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Größte Hochachtung: Pfarrer Gebhard Luiz mit dem Gmünder „Preis für Bürgercourage“ ausgezeichnet

Die Frage stellte sich gar nicht erst: Selbstverständlich erhoben sich die Anwesenden am Freitag, um Pfarrer Gebhard Luiz, dem insbesondere ob seiner Haltung im Dritten Reich der Gmünder Preis für Bürgercourage verliehen wurde, stehend zu applaudieren und ihn zu ehren. Nach 70 Jahren als aktiver Priester hat sich Pfarrer Luiz im Alter von 99 Jahren in den Ruhestand versetzen lassen. Heute lebt er in St. Anna; wer ihn kennt, ist wenig überrascht, zu hören, dass er dort noch immer als Seelsorger für andere da ist.

Samstag, 20. Juli 2013
Rems-Zeitung, Redaktion
2 Minuten 5 Sekunden Lesedauer

Von Birgit Trinkle
SCHWÄBISCH GMÜND. Zumindest bei kirchlichen Auszeichnungen, so meinte er mit dem ihm eigenen trockenen Humor, sei’s wie mit den Fliegerbomben: „Sie fliegen meist ins Hinterland und treffen Unschuldige.“ Den ihm verliehenen, im Gedenken an Franz und Katharina Czisch gestifteten Preis nehme er an „für alle, die im Dritten Reich gelitten und für alle die, wie Hermann Köhler, ihr Leben verloren haben.“ Sie hätten es verdient, diese Ehrenzeichen zu erhaltenen; allein, er sei zumindest in Gmünd der einzige, der damals im Gefängnis war und noch lebe – Pfarrer Luiz feiert im August den 100. Geburtstag. Den ihm zu Ehren organisierten Festakt nutzte er für eine Ehrenrettung des aufgrund seiner Haltung im Dritten Reich geschmähten Papstes Pius XII. Insbesondere durch die Nähe zu Menschen im Widerstand und durch Persönlichkeiten wie seinen Heimatpfarrer, der ihn, wie er sich gestern erinnerte, „gegen den Nationalsozialismus impfte“, war es eigentlich unvermeidbar, dass er Scherereien haben würde. Viele Schikanen hat er erduldet, unter anderem war er von Juni 1940 bis Dezember 1941 wegen „Zersetzung der Wehrkraft des deutschen Volkes“ im Zuchthaus Hohenasperg. Diese Zeit hat ihn geprägt.
In seiner Ansprach zeichnete OB Richard Arnold den Lebensweg des couragierten Geistlichen nach, einen Weg, der ihm so viele Menschen so nahe gebracht hat. Gestern waren die St. Georg-​Pfadfinder, die JVA Gotteszell – 35 Jahre war Luiz passionierter Gefängnisseelsorger – sowie der Lions-​Club vertreten; die Michael-​Chorknaben sangen, die Familie Czisch gratulierte, und überhaupt mussten zusätzliche Stühle ins Refektorium gebracht werden. Pfarrer Luiz hat die Verantwortung getragen für den Bau der Piuskirche und mit Pfarrer Kuppler 1985, längst selbst im Seniorenalter, den Pius-​Club gegründet, einen ökumenischen Treff für die Senioren aus dem Herlikofer Berg, Kiesäcker und Ziegelberg („schließlich hatte ich eine evangelische Großmutter“). Dr. Stefan Scheffold, MdL, erinnerte sich an seine Zeit als Ministrant beim damaligen, für seine Menschenfreundlichkeit geschätzten Dekan Luiz – so habe es fürs Ministrieren stets 50 Pfennig gegeben; entsprechend begehrt sei dieser Dienst gewesen. Ernst werdend meinte Scheffold: „Man muss nicht zum Menschenfreund werden, wenn man erlebt hat, welches Unrecht an Menschen begangen wird.“ Münsterpfarrer Robert Kloker bezog sich auf die Apostelgeschichte, genauer, auf die Forderung, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Die Grundrechte des Menschen zu wahren und zu verteidigen, anzukreiden, wenn dies in einem menschenverachtenden System nicht mehr gewährleistet sei, das mache den im guten Sinne christlichen Widerstandskämpfer aus.

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