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Ist das „Ritterland“ die volle Katastrophe oder etwa eine Chance für Bauern?

„Schade um die wertvollen Ackerflächen“, sagen die einen. „Bessere Absatzmöglichkeiten für landwirtschaftliche Produkte“ hört man von den anderen. Welche Auswirkungen ein „Ritterland“ in Durlangen auf die örtliche Landwirtschaft haben könnte, wollte die Rems-​Zeitung von den Investoren und vom Bauernverband wissen. Von Gerold Bauer

Donnerstag, 30. April 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
4 Minuten Lesedauer

DURLANGEN. Es sollte ein „Streitgespräch“ werden, dies war von vornherein klar, als die Rems-​Zeitung Vertreter der konträren Sichtweisen zur Diskussion ins Verlagsgebäude einlud. Und es wurde in der Tat temperamentvoll diskutiert, denn sowohl die beiden Investoren als auch der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Schwäbisch Gmünd vertraten ihre Positionen mit viel Herzblut. Da es in einigen strittigen Fragen um die Bewertung von Prognosen ging, prägten auch Euphorie und Zweifel den Diskussionsverlauf.
Mit der Aussage „Die heimische Landwirtschaft hat ja schon ein Problem und kann mit der Konkurrenz aus anderen Regionen preislich nicht mithalten“ begründete Michael Horn, warum das „Ritterland“ kein Schaden, sondern sondern eine Chance für Landwirte in der Region sei. Trotz kleiner Parzellen und schwieriger Geländeformen müssen, so Horn, die Bauern hierzulande zum gleichen Erzeugerpreis produzieren, wie Bauern in Brandenburg oder Pommern, wo mit großen Maschinen riesige Flächen in einem Arbeitsgang rationell bearbeitet werden.
Daher gebe es immer mehr Bauern, die nach „Nischen“ suchen, zum Beispiel mit Bio-​Produkten oder Direktvermarktung, um von Weltmarktpreisen unabhängig zu werden. Eine solche Nische könnte das „Ritterland“ in Durlangen für einige Bauern sein, versprach Horn.
Man wolle „Ritterland“-Produkte als Qualitätsmarke am Markt einführen. Kerngedanke sei, alte Tierrassen wieder aufleben zu lassen und Nahrungsmittel anzubieten, die geschmacklich nicht durch moderne Produktionsweisen verfälscht seien. An dieser Stelle hakte Anton Weber ein und legte Wert auf die Feststellung, dass sich die Bauern auf der Ostalb in Sachen Qualität und Geschmack mit ihrer Milch und ihren Fleischprodukten sicherlich nicht hinter etwaigen „Ritterland“-Erzeugnissen verstecken müssen. Auch das „Ritterland“ werde sich an Hygienevorschriften halten und die Milch entsprechend aufbereiten müssen. „Auch diese Milch wird dann nicht mehr so schmecken, wie frisch gemolken und gleich im Stall getrunken!“, sagte der Landwirt, der auf seinem Betrieb in Waldstetten zirka 200 Milchkühe hält und außerdem seit vielen Jahren Verantwortung in der Molkereigenossenschaft trägt.
Er fügte hinzu, dass es bei landwirtschaftlichen Nutztieren nicht anders sei als bei Sportlern. Vorausgesetzt, es werde nicht gedopt, könne Leistung nur dann erbracht werden, wenn ein gesundes Leben geführt werde. Und die Tatsache, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung stetig steige, sei ja wohl auch nicht gerade ein Indiz, dass die von konventionellen Bauern erzeugten Nahrungsmittel gesundheitsschädlich seien
Albrecht Hummel hielt dem Sprecher der Landwirte entgegen, dass man ja wohl nicht wegdiskutieren könne, dass ganz normales Fleisch vom Metzger in der Pfanne extrem zusammen schrumpfe — ein Zeichen für mangelnde Substanz, was sich eben auch im Geschmack bemerkbar mache, kritisierte Hummel. Es gebe immer mehr Menschen, die daher gerne bereit seien, mehr für Lebensmittel zu zahlen, wenn sie dafür im Gegenzug ein Genusserlebnis geboten bekommen.
Aus der Frage heraus „Warum schmecken vielen Leuten die Lebensmittel aus der Massenproduktion nicht mehr?“, habe man für das „Ritterland“ die Idee entwickelt, Essen anzubieten, das weitestgehend der Kost im Mittelalter entspreche. Neben der Verköstigung der anfangs 300 000 Besucher im Jahr (in der Endausbauphase sollen es dreimal so viele werden), wollen die „Ritterland“-Macher eine bundesweite Vertriebsschiene für diese ursprünglichen Lebensmittel aufbauen. „Es gibt Spitzengastronomen, die haben schon bei uns angefragt und würden den doppelten Preis wie für normales Fleisch bezahlen“, ergänzte Horn.
