuerstelle zu besitzen.
Man weiß aber, wer dafür sorgte, dass eine große Menge dieser Öfen nach Gmünd kamen: die Nothilfe-​Organisatorinnen Gabriele Martis und Käthe Czisch. Angeblich waren es 1000 Stück, die sie über sogenannte „Kompensationsgeschäfte“ – schlichten Tauschhandel – aus dem Ruhrgebiet oder aus dem Rheinland nach Schwäbisch Gmünd brachten. Vielleicht, so hofft Dr. Kurt Scholze von der Arbeitsgemeinschaft Osten, findet sich noch eine Spur, die zum Hersteller des Ofens führt.
Der Tischofen steht jetzt im Archiv der AG Osten im Altbau des Canisiushauses. Vor einem Jahr erhielt die Arbeitsgemeinschaft dort freie Räume überlassen, wo sich die Regale nach und nach mit Archivalien füllen.
Klaus Rollny ordnet, registriert und schlüsselt sie auf. Im Archiv befinden sich Dokumente von Privatpersonen und Firmen, auch die Akten und der Schriftwechsel der BRUNA-​Geschäftsstelle. Weil sie für die Stadtgeschichte bedeutsam ist, wird die Sammlung als Teil des Stadtarchivs angelegt.

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