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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Interview mit dem „Macher“ des Kinder-​Kino-​Festivals, Wolfgang Maier

Seit gestern bis zum Sonntag sind die Gmünder im Rahmen des KiKiFe (Kinder-​Kino-​Festival) in Kino– Atmosphäre. Der Akademische Oberrat Wolfgang Maier beantwortete im Rahmen des Festivals einige Fragen. Von Mustafa Karabaloglu

Freitag, 05. März 2010
Rems-Zeitung, Redaktion
4 Minuten Lesedauer

Herr Maier, Sie engagieren sich seit 17 Jahren für das Kinderkinofestival in Schwäbisch Gmünd. Erzählen Sie uns die Entstehungsgeschichte des Festivals?
Zunächst möchte ich eines klarstellen: Ich engagiere mich zwar für das Kinderfilmfestival, aber wir sind hier ein Team und da sind auch andere wichtige Partner dabei, wie etwa das Turmtheater, die Stadt Schwäbisch Gmünd und das Kulturbüro mit Herrn Häcker.
Was motiviert Sie für Ihre Arbeit?
Das frage ich mich manchmal auch, wenn ich mitten im Trubel bin wie jetzt gerade. Es ist einiges los und erst recht an den letzten vier Tagen. Ich denke, das ist dann der Punkt, wo die Motivation auch kommt, wenn man die vielen Kinder sieht, die morgens hier hereinströmen. Wir sind dieses Jahr fast ausverkauft. Wir haben Rekordzahlen und wenn man dann sieht, wie das angenommen wird…dann ist auch die Motivation da.
„So sollte KiKiFe 2010 ablaufen“… Ihre Erwartungen zum diesjährigen Festival?
Interessierte Eltern, begeisterte Kinder. Insgesamt ein Fest, das allen Spaß macht. Das ist unser Anliegen, den Filmen eine andere Bedeutung und neue Geltung zu geben.
Auf welche Filme dürfen sich die Gmünder dieses Jahr freuen?
Wir haben 20 Filme in 40 Veranstaltungen. Das ist ein Riesenprogramm. Wir haben Familienfilme, wo für alle etwas dabei ist. Wir haben Kinderfilme, die zwar Kinderfilme heißen, aber durchaus für Erwachsene sind. Es sind sehr interessante Filme, es sind echte Festivalbeiträge. Wir haben einen originalen holländischen Film, der Deutsch eingesprochen wird. Wir haben einen russischen Film. Eine Disneyproduktion, die in Russland spielt und russische Elemente aufnimmt — „Das Buch der Meister“- also echte Beiträge, die man ansonsten im Kino gar nicht sieht. Wir haben einen iranischen Film, der schon hoch dekoriert ist, mit vielen vielen Preisen — Die Farben des Paradieses. Wir haben einen wunderschönen bayerischen Film. Es ist ein breites Angebot, das vom Unterhaltungsaspekt bis zur wirklichen Auseinandersetzung mit Welt, mit Umwelt und mit unserer Gegenwart sich erstreckt.
Ein guter Kinderfilm nimmt Kinder ernst. Was macht einen guten Kinderfilm aus?
Auch das ist eine schwierige Frage, weil es von jeweiligen Kindern abhängt. Ein guter Kinderfilm darf natürlich spannend und unterhaltend sein. Das sind Motive, die wir als Erwachsene auch in Anspruch nehmen. Ein guter Kinderfilm nimmt Kinder ernst. Er ist nicht vorwiegend dominiert durch den pädagogischen Zeigefinger. und kann so etwas wie Alltagsbewältigung oder Lebenshilfe sein.
Welche Botschaft sollte in dieser Hinsicht ein Kinderfilm vermitteln?
Es kommt gar nicht auf die Botschaft an. Es kommt auf die Auseinandersetzung an. Man kann hier im wahrsten Sinne des Wortes von Bildungsprozessen sprechen. Ich setze mich mit Dingen auseinander und daraus entsteht dann so etwas wie ein Bildungsprozess des Einzelnen. Dazu kann der Film viel Anregung bieten.
Haben Sie einen persönlichen Lieblingskinderfilm?
Ich habe einen Lieblingskinderfilm, den wir noch nie gezeigt haben. Dieses „Kannst du pfeifen Johanna?“ Wir müssen mal versuchen, den zu bekommen. Irgendwo gibt es ein Band davon, aber man kommt nicht ran.
Sie sind Medienpädagoge. Welche Filme empfehlen Sie in dieser Hinsicht den Eltern? Welche Filme kann man zusammen mit der Familie anschauen?
