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Otfried Preußler in neuem Licht

Bei der Jahrestagung des „Bischof-​Neumann-​Kreises“ der Ackermann-​Gemeinde in Rechberg sprach die junge Germanistin Katerina Kovacková aus Pilsen über ein unterschätztes Werk des weltbekannten Autors Otfried Preußler.

Dienstag, 03. April 2012
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 17 Sekunden Lesedauer

AUTOREN (ste). Bekannt wurde Otfried Preußler als Kinder– und Jugendbuchautor mit Werken wie „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“. Seine Bücher, in 55 Sprachen übersetzt, erreichten eine deutschsprachige Gesamtauflage von 15,2 Millionen Exemplaren.
Preußlers Roman „Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil“ ist dagegen ein vielschichtiges Buch für Erwachsene, wie die Referentin überzeugend und in perfektem Deutsch zeigte, es sei allerdings durch den scheinbar naiven Erzählduktus und Übernatürliches im Handlungsverlauf lange Zeit im Jugendbuchbereich deplatziert gewesen und verkannt worden.
Katerina Kovacková wurde bei ihrer Lektüre aufmerksam auf die komplexen Bezüge zur geschichtlichen Realität, die detaillierten Schilderungen von Menschen, Mentalitäten und Schauplätzen. Sie stellte das Buch in den Mittelpunkt ihrer Magisterarbeit an der westböhmischen Universität in Pilsen und wurde dafür 2010 mit dem Adolf-​Klima-​Preis ausgezeichnet.
In dieser Arbeit wie auch in ihrem Vortrag analysierte sie den geradlinig erzählten, aber gehaltvollen, an der Oberfläche amüsanten, im Fond jedoch melancholischen Text im Blick auf seinen Parabel-​Charakter. Die heute in München lebende Literaturwissenschaftlerin legte ihren überaus interessierten einstigen Landsleuten am Samstag im Gasthof „Zum Rad“ dar, dass diese Erzählung sich als Metapher für die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus ihrer böhmischen Heimat am Ende des Zweiten Weltkriegs lesen lässt, ist sie doch umrahmt von der Flucht der heiligen Familie vor den Häschern des Herodes.
Fiktive und märchenhafte Elemente als poetische Klammer treiben in Preußlers kunstvollem Opus die Handlung voran. Sie verschränken sich, betonte Kovacková, vieldeutig mit der Ebene der Tatsachen. Die kruden Spitzen des auf tschechischer wie deutscher Seite erfahrenen Leids werden auf ein humorvoll-​versöhnliches Licht heruntergebrochen. So könne das eigentlich Unsagbare zum Ausdruck kommen. Der 1978 erschienene Roman habe wie kein anderes Werk aus dem deutsch-​böhmischen Raum eine völkerversöhnende, auf christlichen Werten fundierte Botschaft, werde aber bei weitem nicht im wünschenswerten Maß gelesen.
Am Nachmittag setzte die Referentin das am Morgen begonnene Thema fort, indem sie sich Fragen aus dem 50-​köpfigen Publikum stellte, das sich im Rechberger „Rad“ eingefunden hatte. Thematisiert wurden dabei weitere Autoren des sudetendeutsch-​böhmischen Raumes wie etwa Annelies Schwarz, Tomá Halík und Josef Holub. Dem letzteren widmet Kovacková nun ihre Dissertation an der Uni München.
Die Referentin bedauerte, dass die Tschechen von der deutsch-​altösterreichischen Vergangenheit zehren, ohne es zu wissen. Es herrsche Gedächtnisverlust und eine transgenerationelle Traumatisierung. Fassungslos mache sie die Tatsache, dass 3,5 Millionen einstige Mitbürger wie weggezaubert sind. Doch könne man das verfemte Erbe der Sudetendeutschen in Böhmen nicht auslöschen, immer mehr junge Tschechen interessieren sich für die gemeinsame Geschichte und füllen das lange Schweigen im offiziellen Diskurs mit neuer Wissbegier und Bereitschaft zur Verständigung.
Otfried Preußlers Roman „Die Flucht nach Ägypten“ hat es vermocht, Katerina Kovackovás Forschergeist so herauszufordern, dass sie sich der Neuentdeckung tabuisierter Geschichte zuwandte und dem deutsch-​tschechischen Dialog verpflichtet fühlt. Tagungsleiter und Diözesanvorsitzender Michael Joachim Roos wollte dieses Schlüsselwerk gar zur Grundlage einer an der Vergangenheit geschulten und an einer friedvollen Zukunft orientierten Zusammenarbeit zwischen den entfremdeten Nachbarn erheben. Alle Teilnehmer waren sich darin einig, dass man mit Katerina Kovacková in Kontakt bleiben und mit anderen Vertretern der jungen Generation in Kontakt kommen wolle, um weitere Brücken in einst vertrautes Terrain zu schlagen. Ihrer Zweckbestimmung hat die mittlerweile schon traditionell in Rechberg stattfindende Tagung somit wieder bestens entsprochen.

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Hinweis: Dieser Artikel wurde vor 3319 Tagen veröffentlicht.


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