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Professionelle Ausbildung für die Seilklettertechnik zum Einsatz in der Baumpflege

Unwillkürlich denkt man an Tarzan, der sich an Lianen von einem Baumriesen zum nächsten hangelt. Mit Urwaldabenteuer oder Sport hat der Kletterkurs in einer alten Buche im Garten der Villa Spießhofer allerdings nichts zu tun. Geschult werden dort Spezialisten, die mit Hilfe der Seilklettertechnik Bäume pflegen oder störende Äste entfernen. Von Gerold Bauer

Freitag, 28. August 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
3 Minuten Lesedauer

HEUBACH. In den letzten Jahren hat sich die Seilklettertechnik auch in Deutschland in der Baumpflege etabliert. Denn nicht immer können die Fachleute mit einer fahrbaren Hebebühne oder mit langen Leitern sicher dorthin gelangen, wo der Einsatz einer Hand– oder Motorsäge erforderlich ist. In steilen Hanglagen etwa oder in eng bebauten Bereichen.
Nicht selten wurden beim Hausbau Bäumchen gepflanzt — und Jahrzehnte später, wenn die Hausbesitzer schon das Rentenalter erreicht haben, ist daraus ein Baumriese geworden, der mit elektrischen Leitungen in Konflikt kommt, den Garten komplett beschattet oder soviel Laub abwirft, dass die Bewohner nicht mehr damit fertig werden. Würde man so einen Baum auf konventionelle Weise einfach unten absägen, würde der fallende Stamm den Wintergarten und den Zaun platt machen oder Gebäude schwer beschädigen. Dann sind jene Profis gefragt, die mit Hilfe ihrer Spezialausrüstung sicher bis in die schwindelerregende Höhen klettern und dort mit der Säge einen großen Baum Ast für Ast so zerlegen können, dass kein Schaden durch herabfallende „Trümmer“ entsteht.
Michael Rühl aus Nürnberg ist selbstständiger Baumpfleger und Ausbilder für Seilklettertechnik im Auftrag der Münchner Kletterschule. Auch wenn an einem Kirchturm ein Dachziegel locker ist, sind die Fähigkeiten des ehemaligen Sportkletterers gefragt. Man spricht im Fachjargon von „seilunterstützten Höhenarbeiten“. Und Rühl warnt aus Erfahrung davor, als Laie leichtfertig solche Jobs auszuführen, nur weil man vielleicht schwindelfrei ist und mal ein paar Stunden an einem Felsen geklettert ist.
Eine ältere Dame, die sich ein Angebot vom Profi geholt hatte, habe aus Kostengründen abgesagt, weil sich ihr Enkel angeboten habe, den Baum selbst zu fällen, erzählt Rühl ein besonders tragisches Beispiel. Der Baum wurde am Ende doch vom Fachmann gefällt, weil der Enkel trotz seiner Erfahrung im Sportklettern bei dieser Arbeit abgestürzt war und sich tödlich verletzt hatte. Sich einfach eine stabile Schnur um den Bauch zu binden oder auf einer wackeligen Leiter mit der Motorsäge in der Hand zu balancieren, sollte also tunlichst unterbleiben.
Dies bestätigt auch Reiner Dressler, Inhaber eines Gartenbau– und Gartenpflegebetriebs in Heuchlingen. „Wir haben solche riskanten Aktionen früher auch gemacht und waren hinterher jedesmal heilfroh, dass nichts passiert ist“, begründet der gelernte Landschaftsgärtner, warum er selbst und seine Mitarbeiter nun die Seilkletter-​Ausbildung absolvieren. Der Unternehmer hat sich mit der ebenfalls in Heuchlingen ansässigen und auf Forst– und Gartenservice spezialisierten Firma SKS zusammen getan, um einen Kurs vor Ort zu realisieren. In Michael Pohl, der zusammen mit zwei Partnern das Demenz-​Zentrum in der Villa Spießhofer betreibt, fanden die Heuchlinger einen aufgeschlossenen Grundstücksbesitzer, der seinen Garten für diese Spezialausbildung zur Verfügung stellte.
Dort gibt es zum Beispiel eine uralte Buche, die ideal als Kletterbaum geeignet ist. So konnte der Heuchlinger Dennis Stäb – von Haus aus gelernter Formenbauer, aber durch zahlreiche Fortbildungen nun im „grünen Gewerbe“ ebenso versiert – auch für seine Spezialeinsätze auf Eichen trainieren. Denn die kleine Firma, die er zusammen mit Bernd Stäb und Patrick Klotzbücher als Nebengewerbe betreibt, zählt zu den wenigen in der Region, die dem gefürchteten Eichenprozessionsspinner fachgerecht den Garaus machen können – zum Beispiel als Dienstleiter für Städte und Gemeinden.
Die Münchner Kletterschule hat mehr als zwei Dutzend Ausbilder, die über das gesamte Bundesgebiet verteilt sind und in der Regel an ihren Standorten als selbständige Unternehmer oder Angestellte von Fachfirmen arbeiten. Zum Kursprogramm gehören neben dem Klettern auch die Unterweisung in Arbeitssicherheit und rechtlichen Grundlagen sowie fachliche Inhalte wie Obstbaumschnitt, Baumbeurteilung und Kronensicherung. Wer die Ausbildungen erfolgreich absolviert, kann national oder international anerkannte Qualifikationen erwerben.
Auch beim Kurs im Garten der Villa Spießhofer wird von Michael Rühl weit mehr vermittelt als der sichere Auf– und Abstieg mit Hilfe von Seilen. Wenn die Grundlagen des Kletterns erlernt sind, geht es darum, wie man in luftiger Höhe auch mit einer Motorsäge arbeiten kann, ohne sich dabei zu verletzen. Da Holz nicht selten unter Spannung steht und plötzlich „Schnalzen“ kann, ist da besondere Vorsicht angebracht. Und das Seil, an dem man hängt, sollte auch nicht versehentlich durchtrennt werden.
Da bei aller Vorsicht trotzdem immer wieder Unfälle passieren, vermittelt Michael Rühl seinen Kletterschülern auch noch die Grundlagen der Höhenrettung, sprich wie man einen Verletzten richtig abseilt. Damit in solchen Fällen schnell qualifizierte Hilfe erfolgen kann, ist es Vorschrift, dass keiner allein solche Jobs macht, sondern mindestens zwei zertifizierte Kletterer am Einsatzort sind.

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