Bauernsprecher Weber hatte allerdings massive Zweifel daran, dass das „Ritterland“ wesentlich mehr als eine ganz kleine Nische für die Landwirtschaft sein kann. Angesichts der von den Investoren erwarteten Besucherzahlen und Verzehrprognosen werde man über den Daumen gepeilt in diesem Freizeitpark für die Zubereitung der Gerichte pro Jahr etwa 70 Rinder brauchen. Dies wäre dann deutlich weniger als die durchschnittliche Jahresproduktion eines einzigen Bullenmast-​Betriebs aus der Region (100 bis 120 Bullen pro Jahr). Mithin dürfe man vom „Ritterland“ nicht erwarten, dass dieser Freizeitpark eine Existensicherung für viele Landwirte bieten werde.
Doppeltes Spiel bei den Grundstücksverhandlungen?
Seitens der Investoren hingegen wurde darauf verwiesen, dass inklusive des bundesweiten Verkaufs sowie der anderen benötigen Produkte für die Bewirtung (spezielle alte Getreidesorten etc.) einige Landwirte sich ein gutes Zubrot verdienen können, wenn sie parallel zu ihrem konventionellen Betrieb noch nebenher fürs Ritterland produzieren. Aufgrund der extrem kurzen Wertschöpfungskette könne das Ritterland ihren landwirtschaftlichen Partnerbetrieben zwar nicht das Doppelte, aber über den Daumen gepeilt das Eineinhalbfache des sonst üblichen Erzeugerpreises bezahlen.
Die Kosten pro Gericht würden dadurch nur um zirka 40 Cent steigen, so dass dennoch die Prämisse von verbraucherfreundlichen Preisen erfüllt werden können, wurde im Rahmen des RZ-​Gesprächs versichert. Zumal im Finanzierungskonzept für das Projekt die Verköstigung keine tragende Rolle spiele. Für rund zwölf Euro werde es im „Ritterland“ ein vollwertiges warmes Gericht geben.
Weil es bisher keine praktischen Erfahrungen mit dem „Ritterland“-Essen gebe, sprachen beide Seiten von einem gewissen „Abenteuer“,; wobei bei Horn und Hummel bei diesem Begriff die Begeisterung, Neuland zu betreten, überwog, während Weber mit seiner Skepsis nicht hinter dem Berg hielt. Es gebe schon viel zu viele solcher „Qualitätssiegel“ auf dem Lebensmittelmarkt, so dass der Verbraucher dadurch eher verwirrt als informiert werde. Zudem zeige die Erfahrung, dass alles Neue am Markt zunächst euphorisch eingeführt werde, obwohl meistens schon bald die Begeisterung der Kunden und damit der Erfolg des Produkts zu wünschen übrig lasse.
Ein Aspekt, bei dem sich die Diskussionsteilnehmer überhaupt nicht einig waren, betraf die Grundstücksverhandlungen. Laut Anton Weber haben zwölf Grundstückseigentümer gegenüber Bürgermeister Gerstlauer schriftlich und eindeutig erklärt, dass sie keine Flächen für das „Ritterland“ hergeben wollen. Er selbst habe mit diesen Bauern erst vor wenigen Tagen persönlich gesprochen und dabei erfahren, dass diese zwölf Eigentümer (von insgesamt rund 45 Hektar) nach wie vor zu dieser Grundhaltung stehen. Dies passe nicht zu den in der Presse zitierten Aussagen der Investoren, dass sie praktisch schon Zusagen über ausreichende Flächen haben. Es spiele wohl manch einer ein Doppelspiel, wurde deshalb als Frage in den Raum gestellt.
Horn und Hummel hingegen bekräftigten ihre Aussage, dass die im Beisein des Bürgermeisters gemachten mündlichen Zusagen schon jetzt ausreichen würden, um das Projekt zu realisieren. Während die Investoren keinen Konflikt mit dem dort ausgewiesenen Landschaftsschutz-​/​FFH-​Gebiet erwarten, geht der Bauernverband davon aus, dass dies eine gewaltige Hürde für das „Ritterland“ ist.
Für Anton Weber ist es ein sehr wichtige Argument, dass die guten, ebenen Produktionsflächen viel zu schade sind, um in einen Freizeitpark umgewandelt zu werden. Gutes Ackerland sei Mangelware und werde von Vollerwerbsbetrieben gemeindeübergfreifend gesucht und gepachtet.
Warum dann so viele Bauern aufhören wollen und den Investoren bei der Suche nach Tauschland mehrere komplette Betriebe zu sehr günstigen Preisen offeriert wurden, konterten die „Ritterland“-Protagonisten Horn und Hummel, worauf Weber daran erinnerte, dass Landwirt heute weiträumig betrieben werde und Bauern aus anderen Gemeinden auf diese Flächen angewiesen seien.

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