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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

„Kinderwelt ist Bewegungswelt“ — Vortrag von Dieter Breithecker im Ärzteforum Gesundheit

Übervorsichtigen Eltern wird allein bei den Dias übel, die Dieter Breithecker in seinem Plädoyer für Bewegungsförderung zeigte. Sein Appell: Kinder müssen Risiken einschätzen lernen. Und eingehen dürfen.

Freitag, 02. Oktober 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 13 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (bt) „Lass den Philipp doch mal zappeln“ war Titel des Vortrags, zu dem Dr. Norbert Gildein im Namen des Ärzteforums den renommierten Sportpädagogen Dr. Breithecker begrüßte. Nicht nur zappeln darf er, der Phillip, so das Credo des Abends, er darf sich auch Herausforderungen suchen, an denen er wachsen kann. Breithecker zeigte ein 5,80 Meter hohes buchstäblich abenteuerliches Klettergerüst auf einem Schulhof — „da ist in zwölf Jahren nichts passiert“. Oder eine Art Baumstamm-​Mikado auf einem anderen Schulhof, das auch bei Regen benutzt wurde. Als Breithecker die Schulleiterin provokant fragte, ob ihr denn nicht bange sei, angesichts der gefährlichen Rutschpartie, erklärte diese dem Referent zufolge: „Wenn sie noch nicht gelernt haben, dass sie dann aufpassen müssen, wird es höchste Zeit“. „Risikokompetenz“ nennt Breithecker das, also die Fähigkeit, sich mit Gefahren auseinander zu setzen und selbst darüber zu entscheiden, welches Risiko sie eingehen wollen. Schon erstaunlich war dabei, mit welcher Konzentration und Umsicht die von Breithecker gezeigten Kinder die Risiken angingen, zu denen sie sich entschlossen hatten. Diese Kompetenz könne nur durch eigene Wagniserfahrungen ausgebildet werden: „Kinder schaffen sich selbst spannungsreiche Situationen, sie spielen quasi mit ihrem Risiko, bis zu einer für sie noch kontrollierbaren Grenze“. Breithecker bescheinigt Kindern dabei angemessene Selbsteinschätzung.
Grundlage für die Entwicklung der Kinder ist Breithecker zufolge die Chance, eigene Wege zu gehen. „Neugiergesteuertes Verhalten“ bringe das wachsende Gehirn des Kindes immer wieder aus seiner Balance, wodurch es immer wieder gefordert sei, sich neu zu strukturieren. Voraussetzung dafür: „Kinder brauchen Gelegenheiten ihre Aktivitäten selbst zu planen und zu gestalten“. Sich nach eigenen Bedürfnissen bewegen zu können, habe zudem für ihre Selbstwahrnehmung und für ihre Selbstbewertung eine besondere Bedeutung. Der beste Beweis für diese These war eine Bilderfolge, die zeigte, wie glücklich ein Mädchen war, das sich erfolgreich an eine Balancierübung gewagt hatte. Der Gegenentwurf wurde mit Begriffen wie „verplante Kindheit“ und „gutgemeinte Überbehütung“ vorgestellt. Durch verunsicherte Erwachsene würden Kinder in ihrem spontanen Bewegungswillen und Spieltrieb eingeschränkt. Die Folgen seien mehr als Übergewicht, Rückenschmerzen und vielerlei Probleme: Sie äußerten sich in mangelnden Verschaltungen der Zentren im Gehirn, was die Entwicklung massiv beeinträchtige. Ein Zustand, indem nicht auch Unvorhergesehenes passieren könne, sei zudem Fantasieprodukt: „Wir dürfen Kinder nicht in ständiger Sicherheit wiegen. Die meisten Unfälle geschehen, weil keine Gefahrenquellen gesehen werden.“
Über allem stand gestern also ein unbedingtes Eintreten für mehr Bewegung. Seine Erinnerungen an die Kindheit früherer Generationen sorgte für einige Lacher, machte aber auch deutlich, was Breithecker meint, wenn er sagt, motorische Aktivität sei das Instrument um die Umwelt wahrzunehmen und zu erfahren, um lernen, wie man handelt, organisiert, überlegt. Anhand einer Vielzahl neuerer Studien erklärte der Leiter der „Bundesarbeitsgemeinschaft Haltung und Bewegung“, Bewegung unterstütze den Prozess des Lernens, fördere biologische Ausdifferenzierungsprozesse, sorge für eine positive emotionale Atmosphäre, bereichere soziale Erfahrungen und fördere die Lernmotivation. Um zu zeigen, wie körperliche Aktivitäten Lernerfahrungen ermöglichen, ließ der Referent sein Publikum gar hüpfend Rechenaufgaben lösen. Die versammelte Kompetenz im Saal, die sich später auf dem Podium und aus dem Publikum zu Wort meldete, war meistens, nicht aber immer mit Breitheckers Positionen einverstanden.

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