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Nachrichten Schwäbisch Gmünd

Neues Schlaglicht auf die Aufarbeitung des „Gmünder Pfarrhaussturms“ am 11. April 1938

Vor 75 Jahren fand auf dem Münsterplatz ein Vorfall statt, der als „Pfarrhaussturm“ in die Geschichte der Stadt eingegangen ist. Die Ereignisse sind bekannt, nicht aber das ganze Material. Stadtarchivarin Barbara Hammes stellte vor, was das Stadtarchiv dazu aufbewahrt.

Freitag, 12. April 2013
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 27 Sekunden Lesedauer

SCHWÄBISCH GMÜND (rw). Bisherige Darstellungen, vor allem die von Ulrich Müller, stützen sich auf Dokumente, die das Münsterarchiv und das Staatsarchiv in Ludwigsburg aufbewahrt. Zwei gut nachgefragte Führungen zu den Schauplätzen bot das Archiv am Donnerstagabend an. Barbara Hammes, Stadtarchiv-​Mitarbeiterin Brigitte Mangold und Praktikant Nils van der Straeten lasen aus den Originalquellen. Man muss nur ein paar Schritte über den Münsterplatz gehen, zum Haus Münsterplatz 21, gleich neben dem Stadtarchiv, zum Haus Münstergasse 3, der Georgskaplanei, und zur Hofstatt 7, wo sich früher das Polizeirevier befand.
Kurz der Ablauf des Geschehens in der Nacht vom 11. auf den 12. April 1938: 40 Nazis randalierten vor den Häusern, in denen Dekan Großmann und Kaplan Schmidt wohnten. Türen und Fenster wurden eingeschlagen, es fielen einige Schüsse, die Geistlichen wurden beschimpft und bedroht. Die Randale dauerte etwa eine halbe Stunde, so lange brauchte es, bis die Polizei von ihrem 100 Meter entfernten Revier kam. Sie ging nicht etwa gegen den Mob vor, sondern nahm die Geistlichen in Schutzhaft. Sie mussten Württemberg verlassen. Die Kirche erstattete Anzeige, die Staatsanwaltschaft Ellwangen stellte das Verfahren ein. NS-​Kreisleiter Oppenländer ließ Schadensersatz zahlen, ohne dass damit ein Schuldeingeständnis verbunden war. Die Rolle der Polizei war zwiespältig, sie wusste wohl schon zuvor Bescheid und deckte dann die Täter.
Nach Mai 1945 war die Situation wieder offen, die Täter konnten zur Rechenschaft gezogen werden. Die amerikanische Militärregierung stand vor der Aufgabe, die Deutschen an die Demokratie zu gewöhnen. Es ging an die Entnazifizierung, und dafür sammelten sie Material. Auf diesen Teil der Überlieferung der Nachkriegszeit ging die Archivarin ein, besonders auf die Ermittlungen des Julius Appenzeller, dessen Unterlagen sich im Stadtarchiv befinden. Appenzeller, 1881 in Gmünd geboren, war Kriminalpolizist und Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Er wurde 1934 vorzeitig in den Ruhestand versetzt. 1945 arbeitete als „investigator“ für die Amerikaner, er veranlasste den Kirchenpfleger Arnold, die Vorgänge von 1938 zusammenzustellen. Dann ermittelte er selbst, fand die Adressen der Täter heraus und setzte sich dafür ein, dass die Sache aufgeklärt wurde. Sein Material gab er an die Spruchkammern und an das Amtsgericht weiter. Inzwischen ermittelte die Staatsanwaltschaft wieder. Mit der eigentlichen Verurteilung hatte Appenzeller nichts mehr zu tun, der von 1948 bis 1950 SPD-​Stadtrat war. Er ging 1951 ins Altenheim Kloster Lorch, davor übergab er seine Unterlagen an den Stadtamtmann Carl Wagenblast, dieser gab sie ans Stadtarchiv, „als später vielleicht einmal wertvolles Material“, wie er an Appenzeller schrieb. Appenzellers Vorgehen werfe ein Schlaglicht darauf, wie unklar es damals war, wie jemand zur Verantwortung zu ziehen war, meinte die Archivarin. „Kein Held, aber er hat sich für die Aufarbeitung eingesetzt“, meinte Barbara Hammes über Appenzeller, der eine durchaus schillernde Person gewesen sei.
Das Landgericht verurteilte 16 Personen wegen der Pfarrhaus-​Unruhen, allen voran den NS-​Kreisleiter. Wie sich die damaligen Gmünder gegenüber den Verurteilten verhielten – es waren schließlich welche der ihren –, „darüber schweigen die Quellen“, so Hammes. Dass der Pfarrhaussturm 1938 die Gmünder jedenfalls bewegte, erschließe sich schon aus den Schadensersatzzahlungen. Sie sollten für Ruhe sorgen.
Die Entnazifizierungs-​Spruchkammern, so unzulänglich sie mit ihren Fragebögen und Persilscheinen waren, bewirkten immerhin eine erste Auseinandersetzung mit der NS-​Verstrickung. Aber, wie immer, es bleiben Fragen offen – bis heute. Nicht zuletzt die, ob die Bezeichnung „Pfarrhaussturm“ angemessen ist und ob der damalige Protest von kirchlicher Seite schon als „Widerstand“ gegen das NS-​Regime einzuschätzen ist.

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