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Lokalnachrichten

» Schwäbisch Gmünd | Donnerstag, 03. März 2011

Gmünder Eisenbahngeschichte(n), Teil 6: Mit zwei Sonderzügen und 400 Mann dampft die Gmünder Feuerwehr mutig der großen Feuersbrunst entgegen

Ein heldenhaftes Kapitel mit „Medienecho“ im ganzen Land schreibt die noch junge Remsbahn 1865: In Aalen wütet ein Großfeuer. Über Telegraph ergeht Hilferuf. Die Gmünder Feuerwehr dampft sofort mit zwei Sonderzügen und 400 Mann los, um Aalen zu retten. Von Heino Schütte

SCHWÄBISCH GMÜND. Das Feuerlöschwesen in der durch die Remsbahn in Aufbruchstimmung befindlichen Stadt Gmünd war zu jener Zeit vergleichsweise fortschrittlich. Inoffiziell gilt die Freiwillige Feuerwehr Schwäbisch Gmünd sogar als die älteste in ganz Deutschland. Untrennbar ist die frühe Geschichte der hiesigen Feuerwehr mit dem Namen Johannes Buhl verbunden. Am 10. Juni 1804 in Beutelsbach geboren, sollte sein erfülltes Leben in den Dienst der Menschlichkeit stehen. Buhl war zunächst ein „Reingeschmeckter“. 1829 ließ er sich in Gmünd als junger Kaufmann nieder. Er erwarb für sein Geschäft das Haus Marktplatz 9, später baute er die prächtige Buhl’sche Villa, oberhalb des Bahnhofs gelegen. Obwohl „reingeschmeckt“, gelang es Johannes Buhl überraschend schnell, Achtung, und Respekt zu gewinnen.
Ein neuer Zeitgeist fürs bürgerschaftliche Miteinander
Der Name Johannes Buhl ist in die Geschichte der Stadt eingegangen. An seiner Persönlichkeit haftet auf der Grundlage vieler zeitgenössischen Beschreibungen und Berichten bis heute eine ganz besondere Aura. Auf allen bildlichen Darstellungen ist Johannes Buhl als vollbärtiger, väterlich ernst und nachdenklich dreinblickender Mann zu sehen. Johannes Buhl war ein Querdenker, ein Dickkopf, aber auch ein Mensch mit erstaunlichen Gegensätzen und Visionen. Er hatte viele Freunde, aber auch viele Feinde. Er verabscheute das königliche Militär, legte jedoch selbst größten Wert auf militärische Disziplin und strenge Ordnung.
Buhl war ein Techniker und Tüftler sowie ein fortschrittlicher Denker und Philosoph. Auf konservative Denkweise baute er eine fortschrittliche auf. Hintergrund seiner Lebensgeschichte und seines Wirkens in Gmünd waren die Revolutionsjahre Mitte des 19. Jahrhunderts . Überall begannen die Menschen, sich loszulösen vom Obrigkeitsdenken. Johannes Buhl schloss sich dem immer freier werdenden Bürgertum an.
Unbequemer Gmünder und doch erstaunlich beliebt
Und Johannes Buhl wurde für viele ein unbequemer Zeitgenosse, was sich auch in öffentlich gewordenen Diffamierungen widerspiegelte. So wurde Johannes Buhl von der Gmünder Obrigkeit heftig angegriffen, weil er 1852 beim Besuch des Königs ein Schild an seinem Haus angebracht haben soll, das als Majestätsbeleidigung gedeutet wurde: „Es darf zu mir kein Mann ins Haus, drum häng ich auch keinen Kranz heraus.“
Kaufmann Buhl legte sich auch mal sogar mit dem württembergischen Militär an, musste dafür 1850 sogar zwei Wochen ins Gefängnis Die Vorgeschichte: Johannes Buhl soll sich bei einer Prügelei zwischen Bürgern und in Gmünd stationierten Artilleriesoldaten beteiligt haben, bei der zwei Soldaten verletzt wurden. Die Zeugen verwickelten sich jedoch in Widersprüche, so dass Buhl wieder entlassen werden musste. Das Militär boykottierte fortan sein Geschäft am Marktplatz. Lang währten auch Streitigkeiten zwischen Johannes Buhl und Josef Keller, Redakteur des damaligen „Remsthalboten“. Wie konnte nun dieser Johannes Buhl trotz seiner bürgerlichen Ungehorsamkeiten eine derart hohe Wertschätzung erlangen? Der unbequeme Kaufmann vom Marktplatz erwarb sich viele Verdienste um das Gemeinwohl aller Gmünder Bürger, die ihm letztendlich Respekt auch bei seinen Feinden einbrachten. Zu diesen Verdiensten gehört wesentlich die Organisation des Gmünder Feuerschutzes und mithin im Jahre 1831 die Gründung der „Rettungsgesellschaft in Feuersgefahr“. Dies war die Geburtsstunde der Freiwilligen Feuerwehr Schwäbisch Gmünd.
