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Das Hospiz Lorch hat sich seit seiner Gründung im Jahr 1997 zu einer festen Institution entwickelt

Umfragen ergeben, dass immer mehr Menschen den Wunsch äußern, die letzte Zeit ihres Lebens zu Hause zu verbringen. Wenn Angehörige nicht in der Lage sind, die häusliche Pflege zu übernehmen, dann kommen Hospize zum Einsatz. Auch die Einrichtung in Lorch ist ein echter Zugewinn. Von Nicole Beuther

Freitag, 08. Januar 2010
Rems-Zeitung, Redaktion
3 Minuten Lesedauer

LORCH. Nur noch einmal den Wind spüren, das Lieblingslied hören, das Lieblingsessen schmecken. Menschen, die spüren, dass die Zeit des Sterbens bevorsteht, äußern diese oder ähnliche Wünsche, „Kleinigkeiten, die aber wesentlich sind“, erklärt Sieghart Dreher, einer der Mitbegründer des Hospiz Lorch.
Lange Zeit hat Dreher auf dem Elisabethenberg in Lorch gearbeitet. Schon bald merkte er, wie schwer es den Mitarbeitern fällt, mit dem Tod von Bewohnern umzugehen. Fortbildungen in Zusammenarbeit mit dem Hospiz Stuttgart folgten und wurden schon bald Thema im Kirchengemeinderat der Stadt Lorch. „Das kann für die Normalbevölkerung auch nicht schlecht sein“, war die einhellige Meinung, die im Oktober 1997 zur Gründung des Hospiz führte.
Bei öffentlichen Veranstaltungen im Jahr zuvor, sei die Resonanz erstaunlich hoch gewesen. „Das hat mich bestärkt, weiterzumachen“, erklärt Dreher. Notwendigkeit bestehe auch deshalb, weil es heutzutage nicht mehr oft der Fall sei, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben. Der Waldhausener ist froh, dass die Hospizarbeit zwischenzeitlich durch die Krankenkassen bezuschusst wird. Die Verflochtenheit zwischen Ehrenamt und Hauptamt sei nicht mehr wegzudenken. „Wir sehen unser Angebot in der Zusammenarbeit mit den pflegenden, medizinischen und seelsorgerischen Diensten und als deren Ergänzung.“
Wichtig sei auch die Kombination zwischen älteren und jüngeren Ehrenamtlichen. Momentan arbeiten elf Leute zwischen 45 und 70 Jahren im Hospiz Lorch. Die Arbeit findet zu 80 Prozent in Altersheimen statt, zu 20 Prozent zu Hause. Bei 140 Einsätzen waren die „Freiwilligen Begleiter“ im vergangenen Jahr insgesamt 156 Stunden für das Hospiz Lorch unterwegs. Auch nachts. Sie geben den Kranken zu trinken, gehen mit ihnen auf die Toilette oder sorgen dafür, dass sie immer genügend Sauerstoff haben. „Wir machen nur das, was die Angehörigen machen würden“, erklärt Gudrun Dreher, die Frau von Sieghart Dreher.
„Wir gehen bewusst auf
die Endsituation zu“
Das Hospiz achtet darauf, dass pro Patient immer wieder die gleichen Personen zum Einsatz kommen und dass der Bezug zwischen den Schwerstkranken und den Ehrenamtlichen vorhanden ist. Gudrun Dreher fungiert dabei als Einsatzleiterin. Auch die Patienten hätten Mitspracherecht: „Sie können sagen, wenn sie mit einem Ehrenamtlichen nicht zurecht kommen.“ Die Hilfe ist unabhängig von der Art der Erkrankung und dem Alter.
„Wir gehen bewusst auf die Endsituation zu“, erklärt Sieghart Dreher. Sätze wie „Das wird schon“ fallen nicht — „Da fühlen sich die Sterbenden nicht ernst genommen.“ „Aktives Zuhören“, lautet die Zauberformel. Die Mitarbeiter des Hospiz spürten oftmals, wenn der Tod bevorsteht, so Dreher. Anzeichen seien beispielsweise Veränderungen im Gesicht oder eine andere Hautfarbe. Auch komme es vor, dass die Sterbenden verreisen wollen. Dann könne es sein, dass sie einen Koffer gepackt haben wollen. „Das machen wir dann auch“, so Gudrun Dreher, die, wenn der Schwerstkranke das wünscht, auch singt oder betet. Der Hospizgedanke schließe jedoch den Konfessionsgedanken aus. Keiner habe das Recht, jemand anderem seine Meinung zu suggerieren. Freilich besteht die Möglichkeit, einen Pfarrer hinzuzuholen, jedoch war es den Hospizgründern von Anfang an wichtig, sich nicht in die Abhängigkeit der Kirchen zu begeben. „Wenn ich in ein Haus gehe, dann muss ich meinen Stil weglassen“, zählt die gelernte Krankenschwester eine der Schwierigkeiten auf, die sie anfangs bewältigen musste. Zuhören und verstehen lernen, sei wesentlicher Teil der Ausbildung, die 60 Stunden dauert. „Ich kann jetzt besser mit dem Tod umgehen“, erzählt Sieghart Dreher von den Veränderungen, die er bei sich selbst festgestellt hat. „Der Tod hat für mich seine Angst verloren.“ So sei es ihm möglich, auch anderen eine gewisse Ruhe und Gelassenheit zu vermitteln. Wichtig ist es den Hospizmitarbeitern auch, die Angehörigen nach dem Tod ihrer Liebsten zu begleiten. „Die ersten zwei, vier Wochen halten wir uns zurück“, so Sieghart Dreher. Da seien viele Bekannte und Freunde da, doch auch später sei es wichtig, für die Angehörigen da zu sein, „hauptsächlich an den Abenden“. Eine große Hilfe bei der Arbeit mit Schwerstkranken sind für Gudrun Dreher folgende Worte von Peter Noll: „Was soll sich denn ändern im Leben, wenn wir an den Tod denken? Vieles, nicht alles. Wir werden ein weiseres Herz gewinnen, wie der Psalmist sagt. Wir werden sorgfältiger umgehen mit der Zeit, sorgfältiger mit den anderen, liebevoller, wenn Sie so wollen, geduldiger – und vor allem freier.“

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