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Landesausstellung „Eiszeit. Kunst und Kultur“ in Stuttgarts Stadtmitte zeigt auch die am Rosenstein gefundene schwarze Steinfigur

Die Elfenbeinvenus vom „Hohlen Fels“ wird zum allerersten Mal überhaupt gezeigt, und das Heubacher Gagat-​figürle war auch 86 Jahre lang lediglich als Kopie, Zeichnung oder Foto zu sehen. Anderes war zwar zu bewundern, aber eben in Ulm, Tübingen, Blaubeuren, wo auch immer. Von Birgit Trinkle

Mittwoch, 02. September 2009
Rems-Zeitung, Redaktion
5 Minuten Lesedauer

Frau Fröhlich von dr Alb ra“ haben sie sie dem Vernehmen nach genannt, um ja nichts nach außen dringen zu lassen von diesem Sensationsfund. Erst durch die Veröffentlichung in der Fachzeitschrift „Nature“ und unmittelbar danach in der ersten Pressekonferenz wurde sie beim Namen genannt: Die Venus vom Hohlen Felsen. Gerade mal sechs Zentimeter hoch, steht sie für eine gigantische Entwicklungsstufe des Homo Sapiens, des ersten anatomisch modernen Menschen in Europa; diese Venus ist fünf– bis siebentausend Jahren vor all den anderen Venusfiguren in Europa entstanden.
Wieder ein Fundstück, das Wissenschaftsgeschichte schrieb und gleichzeitig Menschen überall auf der Welt faszinierte. Und wieder hatte man es auf der Schwäbischen Alb gefunden. Die Große Landesausstellung „Eiszeit. Kunst und Kultur“, die ab dem 18. September im Kunstgebäude am Stuttgarter Schlossplatz zu sehen ist, schafft es nun endlich, all die spektakulären Funde der vergangenen Jahre zusammenzuführen, ansprechend zu verpacken und den Menschen hier zu zeigen — die allen Grund haben, dieses Erbe wert zu schätzen.
Nicht nur die mit großem Abstand ältesten Kunstwerke der Menschheit, auch die ältesten Musikinstrumente sind auf der Schwäbischen Alb entstanden; kein Wunder, dass in den vergangenen Monaten Begriffe wie „Innovationszentrum“ benutzt wurden, und der Landrat sich in seinem „Talente und Patente“-Stolz bestätigt und bestärkt sieht.
Eine Frage, die vor allen anderen bewegt: Warum ausgerechnet in dieser Zeit und an diesem Ort? Irgendetwas ist passiert mit den Menschen, die vor rund 40 000 Jahren aus dem Donauraum hierherkamen, mit Sicherheit auf Neandertaler trafen und damit Begegnungen mit „Fremden“ erlebten, wie es sie danach nie wieder gab. Wie muss dieses Aufeinandertreffen die ersten modernen Menschen in ihrem Selbstverständnis getroffen und unter Druck gesetzt haben! Dazu kommen die extremen Klimaschwankungen, das Gefühl, der Dunkelheit und der Kälte, dem Hunger und der Angst ausgeliefert zu sein.
Die vor so vielen Jahren in den Höhlen der Schwäbischen Alb tüftelnden Cleverle haben überlebt. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Das ist ihr größtes Verdienst. Unter diesen Bedingungen wurden mit neuen Materialien neue Jagdtechniken entwickelt, aber eben auch Bildende Kunst und Musik erfunden, was nicht unbedingt mit Überleben zu tun hat. Sämtliche Arbeiten dieser Vorfahren stehen für kulturellen Wandel in bis dato unvorstellbarer kurzen Zeiträumen — weil’s davor in Zehntausenden, ja Hunderttausenden von Jahren Stillstand gegeben hatte.
Bekannt geworden ist die Vogelherdhöhle; aus dem Schutt vor der Höhle stammt das einzige vollständig erhaltene Kleinkunstwerk des dieser „Aurignacien“ genannten Epoche, eine Mammutfigur aus Elfenbein, die die ursprünglichen Ausgräber übersehen hatten. Außerdem der ebenfalls im Lonetal liegende Hohlenstein-​Stadel oder die Gegend um Blaubeuren mit dem Hohlen Fels und dem Geißenklösterle. Nicholas Conard, der prähistorische Archäologe, der durch die Entdeckung dieser Kunst bekannt wurde und auf Einladung von Hasso Kaiser auch schon in Schwäbisch Gmünd gesprochen hat, nennt es eine Schande, dass „kaum jemand in Deutschland weiß, wo die ältesten Kunstwerke und die ältesten Knochenflöten gefunden werden“. Unter Conards Leitung wurde diese älteste Flöte übrigens aus vor 30 Jahren gefundenen Splittern zusammengesetzt, und noch immer warten zigtausende Säckchen mit Abraummaterial auf ihre Auswertung. So vieles harrt noch der Entdeckung und Erforschung.
Der Gmünder Raum hat ebenfalls zum Verständnis des Eiszeit-​Lebens beigetragen. Auch deshalb ist die große Ausstellung „Eiszeit – Kunst und Kultur“ in Stuttgart so interessant. Die passionierten Archäologen des Gmünder Raums, allen voran der verstorbene Werner Raschke, haben hier Dank des Faustkeils eines Neandertales 100 000 Jahre Menschheitsgeschichte nachgewiesen, und irgendwann kam für sie alle der Moment, in dem sie die Menschen sahen, nicht länger nur das steinerne Artefakt – die Jäger und Sammler der Steinzeit, die an ihren Feuern saßen und mit unendlicher Mühe und Geduld schlugen, schabten, feilten.
Diese Sicht hilft ungemein, sich die Vergangenheit zu erschließen und „unsere Figur“ in der Eiszeit-​Show zu würdigen. Es handelt sich nämlich nicht um in Elfenbein gehauenes Großwild. Der tätowierte schwäbische Löwenmuskelmann, das Mammut. und selbst die Venus in ihrer voluminösen Weiblichkeit sind doppelt so alt. Aber das etwa 18 000 Jahre alte Gagat-​Figürchen aus einer Rosenstein-​Höhle, das der Heubacher Ehrenbürger Dr. Franz Keller für die Nachwelt gesichert und 1923 dem Württembergischen Landesmuseum übergeben hat, ist ein ebenfalls einmaliges Relikt der jüngeren Altsteinzeit. Diese Figur ist nicht nur wunderschön gearbeitet und ein Beweis für Kunst in der Altsteinzeit, sie erzählt auch aus dem Alltag der Ahnen – zeigt sie doch die Larve einer Rentierdasselfliege, einen eiweißreichen, sprich nahrhaften Parasiten, vermutlich das unspektakuläre tägliche Brot der Altvorderen.
Die Zeit, in der der moderne Mensch hier heimisch wurde, regt die Phantasie an: Löwen und Mammut-​Figuren werden in Verbindung gebracht mit Todesangst und Schmerz, mit Raubtieren und mit Beute, die allzu viele mitnimmt in den Tod. Wie dazu beitragen, nicht selbst Beute zu werden? Waren diese Figuren Voodoo und Geisterbeschwörung in der Morgendämmerung der Menschheitsgeschichte? Was ist mit der Venus? Fruchtbarkeitskult, frühe Pornografie Oder eher die Langeweile der unerwartet langen Wintermonate? Der Wunsch, einen Schatz zu besitzen? An der Venus finden sich ebenso Reste einer Öse wie an der Heubacher Larve — vielleicht haben ja auch ausgewählte Schamanen diese Figuren als Amulett getragen.
Die Rosensteinfigur ist deutlich jünger, stammt offenbar aus der ersten Phase des Magdalénien. Da hatten die Menschen das Schlimmste fast schon hinter sich, das Kältemaximum, jene furchtbare Zeit, in der Europa eine Tiefkühltruhe und praktisch menschenleer war. Zeugt die Rosenstein-​Larve von einem besseren oder einem schlechteren Leben? Niemand weiß es, aber es ist so reizvoll, immer neues Garn zu spinnen. Vielleicht hatten ja nun die Frauen das Sagen, die weder blutigem Heldentod noch nackigen Mädels übermäßiges Interesse entgegenbrachten. Müßige Spekulationen, aber sie machen so viel Freude! Und vielleicht finden sich schon morgen unter Rosenstein-​Ablagerungen am Hangtrauf neue Figuren und eine neue Geschichte. Bis es soweit ist, ist die Stuttgarter Ausstellung ein Muss.
Noch aus einem anderen Grund fiebern Altertumsforscher der Ausstellung entgegen. Der Gmünder Raum liegt im Zentrum eines Gebietes zwischen Aalen, Hall, Stuttgart und Albtrauf, das mehr Funde aus der Mittelsteinzeit – jener Zeit unmittelbar nach der Eiszeit – vorzuweisen hat als jedes andere Gebiet in Deutschland. Darauf baut unter anderem das Untergröninger Heimatmuseum auf, und Initiator Klaus Posselt erhofft sich natürlich von der zu erwartenden Steinzeit-​Begeisterung verstärktes Interesse an der Untergröninger Präsentation.

