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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Staatssekretärin Caspers-​Merk besucht die Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd mit einem neuen Konzept

Dass in Gmünd „Sextouristen“ und Prostitution die größte Gefahrenquelle darstellen, erstaunte sie. Vor allem aber war Marion Caspers-​Merk, Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, beim Besuch der Aids-​Hilfe „sehr beeindruckt von dem extrem guten Eindruck, den sie hier machen“.

Freitag, 31. Juli 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 56 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Kurz nach der 169. nahm die Aids-​Hilfe Schwäbisch Gmünd jüngst die 170. Klientin auf – eine 50jährige Frau. Die Ehrenamtlichen nennen infiziert heimkehrende Sextouristen ihr größtes Problem; die „sprunghaft ansteigende“ Zahl der Telefonberatungen zeuge von einer sich im ganzen Land verschärfenden Problematik. Einmal wurden 35 telefonische Hilferufe an einem Tag angenommen: „70 Prozent hatten ungeschützten Verkehr mit einer nicht angemeldeten, höchst unprofessionell arbeitenden Prostituierten“ – Moser nennt diese Frauen, die sich „ein bisschen was dazu verdienen“, Hausfrauenprostituierte; seit Jahren sei das eine enorme Bedrohung. Und ebenfalls seit Jahren werde nie so oft angerufen wie am frühen Sonntagmorgen zwischen 4 und 11 Uhr, wenn heimkehrenden Disko-​Nachtschwärmern bewusst werde, in welche Gefahr sie sich gebracht haben. Einigermaßen erstaunt studierte Caspers-​Merk gestern Abend die Gmünder Zahlen, die Angaben über Betroffene und über Entwicklungen. Die vor allem in großen Städten arbeitenden Aids-​Hilfen nennen schwule Männer die Hauptbetroffenen. In Gmünd, so Joschi Moser, Vorsitzender der Aids-​Hilfe, gebe es in diesem Bereich relativ wenig Risikoverhalten. Damit dies so bleibt, haben sich die Gmünder dem für ganz Baden-​Württemberg konzipierten Präventionsprojekt „Gentle Man“ angeschlossen. Ziel des neuen Ansatzes ist es, den deutlich gestiegenen Zahlen der Neuinfektionen mit HIV insbesondere in einer Zielgruppe zu begegnen, die MSM genannt wird. Das bedeutet „Männer, die Sex mit Männern haben“; offenbar haben insbesondere Migranten sowie bisexuelle Männer mit dem Begriff „schwul“ ein Problem. Federführend ist die Aids-​Hilfe in Freiburg, in der Caspers-​Merk als Beirätin engagiert ist. Die Gmünder waren die ersten, die ihre Teilnahme zugesagt haben, auch das wurde von der Staatssekretärin gestern honoriert. „Gentle Man“ ist mit einer Intensivierung der Präventionsarbeit verbunden, gleichzeitig soll über andere sexuell übertragbare Erkrankungen informiert werden. „Gentle Man“ geht Hand in Hand mit einer bundesweiten Präventionskampagne der Deutschen Aids-​Hilfe, ebenfalls für MSM konzipiert: „Ich weiß, was ich tu!“ Für Joschi Moser ist besonders ein Aspekt des neuen Ansatzes wichtig: „Wir können jetzt Material verteilen, das hierher passt“. Bislang hätten die Flyer etc. „für Berlin-​Mitte gepasst“, „hatten allzu oft einen Touch ins Pornographische“. Begrüßt wird auch die gezielte Ausweitung der Präventionsarbeit. Moser und Mitstreiter Volker Kujawski, die die Aids-​Hilfe in Gmünd vor 14 Jahren auf den Weg gebracht und zu dem gemacht haben, was sie heute ist, sehen einen Trend der Aids-​Hilfen hin zu Agenturen für sexuelle Gesundheit. Das begleitende Werbematerial soll am morgigen Samstag beim Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Bundestagsabgeordneter Christian Lange fand, diese Aids-​Hilfe mit ihren engagierten und hervorragend ausgebildeten Ehrenamtlichen passe in eine Stadt, die sich als Gesundheitsstadt definiere: „Dank und Kompliment“. Marion Caspers-​Merk nannte Infektionen, die beim Sex übertragen werden, einen Kernbereich „unserer Arbeit“ im Bundesministerium für Gesundheit. Mit gutem Grund würden die Gelder hier nicht gekürzt, sondern erhöht. Auf Mosers „Berlin-Mitte“-Kritik angesprochen lächelte Caspers-​Merk gestern: „Ich komme auch aus dem Ländle“; als ihr die neue Kampagne vorgelegt wurde, habe sie angeordnet, die Reaktionen der Menschen darauf gründlich zu testen. Und daraus sei nun die vorliegende Version geworden, die überall und einhellig akzeptiert werde.
Unter den 13 Aids-​Hilfen in Baden-​Württemberg, so Caspers-​Merk, sei die Gmünder die einzige, die ausschließlich ehrenamtlich arbeite, die am Wochenende und überhaupt rund um die Uhr Beratung anbiete: „Ihnen ist ihre Arbeit Herzensanliegen, und es gelingt ihnen, ein betroffenenorientiertes Konzept in die Praxis umzusetzen“. Die Bundespolitikerin verwies aber auch auf die steigende Zahl der Betroffenen und das schwindende Wissen um Aids und das HI-​Virus. Dass Aids heute in Deutschland aufgrund der sehr teuren Medikamente nicht zwangsläufig zum Tod führe – vor allem die Folgen dieser Medikamente seien heute tödlich –, habe Aids viel von seiner Bedrohlichkeit genommen, ebenso die Diskussionen über einen Impfstoff: „Aber davon sind wir weit entfernt; Prävention ist das einzige, was wir tun können“.
Caspers-​Merk erklärte, wie über den unverfänglicheren MSM-​Ansatz unter anderem Muslime für dieses „tabubehaftete Thema“ sensibilisiert werden können – und müssen. Sie bedauerte, wie alle Anwesenden, „dass Baden-​Württemberg seit 1995 die Mittel für die Aids-​Hilfen nicht erhöht“ habe, was faktisch eine Verringerung sei: „Bayern zahlt zehnmal mehr“. Mit dem Risiko, sich zu infizieren, müssten auch die Mittel wachsen.

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