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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

„Unser Traum wird weitergehen“

Es wurde nicht viel geredet beim Aktionstag für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Es wurde gefeiert und gelacht auf dem Johannisplatz. Dennoch wurde deutlich gemacht, dass es in Gmünd hinsichtlich der Behindertenarbeit noch viel zu tun gibt. Von Nicole Beuther

Mittwoch, 06. Mai 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
1 Minute 59 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND. Der Meinung ist auch Oberbürgermeister Wolfgang Leidig, der sich des Nachholbedarfs hinsichtlich der Behindertenarbeit in Gmünd bewusst ist, wie er zu verstehen gab. Ob Aufzüge oder gemeinsame Schulklassen — „Wir müssen noch mehr tun“, so Leidig. Es müsse völlig normal sein, dass sich alle Menschen gemeinsam durch die Stadt bewegten. Die Stadt Schwäbisch Gmünd gebe sich zwar viel Mühe, so Ralf Tödter, Schulleiter der Martinusschule. Dennoch müsse es ein Ziel sein, alle Einrichtungen behindertengerecht zu gestalten. Marianne Sachsenmaier, Lehrerin an der Martinusschule, machte am Beispiel eines Schwimmbadbesuches mit ihrer Klasse deutlich, wie schwer es für Menschen mit Behinderung ist, den Alltag so zu leben wie Menschen ohne Behinderung. Immer freitags besuche sie mit ihrer Schulklasse das Gmünder Hallenbad.
Nur mit der großen Unterstützung von Lehrern und Eltern sei es einigen Schülern überhaupt möglich, sich dem nassen Vergnügen hinzugeben, nicht zu vergessen sind die, die ob der lückenhaften Ausstattung erst gar nicht die Möglichkeit haben, das Hallenbad zu besuchen. Dabei sei die psychologische und therapeutische Wirkung des Wassers gerade bei Menschen mit Behinderung sehr groß, so Marianne Sachsenmaier weiter. Und die Mutter eine Kindes mit Behinderung ergänzte: „In den Umkleidekabinen ist es sehr eng. Zudem habe ich keine Liege, auf der ich mein Kind umziehen und duschen kann.“ Es sei noch einiges zu tun in Schwäbisch Gmünd. Neben einer größeren Umkleidekabine sei auch ein Patientenlifter eine unabdingbare Anschaffung. Denn manchen Badefreunden sei es nur dadurch möglich, ins Schwimmbecken zu gelangen. Dennoch wurde gestern nicht Trübsal geblasen.
Der Tiramisu-​Chor (Klosterbergschule) sang zu der Melodie von Abbas „Mamma Mia“: „Unser Traum wird weitergehen, wenn wir alle zusammenstehen.“ Und während draußen gesungen wurde, es waren auch einige andere Schulbands zu Gast, saß Anneliese Haberkorn im Refektorium des Predigers und trank Kaffee. Kuchen gab es auch — doch Haberkorn gab sich mit ihrem Kaffee zufrieden. Nicht, dass sie zu faul war, um zum Kuchenbüfett zu gehen — nein, sie hatte Angst. Angst, ihren Platz nicht mehr zu finden. Denn allein das, erklärte sie später, sei schon schwierig genug gewesen.
Verständlich, denn Haberkorn befand sich im Dunkelcafé, welches von der „Bezirksgruppe Ostalb des Blinden– und Sehbehindertenverbandes-​Ost Baden-​Württemberg“ im Refektorium eingerichtet wurde. Mit einem Blindenstock ausgestattet, ging es zunächst zu den Tischen. Darauf standen Teller, Tassen und Kaffeekannen, berichtet Daniele Di Cicco. Den Kaffee einzuschenken, war das erste Kunststück.
Mit dem Finger in der Tasse habe er die erforderliche Menge des Koffeingetränks ertastet, so der 32-​Jährige, der von einer interessanten Erfahrung sprach. Irgendwann habe eine Frau gerufen, dass es Brezeln und Kuchen gebe. Daniele Di Cicco nahm seinen Blindenstock und folgte der Stimme — die einzige Möglichkeit, zu seiner Brezel zu gelangen.

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