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Besuch beim Gmünder Pianist und Komponist Mick Baumeister, der derzeit gleich drei große Projekte verwirklicht

Auf dem Bildschirm gibt es ein ergreifendes Wiedersehen. Aber irgendetwas schwingt mit: Dunkel, bedrohlich, voller Geheimnisse, die besser nie gelüftet würden. Das zumindest sagt die Musik, mit der Mick Baumeister diese Fernseh-​Szene unterlegt hat.

Dienstag, 22. Dezember 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
3 Minuten Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Mick Baumeister hätte Priester werden sollen. Er wurde zunächst im Taubental unterrichtet, von den Pallottinern in St. Bernhard, dann bis zur mittleren Reife in einem ebenfalls von Pallottinern geführten Internat am Bodensee. Die ganze Zeit über erhielt der Junge Klavierunterricht. Und so, wie ihm recht schnell bewusst wurde, dass er nicht für den geistlichen Stand bestimmt war, wusste er bereits mit 14 Jahren, dass er immer Klavier spielen und für die Musik leben würde. Er setzte durch, dass die Eltern ihn heim nach Gmünd holten. Allein: Für die Schule fehlte ihm jetzt der nötige Antrieb. Er wurde Gast-​Student an der PH, und unter anderem von Konrad Elser begleitet, erkämpfte er sich das Studium am Konservatorium Braunschweig über eine Begabtenprüfung.
Mittlerweile ist er 51 Jahre alt. Er hat die Filmmusik für die Kinofilme „Krücke“ (1993) und „Der zehnte Sommer“ (2003) komponiert, vor allem ist ihm die Musik für 380 Fernsehproduktionen zu verdanken. Bis auf „Derrick“ und „Der Alte“ hat er sämtliche Krimi-​Reihen begleitet, „Eurocops“, „Der Fahnder“, „Ein Fall für Zwei“ und wie sie alle heißen, den Tatort natürlich nicht zu vergessen. In kürzester Zeit hat er jetzt einen „Polizeiruf 110“ bearbeitet, der im April gezeigt wird. Kaum jemand, den er in all diesen Jahren nicht kennengelernt hat. Wenn er sich überreden lässt, aus seinem Schaffen zu erzählen, kommt etwa die Nacht in Regisseur Jörg Grubers Küche zur Sprache, in der Benno Fürmann Witze riss und „Büble“ Til Schweiger an „Lemgo“ arbeitete; der Riesen-​Erfolg des „bewegten Mannes“ war da noch kaum vorstellbar.
Mick Baumeister liebt seine Arbeit. Anders könnte er sie nicht ertragen. Seit 28 Jahren schreibt er Filmmusik, und noch immer stellen sich gegen Ende eines Projektes massive Zweifel ein. „Wer den Druck nicht aushalten kann, darf den Job nicht machen“, hat der mehrfache Oscar-​Gewinner John Williams mal gesagt, der für die Musik zum „Krieg der Sterne“ bekannt wurde, sowie für die Klänge, die untrennbar verbunden sind mit dem Weißen Hai, Indiana Jones und Harry Potter. Ja, der Druck ist mörderisch. Auch wenn einer mit der Erfahrung Baumeisters weiß, dass die dunklen Stunden des Haderns und Zweifelns kommen, und die Nächte, in denen er mit zwei, drei Stunden Schlaf auskommt – und dass das überwunden wird. Wirklich unvorstellbar ist, aufzuhören. Mick Baumeister liebt es, Drehbücher zu lesen, bis er die Geschichte mit all ihren Facetten im Kopf hat, bis die Melodien und Themen heranreifen – für Antonia 1 und 2 etwa, oder für die „glückliche Familie“ mit Maria Schell, die in 72 Ländern gezeigt wurde und wird und für die’s heute noch Tantiemen gibt. Baumeister: „Leb’ dafür oder vergiss es“; einfach ein Liebesmotiv aus der Schublade ziehen, das funktioniert nicht. Die Begabung, das Schöpfen, das ist wesentliches Element. Alles andere aber ist harte Arbeit, ein Handwerk, das den Meister verlangt und den ewig Lernenden.
Baumeister schreibt hauptsächlich für Orchester, das heißt, dass er fast alles selbst macht. Soli werden immer live eingespielt; für die nächste „Mord in bester Gesellschaft“-Folge etwa ist Brigitte Fülle am Englisch-​Horn zu hören. Auch bei Streichern arbeitet er gern mit „Overdubs“; das heißt, dass er zwar selbst über seine Sampler die Töne am Klavier einspielt und umwandelt, dass später aber Live-​Aufnahmen über diese elektronisch entstandenen Parts gelegt werden. Bei einer großen Produktion wird auch mal ein richtiges Orchester mit Aufnahmen in einem großen Studio in Prag oder Berlin finanziert, grundsätzlich aber entsteht die komplette Filmmusik meist am Gmünder Münsterplatz. Kein Wunder, dass Baumeisters Studio auch schon mal mit dem Mercedes-​Rechenzentrum verglichen wird und dass der Pianist und Komponist an der Gmünder FH, zum Beispiel aber auch in Dresden gefragter Dozent ist.
Mit Computern hat er eigentlich immer gearbeitet; sein erster Film ist mit Hilfe eines Commodore 64 entstanden. Gut, damals wurde das Filmmaterial auf dem Schreibtisch mit einer Videocamera abgelichtet und mit Zeitrastern versehen; jede Spur hatte ein eigenes Band, was dazu führte, dass 20 Maschinen im Raum brummten. Und das Ergebnis seiner Arbeit wurde mit Hilfe von Kurieren geliefert – einmal zahlte er 1200 Mark für einen Chile-​Transport. Heute sitzen die Verantwortlichen in vier verschiedenen Städten und begutachten gleichzeitig die über aFile ins Netz gestellten Aufnahmen. Nur die Reaktionen sind dieselben geblieben. In einer Zeit, in der fast überall gespart wird, gefallen sich einige Baumeister-​Kollegen tatsächlich in Fließband-​Produktionen. Dass Baumeister mit jeder Faser für seine Musik lebt, führt freilich unter anderem dazu, dass er sich eine unverkennbare Handschrift bewahrt hat, die musikalische Menschen erkennen und die insbesondere in Frankreich und in der Schweiz sehr geschätzt wird. Ein russischer Ballettintendant hat ihn einmal um die Titelmelodie für den Pilotfilm der Reihe „Eine Frau mit Kaliber“ gebeten – mit dieser Musik verband er einen der wichtigsten emotionalen Momente seines Lebens. Und als einer Schweizerin die Antonia-​Themen schickte, bedankte sie sich ebenfalls sehr ergriffen fürs „schönste Weihnachtsgeschenk“ ihres Lebens. Auch solche Momente bestätigen ihm, dass er den richtigen Weg geht.

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