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Nachrichten Rehnenhof-Wetzgau

Dreifelderwirtschaft wie zur Zeit der Staufer: Beitrag des Landwirtschaftsamtes zur Landesgartenschau 2014

Welten prallen aufeinander wenn das 12. und das 21. Jahrhundert gemeinsam ein Feld bestellen. Nutznießer sind weniger die Darsteller der Staufersaga, die zwischen Wetzgau und Wustenriet Unkraut hacken werden wie vor tausend Jahren, als das Landwirtschaftsamt und mit ihm die Gartenschau 2014.

Montag, 30. September 2013
Rems-Zeitung, Redaktion
3 Minuten Lesedauer


Von Birgit Trinkle
SCHWÄBISCH GMÜND. Die Frau, die da mit ihrer Hände Arbeit dafür sorgen soll, dass gutes, lebensspendendes Korn wächst, streicht sich das Haar aus der Stirn, greift in eine Falte ihres groben, kratzig aussehenden Kittels und schaut aufs Smartphone – das ihr in ‘zig Videos aus aller Welt zeigen kann, wie sie das mit dem Säen am besten bewerkstelligt. Zwischen den Feldern am Waldrand bei Wetzgau liegen nicht nur zwei Meter, sondern über tausend Jahre.
Alte und neue Dreifelderwirtschaft gegenüberzustellen ist eine aus der Bewunderung für den Stauferzug geborene Idee Hans Börners, Chef des noch immer Landwirtschaftsamt genannten entsprechenden Geschäftsbereichs der Landkreisverwaltug. Die Gruppe „Wald und Jagd“ war schnell dabei, mitzumachen. So hat Barbara Weber, moderne Bäuerin, gestern ihre Wolltracht aus Staufertagen übergeworfen, eine Tischdecke als Saattuch umfunktioniert und ihren Ehering so gut es geht versteckt – den hat sie seit 40 Jahren nicht mehr abgelegt. So zu säen, von Hand, hätte sie sich nie träumen lassen. Neben ihr muss Kornelia Wacker beim Blick auf einen grob zusammengefügten Rechen lachen — die „Landmaschinen“, mit denen ihre Familie arbeitet, sehen dann doch ganz anders aus.
Der eigens angeforderte Sack Bio-​Dinkel war schon recht: Erstklassiges Saatgut. Aber Börner stellte ziemlich entsetzt fest, dass das Zeug gebeizt, sprich ganz selbstverständlich gegen Krankheiten, Schädlinge und Vögel präpariert war. Nur: In diesem Stadium schadet die Beize auch den Menschen. Selbst in einem BioVertrieb scheint niemand damit zu rechnen, dass es zu direktem Kontakt kommt. Was tun? Dieses von langer Hand vorbereitete Projekt verschieben? Die „Staufer“ mit Handschuhen arbeiten lassen oder ihnen erklären, dass sie sich mit den Saathänden ja nicht ins Gesicht fassen dürfen? Das geht gar nicht. Börners Mitarbeitern gelang es kurzfristig, doch noch unbehandelten Dinkel aufzutreiben.
Auf der einen Seite bestellt also Werner Munz das Parzellchen mit seinem Riesen-​Schlepper: Silomais, Wintermais und Wintergerste stehen für eine moderne Fruchtfolge. Auch anderes, noch wenig Bekanntes wird gezeigt, die Durchwachsene Silphie etwa, eine Dauerkultur aus Amerika zur Energiegewinnung.
Auf der anderen Seite arbeiten die Damen Weber und Wacker Hand in Hand mit Gudrun Glanert, Manfred Ebert, Martina Waibel, Werner Hösl und Jutta Haindl an einer der größten Neuerungen des Mittelalters. Die Dreifelderwirtschaft, in Zisterzienserklöstern begründet, sorgte dafür, dass nicht mehr die Hälfte, sondern nur noch ein Drittel der Flächen brachlagen sprich als Viehweide genutzt wurden. Jetzt wurde nicht mehr nur Roggen, sondern Dinkel – für Weizen war das Klima zu rau –, und Sommerfrüchte wie Hafer angebaut. Das Kummet und der Eisenpflug taten ein Übriges, die Produktion so zu steigern, dass sich die Bevölkerungszahl vervielfachte und die Blütezeit des Hochmittelalters begann. Nicht zuletzt das hat die Staufer groß gemacht. Gerne hätte man gestern mit Ochsen gearbeitet; die auszuleihen ist freilich teuer: „Vielleicht an einem Aktionstag während der Gartenschau“, überlegte Hans Börner. Deutlich wurde bereits bei der Aussaat, wie mühsam das Arbeiten damals war und wie stets präsent eine Hungerkatastrophe: Auf einen Zentner Saatgut kommen heute 40 Zentner Ernte. Das Verhältnis früher lag bei eins zu drei – da bleibt nicht viel zum Leben, wenn neues Saatgut zurückgelegt werden soll.
Würde das Mittelalterfeld sich selbst überlassen, müsste modernes Kroppzeug bekämpft werden, das „Franzosenkraut“ vor allem, das während der napoleonischen Kriege eingeschleppt wurde. Das kam nicht in Frage. Karin und Martin Weiß, die das Ganze begleiten, Biologen aus Kirchheim am Ries, erklärten gestern, wie Manfred Rösch vom Institut für Archäobotanik durch Ausgrabungen an der Gmünder Stadtmauer die passende Unkrautmischung zur Aussaat ermittelte – für Biologen sind das wertvolle Wildkräuter wie die „Dicke Trespe“, die sich ganz und gar dem „Schwabenkorn“ Dinkel angepasst hat und mit ihm auf Reisen ging. Mit dem Gmünder Prof. Dr. Dieter Rodi arbeiten sie zum Thema Wildackerkräuter. Derzeit freuen sie sich vor allem an der Gelegenheit, bei Wetzgau historische Nutzflächen mit uralten „Unkräutern“ zu bestücken – zum einen lehmigen Acker, wie im Gmünder Raum oft zu finden, zum anderen aber auch kleinere Flächen mit kalkhaltigem Härtsfeldboden („viel Steine gab’s und wenig Brot“) und sandigem, leicht zu bearbeitendem Boden aus Brainkofen, wie ihn etwa die Menschen der Steinzeit zu schätzen wussten. Fragen hat noch nie geschadet: Landwirt Josef Weiß etwa nutzte die Gelegenheit und fragte Tomma Bieling und Johannes Schuler vom Landwirtschaftsamt, wie sich eine Knöterich-​Unkrautart der Gegenwart am besten bekämpfen lässt.


Dass nicht nur gesät, sondern auch Unkraut gehackt werden muss, erfuhren die Freiwilligen erst gestern Abend — wiederum keine sehr angenehme Aufgabe. Vor allem, weil die Saat nicht in Reih und Glied ausgebracht wurde, wie heute üblich, sondern eben wie Kraut und Rüben durcheinanderwachsen wird. Und dann die Vögel – ob sich heute tatsächlich die Dorfjugend dazu bringen lässt, Vögel zu vertreiben? Es wird in jedem Fall spannend, den Beitrag des Landwirtschaftsamtes zur Gartenschau zu begleiten.

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