Auch diese Gründung ist als Blüte der demokratisch-​freiheitlichen Gesinnung Buhls zu werten. Johannes Buhl fand im Gmünder Fabrikanten und Stadtrat Karl Röll sowie im damaligen Stadtbaumeister Fritz Mitstreiter für das Vorhaben, den bis dahin völlig unzureichenden und fast unorganisierten Feuerschutz für die Stadt zu verbessern. Die Stadtväter hatten sich zwar schon früher Gedanken über die Abwehr von Feuersgefahren gemacht und bereits 1517 eine Verordnung über das „Feuer– und Kriegslaufen“ erlassen. Ein Auszug: „Wir, Bürgermaister Rath und Zunftmeister Hand gesetzt und geboten um Gemeeinains nutzwillen. Wenn sich ein Geschray oder ein geläufs hie in unserer Stadt anhübe. Wann das geschehen, es weere von feuers oder anderer Sache wegen.“ In diese erste Feuerschutzordnung waren alle Bürger einbezogen, die sich im Falle eines „Feuerlaufens“ an bestimmten Stellen der Stadt mit Gerätschaften wie Waffen, Laternen. Werkzeugen und Wassereimern sammeln mussten. Die Feuerschutzordnung taugte freilich allenfalls zur Warnung der in Gefahr geratenen Stadt, aber nicht zu einer schlagkräftigen Bekämpfung des entstandenen Brandes.
Gmünd blieb aber nach der Gründung der fortschrittlichen „Rettungsgesellschaft in Feuersgefahr“ im Jahre 1831 von großen Feuersbrünsten verschont. Dies war sodann ein Verdienst der zwar noch primitiv ausgerüsteten aber wohl organisierten Feuerwehr unter den beiden Kommendanten Karl Röll und Johannnes Buhl. Zweimal im Jahr traf sich die „Rettungskomagnie“ zur „Generalmusterung“, bei der insbesondere über Erfahrungen bei verschiedenen Brandfällen und neue Rettungstechniken gesprochen wurde. Diese Feuerwehr war natürlich weiterhin auf die Mithilfe der gesamten Bevölkerung angewiesen.
Im Alarmfall hatten zunächst die Männer der Rettungsgesellschaft als erster Abmarsch anzutreten. Je nach Bedarf wurden aus den Reihen der Bevölkerung weitere „Rotten“ als Löschmannschaften eingeteilt. Hierzu waren alle Männer im Alter zwischen 18 und 40 verpflichtet. Man bereitete sich auch darauf vor, in Nachbarstädten und Dörfern Überlandhilfe zu leisten, wobei sogleich nach Fertigstellung der Remsbahn auch das rasche Verladen der Ausrüstung auf Sonderzüge geübt wurde. Dieser Bahn-​Fortschritt im Remstal kam auch der Feuerwehr zugute: : In Minutenschnelle konnten über Telegraph Hilfeersuchen durchs Land geschickt werden. Und innerhalb von wenigen Stunden hätte die Gmünder Feuerwehr z.B. bis nach Esslingen oder Nördlingen eilen können.
Telegraph und Bahn machen Feuerwehr schneller und mobiler
Es war nicht zuletzt Johannes Buhl, der sich ständig um Verbesserungen bei Ausbildung und Ausrüstung seiner Rettungsgesellschaft bemühte. Die neuesten, handlichen Spritzen wurde beschafft, ideal auch für die Bahnverladung. Auch wurde ein militärisch geprägtes Corps von Führungskräften mit eingeteilten Zuständigkeiten und Fachrichtungen (Löscheinsatz, Rettungseinsatz, Nachschub usw.) heran gebildet. Wenn sich Schwachpunkte zeigten, dann wurde Johannes Buhl auch zum Tüftler. Er gilt sogar als Erfinder der so genannten Hakenleitern, die bei einigen Feuerwehren sogar noch bis heute im Einsatz sind. Mit diesen relativ kleinen und leichten Leitern konnten Gebäude und Dachstühle in beliebigen Höhen erstiegen werden, um Hab und Gut sowie natürlich Menschenleben zu retten. Es war seinerzeit eine bahnbrechende Erfindung. Der Gründer der Gmünder Feuerwehr machte sich auch landesweit einen Namen. So gehörte er im Jahre 1862 zu den Gründungsmitgliedern des Württembergischen Feuerwehrverbands, dessen Vorsitz Johannes Buhl von 1879 bis 1882 führte. Einer der ersten Landesfeuerwehrtage fand übrigens am 28. Juni 1875 in Schwäbisch Gmünd statt, weil die Stadt ja fortan mit der Bahn prima zu erreichen war.