Die Ausstellung „Eiszeit. Kunst und Kultur“ präsentiert vom 18. September 2009 bis 10. Januar 2010 im Kunstgebäude am Schlossplatz die ältesten Kunstwerke der Menschheit. Zusätzlich werden zahlreiche Veranstaltungen wie die Vortragsreihe „Leben mit Mammut und Rentier“ angeboten. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Montags geschlossen. Informationen und Buchungen von Führungen unter Tel. 0711/​12 04 08 81
Die ältesten Artefakte werden gezeigt, die wichtigsten Funde und Forschungsergebnisse der jüngsten Zeit vorgestellt – generell das altsteinzeitliche Leben im Württembergischen vor 40 000 Jahren bis zum Ende der Eiszeit vor rund 12 000 Jahren. Es soll Animationen geben, Rekonstruktionen und publikumswirksame Inszenierungen. Hinter Panoramawänden liegen begehbare „Gletscherlandschaften“, Schattenprojektionen der wichtigsten Funde machen Eindruck. Und die Praktiker lernen, Knochenfragmente und Feuersteine zusammenzubringen oder anhand von Schnittspuren auf Knochen herauszufinden, welche Tiere auf dem Speiseplan standen und in welcher Phase der Eiszeit aus dem wilden Hauen und Stechen beim Mahl ein kontrolliertes Zerteilen wurde.

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