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» Schwäbisch Gmünd | Samstag, 03. August 2013

100 Jahre Gmünder Ziegenzuchtverein wird am Sonntag mit einer Ziegenschau gefeiert: Programm vor allem für Kinder

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Ihre große Zeit ist vorbei. Die Zeit, in der die Ziege als „Kuh des kleinen Mannes“ auf engstem Raum und mit wenig und vor allem billigem Futter ungezählten Familien auch im Gmünder Raum beim Überleben half, ist Vergangenheit; entsprechend wenige Ziegenzuchtvereine haben überdauert. Die Gmünder feiern den 100. nun aber in einer Zeit, in der Ziegen wieder wert geschätzt werden. Als Teil der Vergangenheit, die mit den letzten Zeitzeugen unwiederbringlich zu verdämmern droht, aber auch als vierbeinige Landschaftspfleger und als Milchproduzenten – Kuhmilchallergiker und Feinschmecker wollten nicht auf sie verzichten. Die Erkenntnis, dass es nicht die Senioren sind, die der Ziege eine Zukunft sichern, hat dazu geführt, dass der Verein sein Fest zum 100-​jährigen Bestehen vor allem auf die Wünsche und Vorlieben junger Gäste ausgerichtet hat und aufzeigen will, was die Faszination der Ziegen ausmacht.

Dass man Ziegen mögen muss, ist kein Geheimnis. Überlebenskünstler par excellence sind sie, und über Jahrtausende haben sie zum menschlichen Leben beigetragen: „Die Ziege hat die Menschheit groß gemacht“, trifft in mehr als einer Beziehung zu. Züchter Gerald Plewan wird nicht müde, sie zu preisen. Ihrem wachen Blick, dem nichts entgehe, widmet er sich, ihrer Sturheit und ihrer Neugier und ihrem Hang, Zaun und Tor zu überwinden, um zu sehen, ob das Gras auf der anderen Seite tatsächlich grüner ist. Ein Wort, das die Ziege im Besonderen charakterisiere sei „Feinheit“: Wie weich das Fell sei, oder die Nase, wie feinmolekular die Struktur der Milchinhaltsstoffe und des Fleisches; fein seien der Geschmack frischer Milch und des Käses, fein auch die Unterwolle – Kaschmir genannt – die ausgekämmt und handverlesen werden muss, oder das Leder, das hochwertige Glacéhandschuhe ebenso auszeichnet wie Trommelfelle.
Geschichte und Geschichten
für die Nachwelt erhalten
Wie schleckig Ziegen sind, wissen nicht nur Märchenfreunde. Wer mit den Tieren zu tun hat, weiß ein Klagelied vom heillosen Chaos zu singen, das allzu oft beim missmutigen Spiel mit dem verweigerten Futter entsteht. Auf der anderen Seite scheinen Jackenknöpfe, Zeitungen und halbe Strickjacken hervorragend zu schmecken. Wenn Ziegen irgendwo nicht sein wollen, oder wenn sie einfach das Bedürfnis nach ein bisschen Aufmerksamkeit haben, bringens sie’s fertig, wie angewurzelt dazustehen und zu meckern. Und zu meckern. Zu meckern, bis irgendjemand die Faxen dick hat und dem Vieh gibt was es will, nur damit endlich Ruhe ist. Alte Männer – Elisabeth Plewan leitet eine Betreuungsgruppe für Demenzkranke und bringt solche Geschichten mit heim – erinnern sich an Schaukämpfe, die sie als Buben inszeniert haben, indem sie den Bock zum Stier gemacht haben und bei denen sie in schöner Regelmäßigkeit von den Beinen geholt wurden. Legendär sind auch Geschichten von Ziegen, die allein dafür sorgen konnten, dass es etwa berühmten Rennpferden gut ging.
Ein Mitglied des Vereins ist OB Richard Arnold, der von einem sehr zeitintensiven, aber eben auch lohnenden Hobby spricht – er hat in Herdtlinsweiler selbst zwei Ziegen, „Heidi“ und „Meckerle“. Arnold wünscht sich über das Jubiläum hinaus eine Beteiligung des Ziegenzuchtvereins an der Landesgartenschau; im Stauferdorf etwa könnten Mensch und Tier einen schönen Beitrag leisten.
Zunächst aber geht es zurück in der Zeit. Zurück in die Steinzeit, in der der gemeinsame Weg von Mensch und Ziege begann, und zurück in die Zeit, in der der Lammwirt in Gmünd ganz selbstverständlich Ziegen hielt. In die Vereinsgeschichte, an deren Anfang die Zucht der hornlosen rehfarbenen Schwarzwaldziege im Mittelpunkt stand, sowie die angemessene Bezahlung für den Bockhalter – dass der Gmünder Stadtbock zu Beginn des neuen Jahrtausends mit einem Federstrich abgeschafft wurde, haben die Züchter sehr übel genommen.
Der Blick auf bürokratische Hindernisse, die zu überwinden waren und sind, macht deutlich, warum ein Verein nicht zuletzt auch Beratungsfunktionen übernehmen muss; alleine im ständig wechselnden Kennzeichnungsdschungel zurechtkommen zu müssen oder mit der Viehverkehrsverordnung, wäre schon sehr lästig.
Einer der die Gmünder Ziegenzucht maßgeblich bestimmt hat, ist Johann Faul – eine seiner Ziegen war so hervorragend, dass sie im Deutschen Leistungsbuch eingetragen war. Seine Aufgaben übernahmen Max Döbel sowie Hermann und Karl-​Heinz Ziesel. Seit 27 Jahren nun macht sich der Waldhäuser Gerald Plewan all die Arbeit mit dem Verein; er nennt eine Herdbuchzucht sein Eigen, und ihm ist es wohl zu verdanken, dass das Jubiläum gefeiert werden kann. Plewan hat mit seinen Tieren, in denen englisches Blut fließt, der Ostalb-​Zucht landesweit Respekt verschafft. Und auch die Sammlung der Preismünzen aus der Käseproduktion kann sich sehen lassen. Sehr aufwendig wurde die Vereinsgeschichte jetzt fürs Jubiläum – und für die Nachwelt – in einer Festschrift dokumentiert. Gerald Plewan dankt allen ehrenamtlichen Helfern ganz herzlich dafür.
Während Ziegenzüchter sich schwer tun, (Vereins-)Nachwuchs zu gewinnen, gibt es seit den 90ern immer mehr landwirtschaftliche Betriebe, die größere Milchziegenbestände halten. Möglichst viele dieser Höfe sollen für Herdbuchzucht und Milchleistungskontrollen gewonnen werden, fordert die Vorsitzende des Ziegenzuchtverbandes Baden-​Württemberg, Pera Herold; nur enge Verzahnung mit der Milchproduktion ermögliche eine Weiterentwicklung der Zucht.
Ziegen fressen eine Weide nicht kahl, sondern holen sich hier ein Kräutlein, dort ein Gräslein, gerne auch als Unkraut Geschmähtes sowie Zweige von Nadel– und Laubhölzern. Sie fürs Offenhalten der Landschaften zu nutzen ist gern genutzte Alternative zum Verbuschen großer Teile der alten Kulturlandschaft, deren Bewirtschaftung sich für Landwirte schlicht nicht rechnet. Und nicht nur Kuhmilchallergiker freuen sich an der Ziegenmilch, wie ein Blick auf nicht wenige der derzeit beliebtesten Rezepte zeigt, die mit Ziegenkäse arbeiten. Der vielfach geforderte sorgsame, vertraute und bewusste Umgang mit Tieren kann zudem sehr gut ausgleichen, dass das Leben immer weniger mit Natur zu tun hat. „Kinder kommen am Stall net vorbei“, weiß Gerald Plewan aus Erfahrung
Warum nicht irgendeine Ziege gehalten wird? Warum der Ziegenzucht Bedeutung zukommt? Qualität und die Quantität der Milch ist wichtig. Wieder steigendes Interesse an der Vielfalt, die sich in den vergangenen Jahren auf 24 im Herdbuch eingetragene Ziegenrassen erhöht hat. Und wenn die Zuchtziele das Wohlbefinden der Tiere nicht beeinträchtigen – und in der Ziegenzucht ist diese Gefahr relativ gering – kommt die Zucht allen zu Gute. Ziegenzüchter argumentieren zudem, um Notzeiten überstehen zu können, die es in der Geschichte der Menschheit immer wieder gegeben habe, lohne es sich, die besten Tiere vorzuhalten; nur so könne eine hungernde Bevölkerung schnell und effektiv versorgt werden. Birgit Trinkle


