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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

„Ich übe so lange, bis ich meiner Frau beim Geschirrspülen helfen kann“

39 Jahre musste Ibrahim Sevindik aus Schwäbisch Gmünd mit einer Kunstprothese leben. Seit dem vergangenen Jahr nun hat der 67-​Jährige eine elektrische Armprothese. Von Nicole Beuther

Samstag, 09. Mai 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 25 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND. Immer wiederkehrende Schwindelanfälle veranlassten Ibrahim Sevindik vor rund einem Jahr dazu, das Gmünder Sanitätshaus Leicht aufzusuchen — ein Rollator sollte ihn davor bewahren, zu Boden zu fallen. Heute, einige Monate später hat der Türke ein völlig neues Lebensgefühl.
Nicht etwa wegen einer Gehhilfe, die besitzt er nämlich bis heute nicht, sondern wegen seiner elektrischen Armprothese. In diesem Zusammenhang den Rollator zu nennen, mag auf den ersten Blick verwirrend erscheinen, doch hätte der 67-​Jährige nie eine Gehhilfe beantragt, dann müsste er vermutlich, wie schon die vielen Jahren zuvor, für den Rest seines Lebens damit klarkommen, nur mit einem Arm den Alltag zu meistern.
In wenigen Monaten jährt sich das schreckliche Erlebnis, das Ibrahim Sevindik widerfahren ist, zum 39. Mal. Wie jeden Tag arbeitet er auch an diesem besagten Tag, dem 11. August 1970, im Gießereibereich einer Gmünder Druckgussfirma. Beim Betätigen einer Maschine passiert das schreckliche Unglück. Ein Defekt führt dazu, dass die Maschine nicht stoppt und Sevindik seinen Arm einklemmt. Wohl kaum einer wird die Schmerzen nachempfinden können, die der türkischstämmige Mann in diesem Augenblick verspürte. Noch am selben Tag wurde der Arm amputiert. Sieben Operationen folgten.
15 Jahre, so erzählt Sevindik heute, habe er gebraucht, um das, was sich innerhalb von wenigen Stunden ereignete, zu verarbeiten. Rund ein Jahr war er arbeitsunfähig. Dann bekam er seine erste Arm-​Prothese, die allerdings nur zu kosmetischen Zwecken diente. Der in Gmünd lebende Mann ließ den Kopf nicht hängen und versuchte auch beruflich wieder Fuß zu fassen. Zunächst arbeitete er als Staplerfahrer in seinem bisherigen Betrieb. Es folgten Jahre der Arbeitslosigkeit und der Neuorientierung, unter anderem arbeitete Sevindik als Gastwirt. Seine Familie, er hat sechs Kinder und 15 Enkelkinder, sei ihm in all den Jahren eine große Hilfe gewesen, erzählt er.
Als er im Sommer des vergangenen Jahres in das Sanitätshaus Leicht ging, um den besagten Rollator zu holen, folgte zunächst eine weitere Enttäuschung. Die Gehhilfe, so erfuhr der Mann, kann mit einer künstlichen Armprothese nicht betätigt werden. Mit einer elektrischen Armprothese sei dies durchaus möglich, erklärte Michael Leicht, Inhaber des Sanitätshauses, dem Kunden, der zunächst etwas verdutzt war, hatte er sich doch schon in der Vergangenheit bei einigen Sanitätshäusern nach dieser Armprothese erkundigt. „Das geht bei ihnen nicht“, habe er als Antwort bekommen, erinnert sich Sevindik zurück. Im Spätsommer des vergangenen Jahres wusste der 67-​Jährige: „Es geht!“ Zuvor durfte er zwei Tage lang eine elektrische Armprothese „probetragen“.
Ende des Jahres war es dann soweit: Ibrahim Sevindik bekam seine eigene, elektrische Armprothese. Er strahlt, wenn er an diesen Moment zurückdenkt. Kein Wunder: 38 Jahre lang konnte er, wenn er etwas greifen wollte, dies lediglich mit der linken Hand tun. Heute kann er mit „seiner“ Hand eine Kaffeetasse umklammern oder auch eine Zeitung halten. Einfach ist das jedoch nicht — ist er aufgeregt, dann kann es durchaus sein, dass sich die Hand nicht bewegt.
Denn die sogenannten „Myo-​Elektrischen Armprothesen“ werden durch elektrische Muskelimpulse gesteuert: Durch die Kontraktion des Muskels entsteht eine elektrische Spannung auf der Haut. Diese wird zum Steuern der Prothesen genutzt. Schmunzelnd erinnert sich Ibrahim Sevindik an den Tag zurück, als er seinen Kumpels voller Stolz den neuen Arm präsentieren wollte. Die Nervosität sei größer gewesen — die Hand somit bewegungsunfähig. „Ich übe so lange, bis ich meiner Frau beim Geschirr spülen helfen kann“, gibt sich Sevindik kämpferisch und bewegt stolz die Hand.

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