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Europäische Kirchenmusik /​Oxalys im Franziskanerinnen-​Kloster

Die Klosterkapelle der Franziskanerinnen war ausverkauft — ein gutes Omen für das Konzert von Oxalys. Oder zog nur die selten gehörte „exotische“ Zusammensetzung so?

Donnerstag, 30. Juli 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 51 Sekunden Lesedauer

KONZERT (-ry). Toon Freet (Querflöte), Elisabeth Smalt (Bratsche) und Annie Lavoisier (Harfe) bestritten ein Programm ausschließlich zeitgenössischer Werke: drei für die komplette Besetzung, je eins pro Instrument solistisch und eins für die große (Alt-)Querflöte und Harfe — Grund genug, gespannt zu sein auf Werke und Interpreten. Diese waren überaus sympathische und engagierte Musiker, deren Hingabe zuweilen ein Martyrium für die Instrumente bedeuteten, wurden diese doch bis an die Grenze physikalischer Belastbarkeit malträtiert. Das galt auch für die Zuhörer, in deren Ohren solche Eruptionen, Sforzati und extremen Frequenzen bis an die Schmerzgrenze reichten.
Kamen alle Komponisten von der Avantgarde her, so blieben ihr manche verhaftet, andere hatten sich weiter– oder wieder zurückentwickelt, frei nach dem Bekenntnis Krzysztof Pendereckis auf die provozierende Frage eines Zeitgenossen hin, warum er heute nicht mehr avantgardistisch komponiere: Er habe alles gesagt, was es (da) zu sagen gebe. Von Toru Takemtsu gab es zwei Beispiele: „And then I knew ‘t was wind“ (Dann wusste ich, es war Wind) für alle drei Instrumente und „Towards the sea“ (Dem Meer entgegen) für Altflöte und Harfe.
Im ersten Werk spürte man noch ganz das Verhaftetsein der Avantgarde gegenüber: viele Einzelgedanken über der Kontinuität der Harfe (Arpeggien und Ostinati) durch Flöte und Viola (Tremolandi, glatte Tongebung und warmes Vibrato). Sowohl die Trioformation als auch inhaltliche und stilistische Verwandtschaft ließen den Bezugsträger erahnen: Claude Debussy, der in „La mer“ bereits einen impressionistischen Dialog zwischen Wind und Meer zeichnete. Natürlich drängte sich auch die biblische Weisheit in Kohelet 12,8 oder 1. Könige 19,12 auf. Zum Assoziieren lud die Musik allemal ein, eben auch wegen der Hingabe der Musizierenden.
Das zweite Werk des Japaners trug der Idee noch expressiver Rechnung: In drei Sätzen hörte man förmlich wechselnde Wellen in Harfenbewegung und Flötenorgelpunkten, enormer Steigerung zu Flötentremolandi mit Echos und einem „sterbenden“ Ausklang (morendo). Der tiefere und voluminösere Ton der Altschwester der Flöte hat etwas von der Melancholie des Englischhorns, nur eben luftiger, schwebender. Heinz Holligers „Sequenzen über Johannes 1,32 („Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.“) und Hans Zenders „Lo-​Shu II (Mondschrift), das erste für Harfe, das zweite für Flöte solo nahm man als „lupenreine“ Avantgarde wahr: sattsam willkürliche Punkte, die sich statt einer Melodiegestalt eher als eine Addition von Tönen, Effekten und umfassendem Entlocken aller nur möglichen Laute, Schläge und Geräusche darstellten.
Bei enormem Aufwand eine Musik, die eindeutig dem Experimentellen geschuldet ist und zu der man sich manches denken kann, nur kaum die Titelvorgabe. Wer damit zufrieden ist, kam allein schon wegen des (oft halsbrecherischen) Einsatzes der Künstler voll auf seine Kosten. Ob aber diese Stücke im Sieb der Nachhaltigkeit verbleiben oder durchfallen werden, wird die Zukunft erweisen. Allzu oft drängt sich der Vergleich zu „Des Kaisers neue Kleider“ auf. Dennoch ist es völlig legitim, dass die EKM diese Epoche vergangener Avantgarde zu Gehör bringt und eine Debatte darüber auslöst.
Von den Soli überzeugte dagegen die Bratschenkomposition Igor Strawinskijs auf ihre intime Weise. Seine „Elégie“ (1944) entsprach vollends dem Titel in einer farbigen Stimmführung eines Zwiegsangs, mit Dämpfer emotional zelebriert.
Nach der Pause kam mit „Garten von Freuden und Traurigkeiten (1980) zum zweiten Mal innerhalb des diesjährigen Festivalprogramms die EKM-​Preisträgerin Sofia Gubaidulina musikalisch „zu Wort“. Ihre einfühlsame Spiritualität ist durch alle avantgardistische Annäherung hindurch stets präsent. Die dialektischen Brennpunkte der instrumentalen „Ellipse“, Freude und Traurigkeit, fanden viele Entsprechungen mittels Flötentrillern, Harfenglissandi, Bratschen-​Flageolett, einem durch die Saiten der Harfe gezogenen Dämpferschal (gleich dem Lautenzug beim Cembalo), einer ungeheuren Steigerung bis zum Da capo (A’) der dreiteiligen Form. Schließlich „New Gates“ (Neue Tore) von Kalja Saariaho. Die 1955 geborene Finnin entsprach — so schloss sich der Kreis — ganz dem avantgardistischen Muster (oder sollte man sagen: Klischee?): eine ekstatische Steigerung der Effekte, zuweilen echte Nervensäge, schrill, hart, quasi die Summe aus Holiger und Zender.
Nach solch anspruchsvollem Abendauftritt gab es zu Recht keine Zugabe. Die Künstler hatten sich bis zur Erschöpfung verausgabt. Kompliment für deren Leistung! Das Publikum applaudierte respektvoll.

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