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Auf, ins schöne, arme Russland

Was kann denn noch alles passieren? Der fünfte Hilfstransport, mit dem Waldstetter den Notleidenden in Tutajev das Nötigstes schicken, steht unter keinem guten Stern. Auf der anderen Seite kann jetzt ein Jugendaustauschprogramm vorgestellt werden.

Dienstag, 19. Mai 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 55 Sekunden Lesedauer

WALDSTETTEN (bt). Nachdem das entsprechende Förderprogramm ausgelaufen ist, kann, wie berichtet, dieser Transport erstmals nicht zur Hälfte über Zuschüsse finanziert werden. Der Verein hat alle Kosten ohne Hilfe aufgebracht — obwohl im Trubel der Vorbereitungen das Spendenkässle gestohlen wurde. Um die Spenden verteilen zu können, brauchen die Helfer aber eine Genehmigung aus Moskau — bislang kein Problem, da sich das entsprechende Gremium regelmäßig traf. Nachdem aber nicht nur in Waldstetten, sondern EU–weit Förderprojekte in Russland nicht länger bezuschusst werden, hat dieser Ausschuss seine Arbeit weitgehend eingestellt. Wird ein Termin verpasst, gibt es erst Monate später eine neue Chance. Obwohl alle Fristen eingehalten waren, führte Schlamperei in einer Behörde dazu, dass die Unterlagen aus Waldstetten über Tage hinweg als Irrläufer unterwegs waren, bis es zu spät war. Nun werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, alle Kontakte genutzt, die erforderlichen Genehmigungen „außerplanmäßig“ zu erhalten – unterdessen drängt die Zeit; das Warenlager, das großzügiger Weise zur Verfügung gestellt wurde, hätte schon längst geräumt werden sollen.
84 Kubikmeter Hilfsgüter werden so bald wie möglich ihre lange Reise antreten. Einfach weil sie so dringend benötigt werden. 2007 sollte ursprünglich Schluss sein. Der „Förderverein Kinderheim Malachowa in Tutajev/​Russland e.V.“ hatte seine größte Aufgabe bewältigt und die Situation der Waisenkinder in Tutajev grundlegend verändert. Aber dann wurde Ende 2008 deutlich, dass die Wirtschaftskrise überwunden geglaubte Not zurückgebracht hat. Bereits im Januar berichtete Irmhild Betz-​Haberstock, dass der größte Arbeitgeber Tutajevs, ein Motorenwerk, mittlerweile nicht mehr 12 000, sondern nur noch 4000 Mitarbeiter hat, zudem allesamt in Kurzarbeit. Als sie jüngst von einer weiteren Reise zurückkam, musste sie diese Zahl noch einmal halbieren: Allein diese Firma habe mittlerweile 10 000 Beschäftigte entlassen.
Ohnehin gekürzte Löhne und Gehälter, etwa der Lehrer, seien zum Teil seit Monaten nicht mehr ausbezahlt worden. Privatleute könnten die für den Ankauf eines Kühlschranks oder einer Waschmaschine aufgenommenen Kredite nicht länger abzahlen und seien völlig verschuldet. Es ist existenzielle Not, von der Betz-​Haberstock berichtet; die Rezession hat die rund 350 Kilometer von Moskau entfernte Stadt voll erwischt. Es fehlt an Kleidung, Nahrungsmitteln Arznei, eigentlich an allem, in diesem Land, das zwar unvorstellbaren Reichtum kennt, aber keine Solidargemeinschaft. Vor diesem Hintergrund ist es den Waldstettern um so wichtiger, den Hilfstransport nun endlich auf den Weg zu bringen.
Derzeit scheint schief zu gehen, was immer schief gehen kann; auch die versprochene Unterstützung der technischen Universität Stuttgart beim Bau des „Freundschaftshauses“ bleibt aus; die Helfer müssen sehen, wie sie alleine zurechtkommen. Und siehe da, es tun sich neue Möglichkeiten – und Fördertöpfe – auf. Vom 30. Juli bis zum 10. August sind 13 mindestens 16 Jahre alte Jugendliche und zwei – möglichst handwerklich begabte – Erwachsene nach Tutajev eingeladen. Gemeinsam mit jungen Leuten dort will man am Freundschaftshaus arbeiten; eine Brunnenüberdachung soll entstehen zudem ein kleiner Anbau, der als Provisorium dient, bis im nächsten Jahr ein Geräteschuppen gebaut werden kann; alternativ kann das letzte vorhandene Holzhaus des Kinderheims umgebaut, beziehungsweise mit einer überdachten Veranda versehen werden. Betz-​Haberstock rechnet mit Kosten in Höhe von 200 Euro pro Person; in Russland entstünden keine Kosten; geplant ist nicht nur das gemeinsame Arbeiten und Feiern, sondern auch ein Ausflug samt Schifffahrt sowie zwei Tage, also 11. und 12. August, in Moskau.
Eben solche Gelegenheiten und Treffen für junge Leute hatten die Vereinsgründer um Gebhard Betz im Sinn: Wer sich kennt, so der Ansatz, tut sich viel schwerer, aufeinander zu schießen.
Wie schön Russland ist, wie herzlich die Menschen, hat Irmhild Betz-​Haberstock bei ihrer jüngsten, wie immer privat bezahlten Reise erlebt, als russische Jugendliche deutsche Lieder sangen, ein weiterer Briefaustausch vollzogen wurde – in Deutschland helfen junge Russlanddeutsche beim Übersetzen, was wiederum neue Kontakte schafft – und eine deutsch-​russische Nadelbaum-​Allee gepflanzt wurde. Für Menschen, die im Winter kein Grün kennen und sich das wünschen.

Wer Interesse hat an der Russlandreise vom 30. Juli bis 12. August erhält weitere Informationen bei Irmhild Betz-​Haberstock unter der Telefonnummer 07478/​913113.

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