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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Schreibwerkstatt der Gmünder Volkshochschule zum Projekt Migration in der Autobiografie

Eine Schiffspassage, Grenzzäune, Nachbarn: Auf der Landkarte der Heimat sind die Erinnerungen verortet. Männer und Frauen jeglichen Alters – sie leben in Gmünd, stammen aber aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen – schreiben autobiografisch über ihre Migrationserfahrungen.

Sonntag, 14. Februar 2010
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 31 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (pm). Die Volkshochschule Schwäbisch Gmünd hat zu dieser Schreibwerkstatt unter der Leitung der Tübinger Schriftstellerin Eva Christina Zeller eingeladen. Damit beteiligt sich Gmünd mit Partnerschulen aus fünf anderen Ländern an einem zwei Jahre dauernden EU-​Projekt. Marianne Döbbelin beispielsweise stammt aus der Gablonzer Schmuckherstellung. Vor 60 Jahren kam sie als Vertriebene nach Gmünd. Geschichten oder ein Buch geschrieben hat sie noch nie, aber die 83-​Jährige ist mit Fleiß dabei: „Die Wurzeln sind wichtig. Man arbeitet beim Schreiben viel auf.“ So geht es auch anderen, vor allem den Älteren, die ihre Erinnerungen nicht loslassen. In der Schreibwerkstatt finden ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlicher Bildung zueinander, befragen sich interessiert, sind kritische Zuhörer und schreibendes Korrektiv. Sie lernen voneinander, denn jede Generation sieht das Weggehen und das Ankommen anders. Eine jüngere Teilnehmerin hat ganz andere Erfahrungen gemacht:
„Auch ich wollte meine Lebensgeschichte mit anderen Menschen teilen. Zuerst war ich verlegen. Ich sollte aus eigener Kraft eine geschlossene Tür aufmachen, und das nur mit ein paar Worten. Heute bin ich froh, dass ich diese Tür mehr oder weniger öffnen konnte. Ich glaube, dass das auch für die anderen Teilnehmer gilt. Bei jedem Treffen und bei jeder Lektüre in der Schreibwerkstatt treten unterschiedliche Stimmen und Teile völlig verschiedener Lebenswege in Erscheinung, und parallel dazu einzigartige Fragmente europäischer Geschichte.
Manche dieser Texte sind scharf, bitter oder auch witzig formuliert. Sie sprechen von Schmerz, von Konfliktsituationen und Unsicherheit. In anderen erfährt man von einem eher ruhigen Weg.“
Angeleitet wird die Gruppe von Eva Christina Zeller, derzeit Stadtschreiberin von Esslingen und weit gereist durch ihre schriftstellerische Tätigkeit. „Mich hat das Internationale an dem Projekt gereizt. Wir leben schließlich heute nicht in einem Dorf, sondern haben eine Weltidentität“, sagt sie.
Für die schreibenden Frauen und Männer aus Italien, Griechenland, Bosnien, dem Irak, der Türkei, USA, Tschechien oder Slowenien ist Eva Zeller so etwas wie eine literarische Hebamme. Sie holt durch Schreibhilfen, Gespräche und Bilder hervor, was in ihnen verborgen ist. Es werden fiktive Briefe, Langgedichte oder Kurztexte geschrieben, eine Landkarte beschrieben, ein Lebensbaum mit der persönlichen Zeitachse beschriftet. „Episoden, Gedanken und vor allem Bilder sind die Mosaiksteine, die das Ganze ergeben. Lücken gehören dazu. Es gilt, sie frei assoziierend zu überbrücken“, beschreibt sie den Lernprozess. Die Angst vor dem leeren Blatt wird durch das Gespräch mit einem Partner überwunden, wobei sich schnell der unverzichtbare rote Faden spinnt. Die Gmünder Gruppe ist die einzige, die von einer professionellen Autorin betreut wird. Daher ist Eva Zeller gleichzeitig Mentorin für die anderen Dozenten in Krakau, Temesoara, Faenza, Nord-​Portugal und Malpils in Lettland. Alle fünf Städte verbindet miteinander, dass sie viele Einwanderer haben, deren Integration noch nicht abgeschlossen ist. Im Mai tauschen sich Dozenten und Teilnehmer aller Schreibwerkstätten zum ersten Mal in Faenza aus. Ob aus dem Projekt eine europäische Studie, eine gemeinsame Veröffentlichung, eine neue Internetplattform oder „nur“ der Anreiz entsteht, Erfahrungen und Lebensbilder für die Nachwelt festzuhalten, kann Dr. Reinhard Nowak, Leiter der Schwäbisch Gmünder Volkshochschule und Initiator des Projekts noch nicht konkretisieren. In jedem Fall aber werden einzigartige Gmünder Biografien entstehen.
Die Volkshochschule Schwäbisch Gmünd verfolgt mit dem Projekt nicht nur das Ziel, den Schwerpunkt ihrer Bildungsarbeit mit dem Thema „Migration“ in seiner Vielfalt auszubauen, sondern auch die großen Unterschiede der Erfahrungen der Migranten Gruppen herauszuarbeiten und sie auf europäischer Ebene auszutauschen.
Denn Europa ist ein Kontinent der Wanderungen, der politischen und der ökonomischen, der freiwilligen und der erzwungenen.

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Hinweis: Dieser Artikel wurde vor 3869 Tagen veröffentlicht.


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