Dann plötzlich, es war im Februar des Jahres 1865, wartete die ganz große Bewährungsprobe auf die bahnmobilen Streikräfte gegen den Roten Hahn. In Aalen wütete ein Großfeuer, das weite Teile der Innenstadt erfasste und bedrohte. Per Telegramm wurde auch in Gmünd „um größtmöglichen Beistand“ ersucht. Die Hilfsaktion für Aalen, die binnen einer Stunde ins Rollen kam, war eindrucksvoll. Böllerschüsse und Hörner gaben für alle verfügbaren Feuerwehrmänner Alarm. In Rekordzeit wurden am Gmünder Bahnhof Locomotiven aus den Remisen geholt und unter Dampf gesetzt. Zwei Sonderzüge wurden zusammen gestellt und mit Feuerspritzen, Leitern, Schläuchen, Laternen und Verpflegung beladen. Eine „Streitmacht“ von 400 Mann stieg zu. Mit Volldampf ging es nach Aalen. Von Bahnwärterhäuschen zu Bahnwärterhäuschen standen die Signallaternen auf „Grün“, via Telegraph war zuvor auf der noch eingleisigen Strecke für freie Bahn gesorgt worden. Zunächst hatten die Aalener noch geglaubt, sie könnten den wild um sich greifenden Roten Hahn allein und ohne die Gmünder Profis besiegen. Doch es kam ganz anders. Aus zeitgenössischen Zeitungsberichten geht folgender Hergang hervor, wobei die Hilfe der Gmünder Feuerwehr außerordentlich hervor gehoben wurde: „Um 1 Uhr verließen außer der Wachmannschaft fast sämtliche Feuerwehren die Brandstätte, da man das Feuer gelöscht glaubte; allein man täuschte sich. Um 21/​2 Uhr musste wieder Alarm geschlagen werden, da die aufs Neue angefachte Flamme die anderen Häuser zu bedrohen schien. Allein die Wassermassen, welche sich über sie ergoss, besiegte ihren so gewaltigen Gegner, und hier war es hauptsächlich die Gmünder Feuerwehr, welche dem Elemente den Todesstoß beibrachte, denn von den anderen Feuerwehren waren schon welche abgezogen, und die Aalener selbst von der vorausgegangenen Anstrengung wohl sehr ermüdet, um sich lebhaft betheiligen zu können.“
Fast 24 Stunden stand das 400-​köpfige Lösch– und Rettungsteam um den Kommandanten Buhl in Aalen an der Feuerfront. Bei ihrer Heimkehr wussten die Gmünder Feuerwehrleute zu feiern, dass sie in Aalen so erfolgreich dem gefürchteten „Element“ den „Todesstoß“ versetzen konnten. Im „Remsthalboten“ gab es anderntags folgende farbige Schilderung zu lesen (Fotos gab es damals leider ja noch nicht): „Unsere Feuerwehr, die alleine mit 400 Mann vertreten war, gelangte um 8 Uhr Morgens wieder in Gmünd an. Der Zug, welcher sich hierauf bildete, was nicht uninteressant anzusehen, und trotzdem, dass nicht nur eine durchwachte, sondern auch mit Anstrengung durchgearbeitete Nacht hinter ihnen lag, was sich in verschiedenen Physiognomien deutlich genug ausgeprägt hatte, war die Rückwirkung auf die Gemüther noch nicht so stark, um den Gesang zu unterdrücken, wovon das angestimmte Lied: ‚Es haben wack’re Männer zusammen sich getan’ zeugte.“ Vom Bahnhof ging es via Ledergasse in einem Festzug durch die Stadt.
„Nach einstimmigen Urteile eine Musteranstalt für das Land“
In den folgenden Tagen wurde die Gmünder Feuerwehr sogar im „Deutschen Volksblatt“ als „Musteranstalt für das Land“ gelobt: „Mit einer Schnelligkeit und Präzision wurden die verschiedenen Löschapparate aufgestellt, wie man derartiges nur bei geübtem Militär sehen kann. Beim Löschen selbst war von jenem tollen und rohen Schreien und Fluchen, wie man es sonst vielfach hört, keine Rede; mit möglichster Ruhe und strenger Ordnung wurden alle Bewegungen ausgeführt . . nüchtern und anständig – wie sie gekommen – entfernten sich die Gmünder, darum Hut ab vor den Gmündern und ihrem wackeren Kommandanten Buhl! Nach einstimmigem Urtheile dürfte die Feuerwehr von Gmünd mit ihren ausgezeichneten Löschapparaten eine Musteranstalt für das Land sein.“

Veröffentlicht von Rems-Zeitung, Redaktion.
Lesedauer: 396 Sekunden.

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Hinweis: Dieser Artikel wurde vor 2813 Tagen veröffentlicht.


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