Wir haben das Familienprogramm, das unterhaltsam und spannend ist. Für die Kleineren etwa „Die Frösche und Kröten“. Wenn man eine Auseinandersetzung möchte, die ernsthaft ist, so würde ich „Die Farben des Paradieses“ empfehlen. Es ist ein iranischer Film. Die Iraner können phantastische Kinderfilme drehen. Es ist auch interessant, andere Aspekte des Iran kennenzulernen, nicht bloß Ahmadinejad. Es geht um die Geschichte eines blinden Jungen, der hier versucht, sich mit der Welt auseinanderzusetzen.
Mussten Sie schon einmal bei einem Kinderfilm weinen?
Es ist wahr. Es gibt Filme, die auf die Tränendrüse drücken, was bei mir furchtbar Unwillen erzeugt, wenn ich emotional hinter das Licht geführt werde. Tolle Filme wie „Schindlers Liste“ sind darauf ausgelegt, dass man zum Schluss emotional zusammenbricht.
Wie bewerten Sie die aktuellen Kinderfilme und Zeichentricksendungen aus medienpädagogischer Sicht?
Das ist ein weites Angebot. Wir haben endlich begriffen, dass wir unsere Kinder nicht in die Medienwelt entlassen können, ohne sie in irgendeiner Form darauf vorzubereiten, und unsere Medienwelt ist heute audiovisuell.
Viele Menschen beklagen sich, dass unsere Medienlandschaft beschmutzt sei. Woran liegt das?
Man kann nicht nur den Medien die Schuld geben, unsere Medienlandschaft ist kommerzialisiert. Also der wirtschaftliche Aspekt hat den kulturellen Aspekt, den wir ja im Kinderkinofestival auch betonen möchten, vereinnahmt. Das kann man eben nur dann zurückdrängen, wenn sich das Publikum etwas anderes wünscht. Der Film kann beispielsweise nur so gut sein wie sein Publikum.
Wie könnte man Jugendliche mit Medien motivieren?
Jugendliche kann man sehr stark mit Medien motivieren. Das hat man schon an vielen Versuchen ausprobiert. Wenn man im Unterricht etwas mit Medien macht. Das heißt nicht nur rezeptiv. Ins Kino gehen ist der eine Aspekt. Man setzt sich mit Filmen auseinander. Wir produzieren hier einen Kurzfilm mit Gerhard Weber als Regisseur. Wir haben sieben Kinder gecastet, die seit Montag auf dem Set sind. Wir entwickeln mit ein paar Kindern einen kleinen Trickfilm. Da sieht man, wie Kinder unheimlich motiviert sind und wie die Lernprozesse ablaufen. Ein Kind, das einen Film geschnitten hat, das sieht nicht bloß den Film und beurteilt ihn dementsprechend.
Sie nehmen Kinder ernst. Allein der KiKiFe-​Filmpreis bei der Abschlussgala, über dessen Vergabe eine Kinderjury entscheiden wird, beweist diese Annahme.
Da sind wir noch nie enttäuscht worden. Unsere Jury setzt sich jedes Jahr neu zusammen. Wir hatten letztes Jahr einen Film, der auch mein Favorit war – und er wurde von den Kindern als bester Film prämiert. Man kann Kinder ernst nehmen, denn sie nehmen ihre Arbeit als Jury ernst und sie leisten da auch etwas.
Können Sie das Wort „Kind“ in drei Wörtern definieren?
Neugierig; schaut mit großen Augen in die Welt; offen und hoffentlich auch glücklich in seiner Umwelt.
Welche Höhepunkte kann man im Kinderkinofestival 2010 erleben?
Sicher der Besuch von Jonas Hämmerle. Klingt sehr Schwäbisch, er kommt aber aus Berlin. Jonas Hämmerle stellt am Sonntagnachmittag seinen neuen Film „Das Morpheus Geheimnis“ vor. Wir haben den Abschlussfilm mit „Die Kleinen Bankräuber“, also eine Filmkomödie. Vom Inhalt betrachtet sehr zeitkritisch. Die kleinen Bankräuber sind ja nicht die Gauner, sondern die großen Gauner sind die Leute von der Bank. Also eine ganz interessante Themenstellung. Da haben wir den Regisseur eingeladen. Der kommt extra aus Lettland eingeflogen. Wir haben die Produzentin da. Die kommt aus Wien. Also, das ist auch eine ganz interessante Kombination.
17 Jahre KiKiFe. Welches Erlebnis können Sie nicht vergessen?
Insgesamt ist für mich die Entwicklung unvergesslich. Wir haben zehn Jahre versucht, die Schulen zu überzeugen, dass man ins Kino gehen kann und dass es nicht bloß Freizeit ist.
Was möchten Sie den Kinofreunden abschließend mitteilen?
Gehen Sie ins Kino. Trauen Sie sich auch mal in einen Kinderfilm. Sie werden erstaunt sein, was in diesem Genre ohne großen Aufwand zu entdecken ist.

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