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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Streik der Beschäftigten im Sozial– und Erziehungsdienst vor dem Prediger

Wenn es darum geht, die Missstände und Miseren in den Berufsfeldern von sozialen und erziehenden Einrichtungen auf den Punkt zu bringen, sind die Streikenden genauso plakativ wie die meisten Politiker. Auch in Gmünd blieben viele Kindergärten geschlossen, weil sich die Erzieherinnen wie „ein Dessous“ fühlen – Spitzenqualität für einen Hauch von Nichts. Von Giovanni Deriu

Donnerstag, 18. Juni 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 25 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND. Alles andere als „sexy“ finden die Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen und Sozialarbeiter, die sich gestern Vormittag um zehn zum Streik und zur kleinen Kundgebung vor dem Prediger auf dem Johannisplatz trafen, die derzeitigen Arbeitsbedingungen in den öffentlichen Einrichtungen, insbesondere, den Kindertagesstätten. Ganz zu schweigen von den daraus resultierenden gesundheitlichen Einschränkungen, und der „echt miesen Bezahlung“ für wichtige Erziehungs– und Bildungs-​Dienste in der Gesellschaft, wie es Marie Winkler, die Geschäftsführerin des ver.di– Bezirk Ostwürttemberg und Ulm, sachlich, aber lautstark formulierte.
Die knapp 100 Erzieherinnen (vereinzelt auch männliche Erzieher und Sozialarbeiter) hatten für einen Tag ihre Arbeit niedergelegt, was aber nicht „allen leicht fällt“, denn sie würden ja gern ihrer Arbeit nachgehen, wie beispielsweise Petra Liebert, seit 25 Jahren als Erzieherin tätig, und Leiterin des städtischen Kindergartens in Zimmern. Es gehe einfach darum, ein Zeichen zu setzen. Sie selbst sehe sich schon als „bisschen privilegiert“, weil derzeit nur an die zehn Kinder zu beaufsichtigen und betreuen wären. Aber Liebert hatte auch schon mit mehr als 30 Kindern zu tun. Davon können Erzieherinnen bundesweit, aber auch im Raum Gmünd ein Lied singen. Ver.di-Sprecherin Marie Winkler untermauerte: „Es sieht so aus, dass auf Einskommafünf Erzieherinnen 28 und noch mehr Kinder kommen …“, noch Fragen?
Keine Frage auch für die Erzieherinnen in Ausbildung, Jessica Koziol (17) und ihre 20-​jährige Kollegin Leyla König, beide im Kinderhaus „Kunterbunt“ nah der Rauchbeinschule in Gmünd tätig, an der „Demo“ dabei zu sein. Mit der „ganzen Einrichtung“ nahmen sie teil, so Leyla König, und beide angehenden Erzieherinnen waren sich einig: „Die meisten Eltern sind auf unserer Seite“, schließlich gehe es auch um deren Kinder. Und, das Beste für die Kleinen, sei manchmal gerade einmal „gut genug“. Das hob auch die Gewerkschaftsbeauftragte, Marie Winkler, hervor, die „Kindergärten“, so die Expertin, seien keine „einfachen Betreuungsstätten mehr“, sondern „fast schon kleine Bildungseinrichtungen“, in denen die Weichen für die Zukunft der Kinder gelegt würden. „Bildung“, so Winkler weiter, beginne eben nicht erst in der Uni, sondern „bereits im Kindergarten“. Volltreffer – Tröten und Trillerpfeifen der Kindergärtnerinnen ertönten.
Bildung bereits im Kindesalter „spielerisch zu vermitteln“ sei nicht einfach, gehöre aber zum neuen Bildungsplan für die „Kita’s in Baden-​Württemberg“. Nur die Arbeitgeber-​Vertreter würden das „nicht kapieren“, spitzte Winkler zu. Dieser Plan beinhalte auch die Forderung, dass das Betreuungspersonal den Kindern mehr vermitteln solle (natürlich spielerisch), und dass alle (Fort-​) Schritte auch „dokumentiert werden müssen“. Dadurch würde aber auch die Bürokratie im Kindergarten zu nehmen. Wie solle das bitteschön gehen, fragte Winkler rhetorisch in Richtung Kommunen, und nach Berlin, wo der Verband der Arbeitgeber für gestern Abend noch ein verbessertes Angebot für eine Eingruppierung vorlegen woll(t)e. Darin müsse aber alles enthalten sein, so die Forderung der bundesweit Streikenden (fast 90 Prozent haben die Proteste abgesegnet). Eine höhere Eingruppierung der Beschäftigten, Verbesserungen in den Arbeitszeiten (einhergehend auch mit mehr Personal), sowie ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein und mehr Arbeitsschutz. Wären soziale Berufe Lebensmittel, zog Winkler einen Vergleich, müssten diese mit „Warnhinweisen“ etikettiert werden. Absolut gesundheitsschädlich. Rückenschmerzen und Burn-​Out, durch viel Lärm und Stress. Sollten die Arbeitgeber nur „ein Scheinangebot“ vorlegen, werde weiter gestreikt, und Gmünds Einrichtungen wären auch betroffen, darin sind sich auf Seiten der Arbeitnehmer alle sicher. „Arbeitgeber reagieren nur auf Druck.“

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