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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Drei junge Gmünderinnen haben in Ellen Dietrichs „Haus der Hoffnung“ in Nepal ausgeholfen

Jessica Wolf, Lena Sachsenmaier und Miriam Rodi haben in Ellen Dietrichs Kinderheim in Nepal ausgeholfen – und einiges zu erzählen. Nur eines bedauern sie, dass sie nicht länger geblieben sind in diesem Haus, in dem sie gebraucht wurden.

Freitag, 14. Januar 2011
Rems-Zeitung, Redaktion
3 Minuten Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (bt). Vier Monate waren sie unterwegs, zwei davon haben sie mit Dietrichs kleinen Schützlingen gearbeitet, danach ging’s durch den nepalesischen Winter und durch Indien. Die drei hatten das Abitur in der Tasche und den Kopf voller Träume. Dass sie nicht sofort ins Studium wechseln, sondern etwas sehen wollten von der Welt, darin waren sie sich einig. Zudem war klar, dass sie nicht nur reisen wollten, sondern auch helfen, dazu beitragen, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird. Na, und dann haben sie vom „Haus der Hoffnung“ erfahren, das die Wahl-​Gmünderin Ellen Dietrich in Kathmandu aufgebaut hat – in diesem Heim für Waisen, Halbwaisen und Kinder aus so armen Familien, dass nicht alle Schnäbel gestopft werden können, fanden sie alles, was sie sich von ihrem „Auslandseinsatz“ erhofft hatten; sogar der Gmünder Bezug ist da.
Anfang September ging’s los. Gleich der erste Eindruck war ziemlich schockierend: Der Flughafen in Kathmandu war dunkel, schäbig, und vor allem standen überall Soldaten mit Maschinenpistolen. Sie waren ziemlich erleichtert, als ihr Gastgeber aus dem Dietrich-​Heim kam, um sie abzuholen. Erwartet wurden sie von zunächst noch sehr schüchternen Kindern, die, die drei jungen Frauen mit großen Augen, aber wortlos in Empfang nahmen. Das Haus, in dem sie während der nächsten zwei Monate leben sollten, war eine angenehme Überraschung: hell, freundlich und vor allem sehr, sehr sauber. Viel mehr geschah an diesem Tag nicht mehr. Die Mädels waren nach ihrer fast zweitägigen Reise sehr müde und zogen sich früh in ihr Zimmer zurück.
Ursprünglich hatte Ellen Dietrich vier Häuser aufgebaut. Nachdem nun aber die „Großen“ erwachsen sind und selbstständig in Wohngruppen leben, wurden die anderen Kinder in zwei Häusern zusammengelegt – in einem leben die Drei– bis 13-​Jährigen, im anderen die etwas Größeren. Miriam, Lena und Jessica halfen bei den Jüngsten aus. Geleitet wird das Haus von einem 23-​jährigen Studenten. Sein Vater kocht, seine Mutter ist auch die Hausmutter, die kleine Schwester hilft ebenfalls. Die Kinder werden wohl bestens versorgt, bekocht und mit sauberer Wäsche versorgt. Der Umgang ist liebevoll, die Atmosphäre gut – aber wirklich viel Zeit für die 30 Steppkes bleibt nicht. Kein Wunder, dass sie sich nach dem ersten Fremdeln auf die Fremden stürzten, die mit ihnen spielten und lachten, die sie drückten und ihnen Englisch beibrachten. Wie viel Glück diese Kinder haben, dass es Ellen Dietrich und ihre Häuser gibt, wird ihnen wohl erst später bewusst werden. Viele, allzu viele junge Nepalesen suchen sich insbesondere in den Golfstaaten Arbeit, die dann ganz anders ausfällt, als erhofft, oder sie werden von ihren Familien direkt verkauft und dann meistens missbraucht und wie Sklaven gehalten. Die einzige Chance, die sie haben, ist Bildung und Berufsausbildung, und das zumindest wissen sie alle.
Die Kinder brauchen vor allem Zuwendung und Zuneigung
Die drei jungen Deutschen konnten kaum glauben, mit welcher Disziplin diese Kinder lernen. Die Älteren sprechen durchweg gutes Englisch, aber bereits die Vierjährigen „rattern das englische Alphabet runter“. Alle miteinander wurden nicht müde, die Gäste um Unterricht zu bitten: Wie heißt das, lies mit mir, bring mir das schreiben bei. Einige Kinder haben sich einen ganz besonderen Platz in der Erinnerung der drei gesichert. Manisha etwa, eine ganz Stille, Zurückhaltende, die eigentlich im anderen Haus wohnt, aber bei den Kleinen aushilft. Ellen Dietrich, die zu Besuch kam, hat ihnen erzählt, dass das Mädchen vom Vater, einem Alkoholiker, bös misshandelt worden ist, dass sie sich in den ersten Jahrennicht anfassen ließ und praktisch nicht sprach. Dieses Kind ist dann aufgeblüht, hing an den Deutschen wie kein anderes: „Sie braucht so viel Zuneigung“. Oder Himal, ein cooler kleiner Bursche, der sich die ganze Zeit über eher verschlossen gegeben hatte, dann aber beim Abschied gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen und der flehte, Miriam, Lena und Jessica möchten sein Gesicht nie vergessen. Die Kleinste, Saraswati, gerade mal drei Jahre alt, konnte kein Wort Englisch, hat aber unglaublich schnell verstanden, dass sie „auntie, come“ rufen musste, wenn sie etwas wollte. Komm her, Tante. Einer der ganz bewegenden Momente war, als die ganz Kleinen anfingen, nicht mehr „Tante“ zu sagen, sondern „Mommy“, Mama.
Der ganze Aufenthalt im Haus der Hoffnung hätte nicht problemloser sein können. Bis auf eine geringfügige Durchfallerkrankung waren alle bester Gesundheit. Dal Bhat, das Nationalgericht, das jeden Tag auf dem Tisch steht – Reis mit Linsensoße – wurde zunächst sehr skeptisch beäugt, doch später haben die Mädels es geliebt und sogar in Restaurants bestellt. Was ihnen gefehlt hat? Schokolade schon mal nicht. Aber die zwei Wurstdosen, die sie ihm Gepäck hatten, wurden gehortet und schließlich genossen wie die teuerste Delikatesse. Als die Familie Röder Stiftungsgelder für Ellen Dietrich und ihr Projekt überbrachte (die RZ berichtete), hatte sie ein Päckchen der Familien Rodi, Sachsenmaier und Wolf dabei – unter anderem mit ein bisschen Extrawurst.
Jetzt sind sie also wieder da, und unglaublich froh, diese Tour gewagt zu haben. Ihr Abenteuer hat ihnen schöne und intensive Erfahrungen beschert, vor allem hat es sie stärker gemacht und sicherer. „Jederzeit wieder“ würden sie aufbrechen. Lena Sachsenmaier und Miriam Rodi haben sich ab Februar für ein freiwilliges soziales Jahr verpflichtet – Miriam, die sich vorstellen kann, Biologie oder Medizin zu studieren, will in einer Dialysepraxis aushelfen, Lena wird bis zum Semesterbeginn 2011 im Altenpflegeheim Spital arbeiten. Jessica will die restliche Zeit bis zum Studienbeginn ein Praktikum absolvieren. Und alle drei werden von den Daheimgebliebenen um das vergangene halbe Jahr beneidet. Sie selbst sagen, es die beste Entscheidung gewesen – sie wären nur gerne länger geblieben: „Am liebsten ein ganzes Jahr.“

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