Festprogramm – ein Fest
vor allem für Kinder
Am morgigen Sonntag, 4. August, wird von 9 bis 16 Uhr beim Reit– und Fahrverein in Gmünd-​West gefeiert. Selbstredend gibt es neben Leckereien aus Ziegenmilch und Fleisch, eine Ziegenschau, wie es sie hier seit 64 Jahren nicht mehr gegeben hat – seit Wochen werden die Gatter zusammengebaut. Vor allem sind Aktionen geplant, an denen Junge und ganz Junge Freude haben dürften: Streichelzoo mal anders. So werden Mutproben abverlangt – wer es schafft, eine Ziege zu führen, erhält einen kleinen Preis. Ziegenmilchseife kann individuell gestaltet werden, Stofftaschen werden bedruckt, ein Button-​Mann kommt, und auch eine Mal-​Aktion ist geplant.

Fotos: Dass die beiden jungen Böcke freche Fetzen waren, ist auch auf einem Foto zu sehen.


Ziege ist nicht gleich Ziege. Diese Siegerziege der Zuchtklasse 3 um 1900 hatte aufgrund der Rückenfehlbildung – Karpfenrücken genannt – sicherlich Probleme, zu gehen. Wer sich am morgigen Sonntag die Tiere der Gegenwart anschaut, sieht die Zuchterfolge.

Ältere unter den Leserinnen und Lesern der Rems-​Zeitung werden sich noch daran erinnern, dass viele Städte und Gemeinden – unser Bild entstand um 1932 in Heubach – bis in die 50er-​Jahre des 20. Jahrhunderts Ziegenhirten angestellt haben, die sich um die Tiere kümmerten, während die Besitzer arbeiteten. Wie schwierig es war, die Tiere im Blick zu behalten, ihnen zu helfen, wenn sie sich im Gebüsch verheddert hatten oder wenn sie auf der Weide ihre Lämmer zur Welt brachten, bot Stoff für viele Geschichten.

Siegerziege Lilly 2012 in England. Seit Gerald Plewan damit begann, British Saanen Ziegen aus England zu importieren und einzukreuzen, sind die Leistungen seiner Ziegen ständig gestiegen. Im Gmünder Raum wird neben der Bunten vor allem die Weiße Deutsche Edelziege (WDZ) gezüchtet. Herdbuchzucht bedeutet, es gibt eine geordnete Zusammenstellung beglaubigter Abstammungsnachweise, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen soll, dass Tiere den Zuchtzielen entsprechen.


 

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